Bundeswehr in Afghanistan

In der "Killzone" endet das Gefühl vom Abenteuercamp

Ein kleiner Außenposten der Bundeswehr zeigt, dass es Fortschritte gibt in Afghanistan. Aber es geht nur mühsam voran. Und die Lage kann kippen.

Als Gott die Welt erschuf, blieb am Ende ein Haufen Schutt übrig. Diese Brocken, die nirgends sonst hinpassten, sammelte Gott ein und schleuderte sie auf die Erde. So erzählen die alten Männer Afghanistans dem Reisenden die Geschichte ihres Landes.

Einen dieser Brocken hat sich die Bundeswehr ausgesucht, um Deutschlands Sicherheit am Hindukusch zu verteidigen. Getauft wurde der karge Lehmhügel, der einsam inmitten der grünen Ebene des Kundus-Flusses thront, auf „Höhe 432“ – die exakte Position des abgeflachten Gipfels über dem Meeresspiegel.

"Willkommen im Abenteuercamp“

Die militärische Nüchternheit der Namensgebung wird vom Empfangskomitee ausgeglichen. „Willkommen im Abenteuercamp“, begrüßt Oberfeldwebel Christian P. seine Besucher. „Es melden sich dienstbereit: 13 Soldaten und zwei Wachhunde.“

Ein paar Schildkröten vergisst der junge Unteroffizier noch zu erwähnen, und die beiden Vierbeiner hat er unzulässig befördert. Die Welpen stecken noch in der Ausbildung zum Aufpasser, immerhin klingen ihre Namen schon nach ausgewachsenen Sicherheitskräften: Starsky und Hutch.

Die fröhliche Gelassenheit der Soldaten steht in einem seltsamen Kontrast zu ihrem Arbeitsplatz. Die Höhe 432 ist ein schwer befestigter Außenposten, gelegen im Distrikt Char Darah, einem der lange Zeit am härtesten umkämpften Gebiete der Unruheprovinz Kundus.

Der Fuß des Hügels ist mit Nato-Draht gesichert, das 20 Meter hoch gelegene Plateau von Schützengräben durchzogen, die an eine Frontstellung im Ersten Weltkrieg erinnern. Tonnenweise Kies, Sandsäcke und Bohlen hat die Bundeswehr von afghanischen Tagelöhnern hier hochschleppen lassen, um die in alle Himmelrichtungen ragenden Ausgucke und die rustikalen Unterkünfte gegen Feindbeschuss zu sichern.

Weizen, Reis, Tomaten und Melonen

Wer den Blick schweifen lässt über Felder und Baumgruppen, der kann sich kaum vorstellen, wo dieser Beschuss herkommen soll. Weizen, Reis, Tomaten oder Melonen bauen die Landwirte in dieser Gegend an, die Ernte verspricht reich zu werden, die Ufer des Kundus sind eine der Kornkammern Afghanistans.

Eine verschleierte Frau arbeitet auf dem Acker, vor einem nahen Gehöft sitzen Männer in weiten Gewändern im Schatten, ein Mopedfahrer knattert vorbei. Und auf der frisch geteerten Straße spielen Kinder. Krieg? Eher eine Idylle.

Der Rundgang mit dem Oberfeldwebel durch sein kleines Reich fördert den flüchtigen Eindruck. Mit robustem Soldatenhumor führt Christian P. in die in den steinharten Lehmboden gehauenen Schlafnischen, die bescheiden mit Feldbetten und Moskitonetzen ausgestattet sind, aber luxuriöse Namensschilder tragen, von „Hilton“ bis „Interconti“.

Die aus einem Plastikkanister bestehende Campingdusche ist eine Attraktion, ebenso die aus Holzstange und zwei Sandsäcken gebastelte Hantelbank. Auch die staubige Feldküche lohnt einen Blick mit ihrem antiquiertem Gaskocher für die Zubereitung der gefürchteten EPA, Einmannpackungen zur Notfallverpflegung.

Gerade ist es heiß und staubig im Außenposten, in der Sonne steigt das Thermometer auf über 50 Grad, die Wachposten mit ihren schweren Schutzwesten schwitzen still vor sich hin. „Die Alternative ist Regen“, sagt der Oberfeldwebel, „dann pappt der Matsch zentimeterdick an den Stiefeln.“

Erst an einer Schützenstellung Richtung Südost wird Christian P. ernst. Von dort aus sind am Horizont die Lehmmauern von Isa Chel zu erkennen. Das Dorf wird vorwiegend von Paschtunen bewohnt, es gilt als Hotspot, als gefährlicher Flecken – und Hochburg der Taliban. Und der Weg von Höhe 432 nach Isa Chel trägt einen Namen, der schon gar nicht mehr so lustig klingt: „Killzone“.

An Karfreitag in einen Hinterhalt

Es war am Karfreitag des vorigen Jahres, als eine Infanteriekompanie der Bundeswehr mit dem Auftrag, die Strecke nach Sprengfallen abzusuchen, in einen Hinterhalt geriet. Die auch an diesem Tag friedlich aussehenden Bauern waren urplötzlich von den Feldern verschwunden, dann wurden die Deutschen unter Feuer genommen, ein vergrabener Sprengsatz explodierte unter einem gepanzerten Dingo.

Das Gefecht dauerte stundenlang, drei Soldaten fielen, vier wurden schwer verletzt – und hätten nicht überlebt, wären nicht amerikanische Medevac-Hubschrauber trotz starken Beschusses vor der Höhe 432 gelandet, um die Verwundeten zu bergen und ins Rettungszentrum im Feldlager Kundus auf der anderen Seite des Flusses zu fliegen.

Ein halbes Dutzend weitere Soldaten musste später nach Hause geschickt werden, weil sie den blutigen Kampf und den Verlust der Kameraden psychisch nicht bewältigt hatten. „Daran wird man immer erinnert“, sagt Christian P., „wenn man hier oben steht.“

Schauplatz eines Traumas

Am Karfreitag 2010 war der Außenposten Schauplatz eines Traumas für die Bundeswehr. Ein gutes Jahr später ist er ein Hügel der Hoffnung. Noch immer sind drüben aus Isa Chel manchmal Schüsse zu hören, „von wem auch immer“, wie ein Soldat sagt: „Taliban gegen Milizen, Afghanen gegen Afghanen“. Doch ansonsten ist die Lage ruhig rund um den kleinen Hügel der Bundeswehr.

Trotz aller Witzeleien über ihr Abenteuercamp sind die Jungs von Höhe 432 wachsam und vorsichtig, sie halten ihre Schnellfeuergewehre, Granatwerfer, die schweren Milan-Panzerabwehrraketen in Stellung. Aber sie mussten die Waffen schon lange nicht mehr benutzen. Auch deshalb sprechen sie von einer positiven Entwicklung, von Fortschritten.

Dieser kleine Ausschnitt der Lagebewertung wird von dem Kommandeur der 13 Soldaten geteilt. Oberstleutnant Andreas Steinhaus hat eine breitere Perspektive, er ist der Chef der insgesamt 650 Mann starken Task Force Kundus, des deutschen Gefechtsverbands für diese Region.

Seit Januar ist er in den Provinzen Kundus und Baghlan unterwegs, den gefährlichsten Einsatzgebieten im Regionalkommando Nord, dem Verantwortungsbereich der Bundeswehr.

„Wir konnten Afghanistan in sechs Monaten nicht retten, aber wir sind einen guten Schritt vorangekommen“, sagt Steinhaus, der mit seinen Männern in diesen Tagen in die Heimat zurückkehren wird. „Der Rest des Weges braucht Geduld und Standfestigkeit.“

"Sie kennen das Risiko und sind bereit"

Seine Soldaten, sagt der Oberstleutnant, hätten „den Willen dazu, sie kennen das Risiko und sind bereit, es zu tragen. Es ist schwer, den Einsatz durchzuhalten. Aber es ist möglich.“ Die Frage ist nur, ob die Regierungen in der Heimat noch den Willen haben. Nicht nur in Deutschland herrscht Kriegsmüdigkeit, auch US-Präsident Barack Obama hat gerade verkündet, bis Sommer 2012 rund 30.000 Soldaten abzuziehen.

Dabei war es gerade die erst vor einem halben Jahr abgeschlossene Truppenaufstockung, der „Surge“, der die Fortschritte ermöglicht hat. Seitdem unterstützen 5000 US-Soldaten die Bundeswehr im Norden, und sie haben Hubschrauber, Minenräumer und Elitekräfte mitgebracht.

Deutsche, Amerikaner und Verbände der Afghanischen Nationalarmee (ANA) starteten im Herbst vorigen Jahres die Operation Halmazag (Blitz) im südlichen Char Darah, sie lieferten sich schwere Gefechte mit den Aufständischen und drängten sie aus der Region. Anfang des Jahres folgte die Operation Agas e Bahar (Frühlingsanfang), die sich dem nördlichen Teil Char Darahs widmete.

Und anders als früher ziehen die internationalen Truppen (Isaf) aus den einmal eroberten Gebieten nicht wieder ab, sondern richten Posten wie die Höhe 432 ein, um das Terrain zu verteidigen. Im Schutz dieser Stützpunkte folgen dann zivile Aufbauhelfer, die Brunnen und Straßen bauen oder die freigekämpften Dörfer mit Strom versorgen.

So sollen, mit den Worten des Isaf-Oberkommandierenden US-General David Petraeus , die „Herzen und Köpfe“ der Bevölkerung gewonnen werden. Parallel dazu wird die ANA weiter ausgebaut und ausgebildet, um Stück für Stück immer mehr Aufgaben von den Alliierten übernehmen zu können.

Analphabetenrate bei rund 70 Prozent

Das Ganze ist ein mühsames Geschäft. Beispielsweise liegt die Analphabetenrate bei der ANA bei rund 70 Prozent, und viele afghanische Soldaten können sich beim täglichen Unterricht nicht länger als eine Stunde konzentrieren. Und dennoch gibt es Ergebnisse der Ausbildung. Zwei benachbarte Außenposten der Höhe 432 sind Anfang Juni an die Afghanen übergeben worden.

„Die Kooperation klappt ganz gut. Und insgesamt haben wir diese in den deutschen Nachrichten immer nur als ,Unruheprovinz‘ auftauchende Gegend überraschend gut im Griff“, sagt Hauptmann Markus P., der zum zweiten Mal hier im Einsatz ist. Der Feldjäger sitzt ein paar Kilometer von Höhe 432 entfernt im Hauptquartier der Polizei von Chahar Darah.

Dort hat die Bundeswehr seit zwei Jahren einen Kompaniegefechtsstand eingerichtet. „Als ich von Oktober 2009 bis März 2010 zum ersten Mal hier war, saßen wir quasi im Lager fest. Nach Süden sind wir kaum bis zur Höhe 432 gekommen, nach Norden ging fast gar nichts.“ Es fehlten Soldaten, Hubschrauber, und es fehlte der Auftrag, offensiv vorzugehen.

„Jetzt sind wir mit den afghanischen Kollegen fast jeden Tag auf Patrouille“, sagt Markus P., „und halten den Operationsraum weitgehend offen.“

Bevölkerung ist offen gegenüber Ausländern

Die Bevölkerung, sagt der Hauptmann, sei offen gegenüber den Ausländern. Aber sie sei auch abwartend, „und schaut ganz genau, wer am Ende der Stärkere ist“.

Denn die Taliban sind keineswegs verschwunden, sie sind nur geschwächt. Isaf ist es durch die Offensiven und die fast jede Nacht stattfindenden Kommandoaktionen der US-Spezialeinheiten, bei denen Führungskräfte der Aufständischen gezielt festgenommen oder getötet werden, gelungen, den Organisationsgrad des Gegners zu schwächen.

Die Taliban wagen sich nicht mehr in offene Gefechte, sie haben keine sicheren Rückzugsgebiete mehr – aber sie weichen auf eine altbekannte Taktik aus.

Keine Woche ohne Anschlag

Keine Woche vergeht ohne Anschlag per IED, das sind selbst gebaute Sprengsätze, die in den Straßen vergraben und per Fernsteuerung gezündet oder am Körper eines Selbstmordattentäters ins Ziel gebracht werden. Die Zahl der IEDs in ganz Afghanistan hat sich von 2010 bis 2011 verdoppelt, sie sind für die meisten Toten und Verwundeten der internationalen Truppen verantwortlich.

Für die Soldaten sind die heimtückischen Sprengfallen „belastend“, wie Markus P. sagt. Aber man wisse mit diesem Einsatzrisiko umzugehen.

Als mangelnden Respekt vor ihrer Leistung aber empfinden es viele deutsche Soldaten, dass das Bild ihres Einsatzes vor allem von den Nachrichten über die Sprengstoffanschläge geprägt wird und die hart erkämpften Fortschritte ignoriert werden. Auch in der Berliner Politik, so die verbreitete Wahrnehmung, werde vor allem über Abzugszahlen debattiert statt über militärische Entwicklungen.

Eines müsse allen klar sein, sagt ein Offizier: „Die Sache hier steht auf der Kippe, sie kann in beide Richtungen gehen. Wenn man jetzt aus politischer Opportunität zu viele Soldaten abzieht, setzt man alles aufs Spiel.“

Heimkehr nach insgesamt sechs Monaten

Die 13 Männer auf Höhe 432 beschäftigt das nur noch am Rande. Ihre Woche auf dem Hügel ist fast herum, sie werden in den nächsten Tagen nach insgesamt sechs Monaten im Einsatz nach Deutschland heimkehren. Sie gehen in dem Bewusstsein, etwas geschafft zu haben. Sie wissen aber auch, wie fragil das Erreichte ist.

Als eine Gruppe von Kindern winkend auf den Stützpunkt zukommt, werden sie von den Soldaten heftig winkend abgewiesen: „Stop! Go away!“ Auch Kinder können einen versteckten Sprenggürtel tragen.