Straßenschlachten

Tatort Tottenham. Angriffe "wie von Ameisen"

Abgebrannte Häuser, verkohlte Autos, Glas und Blut auf dem Boden – die brutalen Ausschreitungen breiten sich über ganz London aus. Die Polizei ist offenbar überfordert.

Es sind Szenen, die man von einem Industriestaat wie Großbritannien in der heutigen Zeit nicht erwartet hätte. Spuren der Verwüstung pflasterten am Morgen die Straßen mehrerer Stadtteile der britischen Hauptstadt. Es sieht aus wie nach einem Bombenangriff.

Häuser sind bis auf die Grundmauern abgebrannt, verkohlte Autos und Busse blockieren den Weg, Glasscherben und Blutspritzer überall auf dem Boden. Viele Anwohner mussten aus den brennenden Häusern fliehen und haben alles verloren.

Nachdem sich über 200 Randalierer in der Nacht zum Sonntag im Londoner Stadtteil Tottenham eine Straßenschlacht mit der Polizei lieferten, breitete sich die Gewalt in der Nacht über London aus . In mehreren, als sozial schwach geltenden Stadtteilen im Norden, Osten und Süden Londons räumten über Tausend Menschen Geschäfte aus.

Auch in der Einkaufstraße Oxford Street im Londoner Zentrum kam es zu Plünderungen, die die Polizei jedoch schnell stoppen konnte. Die Krawalle waren vorab über soziale Netzwerke wie Twitter oder Facebook angekündigt worden. Neun Polizisten wurden bei den Ausschreitungen Sonntagnacht verletzt, der angerichtete Sachschaden wird auf mehrere Millionen Pfund geschätzt.

Polizei offenbar mit Situation überfordert

Die Polizei nahm rund 160 Personen fest, war jedoch mit der Situation offenbar vollkommen überfordert. Kamerateams der TV-Sender BBC und SkyNews filmten, wie die Diebe zu Hunderten über die Straßen von Brixton strömten, gezielt in Läden einbrachen und in aller Seelenruhe Kleidung oder Turnschuhe anprobierten. Ein Fernsehteam folgte zwei Jugendlichen, die in gemütlichem Gang einen Flachbildfernseher davon trugen.

Anderen TV-Bilder zeigen, wie Personen verschieden Alters einen Supermarkt mit Tüten voller Lebensmittel verlassen, als hätten sie dort ganz normal eingekauft. Anwohner in Brixton beschrieben die Szenen der Nacht wie Angriffe von Ameisen, die emsig und ungestört die Geschäfte ausräumten.

"Kein Polizist auf der Straße"

„Wir beobachteten Hunderte von Menschen, die Kisten über die Straßen schleppten. Es gab Geschrei und kreisende Polizeihubschrauber, aber keine Polizei auf der Straße”, schilderte eine Anwohnerin die Situation dem Sender SkyNews.

Die Polizei bezeichnete die Plünderer als „kriminelle Trittbrettfahrer“, die ohne politischen Hintergrund die aufgeheizte Stimmung ausnutzen. Auslöser der ersten Krawalle am Samstag war der Tod des vierfachen Familienvaters Mark Duggan, der am Donnerstag von einem Polizisten erschossen wurde.

"Keine Entschuldigung der Gewalt"

Der stellvertretende Leiter der Polizeioperation, Steve Kavanagh, gab zu, dass die Polizei am Sonntag zu wenige Einsatzkräfte auf die Straßen geschickt habe. Das Ausmaß der Kriminalität sei jedoch nicht abzusehen gewesen. Tausende Polizisten seien von Regionen außerhalb Londons am Sonntag nach London zum Sondereinsatz beordert worden.

Er versprach noch mehr zusätzliche Beamte für die Nacht zum Dienstag einzusetzen, damit sich die Szenen nicht in einer dritten Nacht wiederholen könnten. Die britische Innenministerin Theresa May kündigte an, Randalierer und Plünderer vor Gericht stellen zu lassen: „Die Londoner haben klar gemacht, dass es keine Entschuldigung für Gewalt gibt.“

Sinkende Moral bei Scotland Yard?

Experten werteten die offensichtliche Überforderung der Polizei als Zeichen für die sinkende Moral bei Scotland Yard. Die Regierung von Premier David Cameron plant, in den nächsten vier Jahren 20 Prozent des ohnehin knappen Etats der Polizei einzusparen. Das sorgt seit langem für großen Unmut bei den Beamten.

Die Londoner Polizei war darüber hinaus im vergangenen Monat von dem Skandal um das Boulevardblatt „News of the World“ erschüttert worden. Der Londoner Polizeichef Paul Stephenson und sein Stellvertreter John Yates traten im Juli zurück, weil die Londoner Metropolitan Police bis zu 100.000 Pfund Bestechungsgelder von „News of the World“ angenommen haben soll.

Details weiter unklar

Die Londoner Polizei hatte die Gefahr der drohenden Krawalle nicht kommen sehen, als ein Beamter am Donnerstagabend den 29-jährigen Duggan in Tottenham erschoss. Die Details des Vorfalls sind weitgehend ungeklärt. Nach ersten Darstellungen der Polizei saß Duggan in einem Taxi und hatte auf die Polizisten gefeuert.

Daraufhin habe ihn ein Beamter in Notwehr getötet. Der Polizist hatte ein Funkgerät am Körper getragen, in dem sich eine Kugel fand. Diese galt zunächst als Beweis dafür, dass Duggan tatsächlich gefeuert hatte. Wie der „Guardian“ jedoch berichtete, soll die Kugel im Funkgerät nach ersten forensischen Untersuchungen von einer Polizeiwaffe stammen.

Angehörige forderten Erklärung – vergeblich

Die mangelnden Informationen über den Vorfall lösten die Ausschreitungen am Samstag in Tottenham aus. Viel spricht dafür, dass ein professionelleres Verhalten der Polizei die Gewaltausbrüche hätte verhindern können. Am späten Samstagnachmittag hatte sich die Familie des Verstorbenen mit rund hundert weiteren Menschen zu einer friedlichen Demonstration vor der Polizeiwache in Tottenham versammelt.

Sie forderten die Polizei auf, vor die Tür zu treten und eine Erklärung abzugeben. „Wenn ein Beamter gekommen wäre und mit uns geredet hätte, wären wir gegangen“, sagt der Tottenhamer Sozialarbeiter Stafford Scott dem „Guardian“. Dass die Polizei den Dialog verweigert hätte, sei gerade in einem Stadtteil wie Tottenham unverzeihlich.

Tottenham ist eines der ärmsten Regionen Londons mit einer der höchsten Ausländerquoten. In den vergangenen Jahrzehnten war das Gebiet immer wieder Schauplatz von Krawallen. „Bei unserer Geschichte kannst du keinen Typen von der Polizei erschießen lassen und über 48 Stunden den Dialog verweigern“, sagt Scott.

Zu den bisher schlimmsten Ausschreitungen kam es 1985 in Tottenham. Die Polizei durchsuchte damals die Sozialwohnung des schwarzen Verdächtigen Floyd Jarrett. Seine ebenfalls anwesende, 49-jährige Mutter Cynthia Jarrett starb dabei an einem Herzanfall. In den folgenden Krawallen wurde ein Polizist vom Mob erstochen. Damals entlud sich die Gewalt vor allem, weil sich die überwiegend schwarze Bevölkerung von einer angeblichen rassistischen Polizei gegängelt und diskriminiert fühlte.

Ökonomischer Hintergrund

Heute haben die Gewaltausbrüche auch einen ökonomischen Hintergrund. Über drei Jahre nach Beginn der Finanzkrise hat sich die britische Wirtschaft noch immer nicht erholt. Hohe Arbeitslosigkeit und die härteste Sparpolitik seit 30 Jahren führen gerade in ohnehin schon benachteiligten Regionen Englands zu hoher Frustration. Jobs sind in diesen Gegenden Mangelware.

Dazu kürzt die Regierung Sozialhilfe, Kinder- und Wohnungsgeld. In Tottenham schloss die Bezirksverwaltung in den vergangenen Monaten mehrere Jugendzentren. Die Teenager, deren Eltern oft von Sozialhilfe leben und ihnen wenig Vorbild liefern können, haben nun noch weniger Perspektiven als zuvor.

Die Nachrichtenagentur Reuters zitierte einen 26-jährigen Schwarzen aus Tottenham mit den Worten, die Ausschreitungen seien ein „Schrei nach Hilfe“. Seit er die Schule verlassen habe, konnte er keinen Job finden. „Ich habe keine Arbeit, keine Perspektiven, nichts. Und dann wundern die sich über die Kriminalität.“