Anschlag in Nordafghanistan

"Ich gehöre zu den Glücklichen, die überlebt haben"

Beim Sprengstoffanschlag in Talokan starben zwei Bundeswehrsoldaten, viele wurden verletzt. Ein deutscher Oberst erinnert sich: "Für uns Betroffene war das Krieg."

Foto: Jürgen-Joachim von Sandrart

Nach acht Wochen Verletzungspause hat der deutsche Regionalkommandeur in Nordafghanistan, Generalmajor Markus Kneip, seine erste Dienstwoche angetreten. Der 55-Jährige war Ende Mai bei einem Sprengstoffanschlag auf den Gouverneurspalast von Talokan verwundet worden.

Bei dem Attentat starben zwei seiner engsten Mitarbeiter, seine Sprachmittlerin erlitt lebensgefährliche Verletzungen. Zudem wurden der Polizeichef der Region und drei weitere Afghanen getötet.

Der deutsche Oberst Jürgen-Joachim von Sandrart erlebte die Explosion direkt mit, er befand sich zu dem Zeitpunkt im Gebäude. An der vorhergehenden lokalen Sicherheitskonferenz hatte er gemeinsam mit Brigadegeneral Zalmai Wesa teilgenommen, dem Kommandeur des 209. Korps der Afghanischen Nationalarmee, dem er als Senior Mentor zur Seite steht.

Hier schildert Oberst von Sandrart seine Erinnerungen an jenen 28. Mai.

„Ich gehöre zu den Glücklichen, die diesen Anschlag überlebt haben. Das ist nur wenigen Metern zu verdanken: Als unten in der Eingangshalle der Sprengsatz detonierte , hielt ich mich noch im ersten Stock des Gebäudes auf. Die Konferenz im Gouverneurspalast war bis dahin sehr friedlich verlaufen.

Alles war bereit zur Abfahrt, die Personenschützer von General Kneip warteten schon vor dem Gebäude. Die anderen Teilnehmer der Konferenz wollten das Gebäude gerade verlassen, einige waren noch in der Halle. General Wesa, seine Begleitoffiziere, ich und zwei weitere deutsche Offiziere waren noch dabei, unsere Schutzwesten anzulegen.

Dann gab es plötzlich diese Explosion. Uns war sofort klar, was passiert war: ein Selbstmordattentat oder eine andere Art von Anschlag.

Wir wussten auch, dass das, was uns unten erwartet, nicht schön sein wird; dass es Tote und Verwundete geben würde. Bei so einer Detonation kommt in kürzester Zeit alles zusammen: Feuer, Rauch, Schreie, Schüsse – durch das Feuer explodierte bei den getroffenen Soldaten die Munition in den Magazinen.

"Es hörte sich wie ein Feuergefecht an"

Das und der weitere Gefechtslärm hörten sich so an, als wäre im Erdgeschoss ein Feuergefecht im Gange. Von den bewaffneten Männern im Obergeschoss beschlossen ein Kameraden und ich, dass wir uns ein klares Lagebild verschaffen und in die Eingangshalle vorstoßen; die anderen warteten zunächst einmal oben.

Als wir die Treppe herunter kamen, sicherten wir zunächst die Umgebung und klärten: Wer lebt, wer ist gefallen, wer ist verwundet? War es nur ein Sprengsatz oder gibt es einen Folgeanschlag?

Danach haben wir mit zwei Personenschützern und drei Offizieren getan, was getan werden musste: Eigensicherung aufrecht erhalten, die Verwundeten versorgen und die Toten bergen. In so einer Extremsituation spielt der Dienstgrad keine Rolle, da gilt es innerhalb der „Schicksalsgemeinschaft“ koordiniert und entschlossen zu handeln.

Mit dem ersten Schock und der Anspannung entwickelt sich ein Fokus, weil man extrem auf die Situation konzentriert ist und den Blick auf das Wesentliche lenkt. Man muss sich aber zwingen, weiter zu denken, denn es besteht immer die Gefahr, dass ein zweiter Anschlag folgt. Damit wollen die Feinde gezielt in die Versorgungsarbeiten hinein angreifen.

"Wir waren nicht sicher, ob wir den Afghanen trauen konnten"

Deswegen mussten wir ständige Verbindung untereinander und nach außen halten und sicherstellen, dass die Verstärkungskräfte zu uns kommen konnten. Außerdem war uns relativ bald klar, dass wir es gegebenenfalls mit einem Innentäter zu tun hatten. Wir waren uns also nicht sicher, ob man den zahlreichen afghanischen Sicherheitskräften vor Ort überhaupt trauen konnte .

Wir brauchten etwa fünf Minuten, um durch die Eingangshalle zu kommen. Als wir unten ankamen, habe ich General Kneip schon nicht mehr gesehen. Man sagte mir nur: Er lebt, er ist in Sicherheit. Uns fiel ein Stein vom Herzen. General Kneip hatte mit dem Provinzgouverneur schon vor dem Gebäude gestanden, unmittelbar vor der Tür, im Rücken geschützt durch eine Säule, die ihn vor noch schwereren Verletzungen bewahrte.

Er wurde mehr oder weniger in die Arme seiner Personenschützer geschleudert. Die haben ihn sofort evakuiert, er war nach zwei Minuten schon nicht mehr vor Ort. Innerhalb von 20 Minuten trafen die örtliche Feuerwehr und unsere gepanzerte Reserve aus dem deutschen Feldlager in Talokan ein.

Dabei war eine Ärztin, die sich um die schwer verwundete Sprachmittlerin kümmern konnte. Bis dahin hatten wir sie so gut wie möglich mit unserem Sanitätsmaterial versorgt. Das soldatische Grundhandwerk muss im Ernstfall jeder beherrschen, denn auf jeden kann die gleiche Situation zukommen. Wir waren froh, dass wir in diesem Moment funktioniert haben. Auch General Wesa, der mit im Obergeschoss geblieben war, wusste, was zu tun war.

"Ich spreche neutral aus eigenem Schutz"

Als sich das Feuer ausbreitete und die Treppe nicht mehr begehbar war, koordinierte er die Evakuierung des oberen Stockwerks.

Ich spreche über diese Dinge, die ich in Talokan erlebt habe, eher neutral, schon aus eigenem Schutz. Denn für Außenstehende klingt es immer wie eine Abenteuergeschichte. Für diejenigen aber, die betroffen sind, die wir uns auf dieses Worst-Case-Szenario ja ständig vorbereiten und doch meist davon überrascht werden, ist das schon etwas deutlich anderes.

Das Ereignis kam für uns unerwartet, es gab keine Anzeichen. Plötzlich entstand eine Lage, die durch Kampf, Verwundung und Tod gekennzeichnet war. Der ehemalige Verteidigungsminister bezeichnete diese Situationen als „kriegsähnliche Zustände“.

Was da in diesem Moment in und um dieses kleine Gebäude herrschte, das war für die Betroffenen Krieg. Bruchteile von Sekunden veränderten für uns die Welt. Die schwersten Momente waren die Bergung und Identifizierung unserer gefallenen Kameraden, die – eben noch unter uns – hinterhältig aus ihrem Leben und unserer Mitte gerissen wurden.

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