Mutmasslicher Attentäter

Anders B. - Tat war "grausam, aber notwendig"

Anders B. sieht sich als Tempelritter, der gegen den Islam kämpft. Er lebte bei seiner Mutter in einer Fantasiewelt und tarnte sich als Gemüsebauer. Dabei bereitete er jahrelang den Anschlag vor.

„Ich werde als das größte (Nazi-)Monster beschrieben werden, das es seit dem Zweiten Weltkrieg gegeben hat“ – das sind die Worte des Mannes, der am Freitag fast 100 wehrlose Menschen ermordete. Anders B., der 32-jährige Norweger, der mit einer Autobombe und einem Sturmgewehr wie im Rausch Zivilisten tötete, schlug mit unerbittlicher Präzision zu. Im Minutentakt exekutierte er seine Opfer.

Fast stündlich werden jetzt neue Details aus dem Leben Breiviks bekannt, im Internet hat er ein über 1500-seitiges Manifest platziert. Alles zusammen ergibt das Psychogramm eines fanatischen, akribischen Massenmörders. Wer ist dieser Mensch, der im Blutrausch Kinder und Jugendliche in einem Ferienlager erschoss, nachdem er zuvor eine gewaltige Autobombe in der Osloer Innenstadt gezündet hatte?

Die Fotos, die im Internet von Anders B. kursieren, zeigen einen freundlich dreinblickenden Mann mit hellblauen Augen und strohblondem Haar. Der Junggeselle macht den Eindruck eines tüchtigen Mitglieds der Gesellschaft, den sich Mütter als Schwiegersohn wünschen. Er besuchte nach eigenen Angaben das Handelsgymnasium in Oslo, studierte und gründete angeblich eine Computerfirma. Mit 24 Jahren habe er seine erste Million verdient, schrieb Breivik in einem Internetforum. Ob das stimmt, werden die Ermittlungen zeigen. Bis zuletzt hat er in der Wohnung seiner Mutter im Westen von Oslo gewohnt.

Im sozialen Netzwerk Facebook beschreibt sich B. zudem als Liebhaber klassischer Literatur. Er lese Franz Kafka, George Orwell und Adam Smith. Außerdem erwähnt er dort, dass er sich Computerspielen wie „World of Warcraft“ widme, gern Filme schaue und klassische Musik höre. Seine Hobbys seien Jagen und Bodybuilding.

Anders B. hat sein zweites Gesicht bis zum Schluss vor seiner Umwelt verbergen können. Offenbar lebte er seit Jahren in seiner eigenen Welt. Es ist eine Fantasiewelt, in der er ein Tempelritter ist, also einer jener mittelalterlichen Krieger, die das Abendland vor der islamischen Bedrohung retten wollten. Es ist eine Welt, die aus abstrusen Vorstellungen, eiferndem Fanatismus und unbändigem Hass auf die multikulturelle Gesellschaft und den Kulturmarxismus besteht. In diesem Universum, in dem Verschwörungstheorien blühen, sieht sich Breivik als Erlöser des Abendlandes.

Breivik beruft sich auf Mill

„Eine Person mit einer Überzeugung hat so viel Kraft wie 100.000, die nur Interessen haben.“ Diesen Satz des Philosophen John Stuart Mill, eines der einflussreichsten liberalen Denker des 19.Jahrhunderts, führt B. zu seiner Rechtfertigung an. Wer so denkt, kennt kein Schuldempfinden. Geir Lippestad, der Anwalt des Attentäters, sagte dem norwegischen Fernsehsender NRK, sein Mandant zeige keine Reue. „Man hat ihm das unglaubliche Ausmaß des Schadens und die Zahl der Toten erklärt“, sagte Lippestad. „Seine Reaktion war, dass er die Ausführung der Tötungen als grausam, aber in seinem Kopf als notwendig erachtete.“ Die Polizei hat von diesen wirren Gedanken nichts mitbekommen. „Er kam aus dem Nichts“, teilt sie mit. Auch Norwegens Geheimdienst PST hatte von Anders B. nichts mitbekommen.

Der Verdächtige gehörte nach Erkenntnissen der Polizei keiner bekannten rechtsextremen Bewegung an. In seiner Akte gab es nur Einträge wegen kleinerer Vergehen. „Er war nicht auf unserem Radar. Wäre er in einer Neonazi-Gruppe in Norwegen aktiv gewesen, hätten wir ihn auf dem Radar“, sagte ein Polizist. Im Polizeiverhör hat B. eingeräumt, die Tat bereits seit neun Jahren geplant zu haben. Seit 2009 äußerte er seinen Hass auf den norwegischen Staat auf rechten Internetseiten. Dort machte er keinen Hehl aus seinen radikalen Ansichten und hetzte gegen den Islam. Für dieses vermeintliche Grundübel trage die Einwanderungspolitik der amtierenden sozialdemokratischen Arbeiterpartei die Verantwortung.

Anders B. beklagte auch, dass die Medien in Norwegen von Marxisten unterwandert und gleichgeschaltet seien. Dass Konservative wie er terrorisiert würden. Dass sich niemand gegen Islamisierung und Überfremdung erhebe.

Während er diese Gedanken im Internet äußerte, saß Breivik offenbar schon an einem Pamphlet, dessen Monstrosität sich schon im Umfang zeigt. Auf 1516 Seiten breitet er sein Weltbild aus, in englischer Sprache. Das wirre Werk trägt den Titel: „2083 – A European Declaration of Independence“ und enthält die Prophezeiung eines Krieges der Kulturen in Europa. Es ist das Bekenntnis eines Massenmörders. Darin findet sich auch der eingangs zitierte Satz, dem zufolge er bald schon als „größtes (Nazi-)Monster“ in die Geschichte eingehen werde.

In der Schrift wird auch der Berliner Publizist Henryk M. Broder zitiert – unter anderem mit dem Satz, dass junge freiheitsliebende Menschen Europa lieber verlassen sollten. Und eine Reihe europäischer und deutscher Politiker, unter anderen Angela Merkel, werden als „Kulturmarxisten“ bezeichnet.

Deportation von Muslimen gefordert

Die sogenannte Unabhängigkeitserklärung hat Breivik nur wenige Stunden vor seinem Amoklauf per E-Mail an skandinavische Politiker verschickt. Das Dokument gilt inzwischen als authentisch. Er fürchte, so schreibt er, die Überfremdung der europäischen Kultur, speziell durch muslimische Einwanderer. Um das zu verhindern, müsse es zum bewaffneten Widerstand kommen.

Dazu bedürfe es einer paneuropäischen Armee nationalistischer Milizen. Sie sollten sich am Vorbild des Ordens der Tempelritter orientieren. Breivik hantiert mit bizarren Zahlenspielen: Bis zu 45000 Menschen würden in dem Kulturkampf das Leben verlieren. „Wir wollen das nicht tun“, schrieb er, „aber man lässt uns keine andere Wahl.“ Einmal begonnen, sei es besser, zu viele zu töten als zu wenige. Auch ein abstruses Ultimatum zur Kapitulation an fast alle europäischen Regierungen findet sich in seinem Pamphlet. Bis 2020 sollten mehrere Bedingungen, darunter die Deportation von Muslimen, erfüllt werden. Geschehe dies nicht, werde der Krieg der Bürger gegen den Staat unvermeidlich sein, droht Breivik.

Der Erklärung angehängt hat er ein akribisch geführtes Tagebuch. Es umfasst 17 Seiten und reicht bis zum Freitag – also jenem Tag der blutigen Tat. Breivik erzählt darin, wie er eine abgelegene Gemüsefarm nahe der Ortschaft Asta anmietete, um dort aus Dünger in monatelanger Arbeit Sprengstoff herzustellen. Er hält detailliert fest, wie er Munition kaufte, Schießübungen machte und einen angemieteten Transporter in eine Autobombe verwandelte. Aus den Einträgen im Tagebuch wird auch deutlich, dass Breivik den Anschlag in Oslo und das Massaker im Jugendlager der Arbeiterpartei offenbar seit langer Zeit vorbereitet hat.

Beiläufig schreibt er über seinen Stiefvater. Der sei ein „primitives sexuelles Biest“, er habe viel Zeit „mit Prostituierten in Thailand“ verbracht. Das lässt sich als Beleg dafür lesen, dass Breivik, der eigenen Angaben zufolge vier Halbschwestern hat, in schwierigen Familienverhältnissen groß geworden ist.

Schon bevor Breivik die Bombe zündete und immer wieder den Abzug betätigte, mahnte er, Gleichgesinnte sollten aus seinen Fehlern und Erfahrungen lernen. Sie sollten Terroranschläge dieser Art schneller und effektiver durchführen. Er habe 80Tage für die konkrete Umsetzung seiner Pläne benötigt. Das sei zu lange.