Lampedusa

Flüchtlinge suchen Leben in Freiheit – und Arbeit

Trotz einer erfolgreichen Revolution flüchten Tausende Tunesier nach Italien. Morgenpost Online hat einige von ihnen getroffen.

Ein Blütenmeer bedeckt Lampedusa. Es duftet nach Frühling, doch eisiger Winterwind pfeift von Westen über die Agaven-Insel. Die Flüge sind ausgebucht, allerdings mit Journalisten statt Touristen. Der neue Exodus aus Tunesien löst gerade den Freiheitsrausch der Ägypter in den Nachrichten ab. Flüchtlinge kommen uns schon auf dem Flughafen entgegen, meist klein, drahtig, die Kapuzen über die Köpfe gezogen und schwer bewacht. Die Hafenpolizei begleitet sie zu dem Flieger, der uns gerade hergebracht hat. Gruppenweise werden sie in größere Lager nach Sizilien oder auf das Festland gebracht.

Denn Lampedusa platzt aus allen Nähten. Flüchtlinge sitzen zwischen den Felsen, kauen Grashalme am Hafen, rauchen auf Felsbrocken, hocken im Kreis zwischen Kakteen und Ölbäumen im Gras, wandern in kleinen Gruppen die Via Roma auf und ab, zwischen den Carabinieri, der Hafenpolizei und Einheiten der Finanzpolizei. Sie schauen fassungslos am Hafen zu, wie die Boote, die sie erst gestern oder vorgestern über die schwere See hierhin gebracht haben, von Kränen aus dem Wasser geholt, auf Tieflader verladen und drei Straßen weiter auf dem La Salina Platz zu einem neuen Schiffsfriedhof abgeworfen und von Bulldozern zusammengeschoben werden, als wäre es Altpapier. Alle warten. Lampedusa ist nur ein Schritt auf dem Weg zur Endstation Sehnsucht. „Uns ist jedes Land Recht“, sagt Munir aus Sidi Bou Said, der „blauen Stadt“ bei Karthago. „Wir alle haben Berufe. Wir machen alles. Wir wollen nur endlich in Freiheit leben und arbeiten.“

Wracks der gesunkenen Boote blockierten schon die Hafeneinfahrt

Vor Jahren schon hat die Hafenbehörde Lampedusas die ersten versenkten Seelenverkäufer wieder gehoben. Sonst hätten die Wracks längst den ganzen Hafen verstopft. Darum werden die Flüchtlingsboote nun gleich aus dem Wasser geholt und weggeschafft. „Es ist eine Schande“, sagt Antonio di Luca, ein stoppelbärtiger Fischer, den die Boote an seine Jugend erinnern, als auch in Lampedusa noch alle Boote aus Holz gebaut waren und bunt bemalt wurden. „Es ist eine Schande! Doch von der Schifffahrt verstanden die was. Navigieren können sie.“ Es sieht wirklich wie ein Wunder aus. 200 bis 300 Menschen haben tunesische Steuermänner mit diesen winzigen Booten auf ihren letzten Fahrten hierhin gesteuert, zu Italiens südlichstem Hafen vor der Küste Afrikas.

Angst hat di Luca nicht vor den Flüchtlingen, sie tun ihm nur leid. Doch natürlich versteht er auch jene, denen hier nun angst und bange wird. „Sie sind doch so jung. Und wir sind alt. Die zu uns kommen sind die stärksten. Es ist eigentlich die Hoffnung Tunesiens. Bei uns bringen sie viele zum Verzweifeln.“ Die Insel hat 6000 Einwohner. Etwa doppelt so viele sind in den vergangenen Tagen aus dem Norden Afrikas dazu gekommen, abgebrannt, mittellos, mit nichts als einem unbändigen Willen zur Freiheit Europas.

Ihr Zustrom ist gerade wieder unterbrochen, nicht aber die Furcht, dass diese Völkerwanderung aus Afrika nie mehr aufhören könnte. Dass es nur die Vorhut von Millionen ist, wie der Innenminister auf einer Pressekonferenz in Rom andeutet, die im „Caffè del Porto“ zum Geklapper der Tassen und dem Pfeifen der Espresso-Maschinen übertragen wird. Eine Furcht, die nach den Bildern der vollgepackten Boote in den vergangenen Tagen in den Haushalten Italiens ventiliert wurde. „Doch in den letzten 24 Stunden kam keiner mehr durch“, erklärt der Hafenkommandant am Kai. „Die Küstenüberwachung greift wieder, in Tunesien wie in Italien.“

Sind die jungen Männer Mitarbeiter von Ben Alis Geheimpolizei?

Dieselstinkende dreirädrige Pickups knattern um uns herum. Eine Demonstration der Bootsflüchtlinge kommt auf uns zu, mit Gesang und einem großen Transparent, auf das sie „Grazie Lampedusa“ gepinselt haben. Hundert Meter weiter haben andere dasselbe Mantra quer über die Straße gesprayt: „Grazie Lampedusa!“ Könnte es aber nicht sein, dass sich hier die Geheimpolizei des tunesischen Diktators Ben Ali nach der Revolution in Sicherheit bringen will, bevor sie daheim enttarnt oder gelyncht wird? Noureddin ist 23 und lacht über die Frage. „Ich bin der jüngste von sieben Brüdern. Die ganze Familie hat 2000 Denar zusammengelegt, das sind etwa 1000 Euro, damit ich nach Europa kann, um Arbeit zu suchen. In Tunesien gibt es nichts mehr. Wir wollen Freiheit. Wir wollen Arbeit. Wir machen alles, was uns geboten wird.“

Aber hat Tunesien nicht gerade selbst die Freiheit erkämpft? Wird jetzt nicht alles anders? „In einem Jahr vielleicht“, sagt ein Mann an Noureddins Seite, „oder in zwei oder vier oder nie. Manche sagen, dass Ben Ali seinen Vize vom Ausland aus über das Telefon weiter steuert. Doch das muss er gar nicht. Ben Ali war wie eine Tomatenpflanze mit vielen Wurzeln. Diese Wurzeln sind überall in Tunesien. Wir sind das Palästina Nordafrikas. Freiheit will einfach nicht zu uns kommen.“

Der Mann ist Mechaniker und für ihn und die anderen Flüchtlinge ist mit der Revolution vor allem die Zeit der Geduld abgelaufen. Zwei Tage hat er deshalb mit 350 anderen Flüchtlingen auf einem winzigen Boot bei Eiseskälte auf dem Meer ausgehalten. Für die Freiheit in Italien hätte er aber auch noch vier Tage länger gehungert und gefroren und furchtbare Angst gehabt. Er lacht, als er uns zu dem Wrack auf dem Friedhof führt, das ihn „gerettet“ hat, das jetzt noch voll mit leeren Wasserflaschen und vollgesogenen Decken ist.

Was heißt die arabische Schrift am Bug? Er lächelt und faltet innig die Hände. „’Gott schütze uns’ heißt das und das hat er wirklich getan.“ Andere Schiffe tragen am Bug abwehrende Hände, die gegen „den bösen Blick“ schützen sollen und auch das scheint in Lampedusa wohl in Erfüllung gegangen. Erkennbare Feindseligkeit ist nirgends zu sehen. „Buon giorno!“ sagt einem jeder, dem wir in die Augen schauen. Ein wenig Italienisch haben hier fast alle gelernt.

Was ist, wenn auch die Ägypter kommen?

„Buon giorno!“ sagt auch Federico Miragliotta, der junge Direktor des Auffangzentrums, der uns in das Lager in einem kleinen felsigen Tal außerhalb Lampedusas hinein führt, wo alle Flüchtlinge zunächst unterkommen, versorgt mit warmen Mahlzeiten, Zigaretten, einer Telefonkarte (um ihre Angehörigen zu verständigen), Kleidung und einem Set mit Hygiene-Artikeln. Dottore Miragliotta trägt keine Uniform, sondern die gleiche Kleidung wie die Immigranten – Jeans, Turnschuhe, ein Kapuzenpullover. Ihm ist die geniale Maßnahme zu verdanken, das Zentrum zur Stadt hin zu öffnen, damit sich in ihm kein Hochdruck staut, und die Flüchtlinge sich auf der Insel frei bewegen können. „Sehen sie selbst“, sagt er, „wie ruhig und friedlich es ist.“

Das sagt auch Stefano Nastasi, der Pfarrer der Insel unter der Madonnen-Statue, die die heimkehrenden Schiffe über dem alten Hafen begrüßt. Die Motive, den genauen Hintergrund und die Identität der einzelnen Flüchtlinge muss der Staat herausfinden, und das wird nicht einfach sein. „Dass sich alle aus großer Not der Lebensgefahr dieser Überfahrt ausgesetzt haben, ist klar. Da bleibt uns nichts anderes als zu helfen übrig“, sagt Nastasi. Doch keiner wagt sich auszumalen, was geschehen könnte, wenn auch Millionen Ägypter jenes Glück und jene Freiheit, die sie auf dem Tahrir-Platz entdeckt haben, plötzlich nicht mehr am Nil, sondern am Tiber, der Seine und am Rhein weiter suchen und finden wollen.