Libyen

Sohn und Enkel Gaddafis bei Nato-Angriff getötet

| Lesedauer: 5 Minuten

Ein Luftschlag der Nato hat nach Angaben der libyschen Regierung ein Haus der Familie von Machthaber Muammar al-Gaddafi zerstört. Ein Sohn und drei Enkelkinder seien dabei ums Leben gekommen, heißt es.

Der jüngste Sohn sowie drei Enkelkinder von Machthaber Muammar al-Gaddafi sind laut dessen Sprecher bei einem Raketenangriff der Nato am Samstag getötet worden. Staatschef Gaddafi selbst sei nicht verletzt worden, sagte Regierungssprecher Mussa Ibrahim: „Der Führer selbst ist bei guter Gesundheit.“

Die Nato bestätige einen Angriff auf ein „Kommando- und Kontroll-Gebäude“ am Samstagabend im Stadtteil Bab al-Asisija in Tripolis. „Ich weiß von unbestätigten Medienberichten, wonach einige Mitglieder der Familie Gaddafis getötet worden sein könnten“, erklärte der Kommandeur des Nato-Einsatzes, General Charles Bouchard, am frühen Sonntagmorgen, ohne dies jedoch zu bestätigen. Alle Nato-Ziele seien militärischer Natur. Er bedauere jeden Verlust von Menschenleben, besonders wenn unschuldige Zivilisten in dem anhaltenden Konflikt zu Schaden kämen, sagte Bouchard.

Muammar al-Gaddafi und seine Frau hätten sich in Tripolis im Haus des 29-jährigen Saif al Arab Gaddafi aufgehalten, als dieses von mindestens einer Rakete, abgefeuert von einem Nato-Flugzeug, getroffen worden sei, sagte Mussa Ibrahim. Auch die Frau des Machthabers sei bei guter Gesundheit, sagte der Sprecher. Mehrere Journalisten wurden zu einem ummauerten Komplex einstöckiger Gebäude in einem Wohngebiet in Tripolis gebracht, wo sie schwere Bombenschäden vorfanden. Nach dem Angriff war schweres Geschützfeuer in der Stadt zu hören.

Stunden zuvor hatte Gaddafi eine Waffenruhe gefordert

„Der Angriff hat zum Märtyrertod von Bruder Saif al Arab Gaddafi, 29 Jahre alt, geführt“, sagte Ibrahim. Saif al Arab habe mit seinem Vater und seiner Mutter, sowie seinen Nichten, Neffen und anderen Besuchern gespielt und sich unterhalten, als er – der keine Verbrechen begangen habe – angegriffen wurde, sagte der Sprecher. Die Namen der drei getöteten Kinder wollte Ibrahim nicht nennen. Diese würden nicht veröffentlicht, um die Privatsphäre der Familie zu schützen. Ibrahim sagte lediglich, dass es sich um Nichten und Neffen von Saif al Arab gehandelt habe und alle jünger als zwölf Jahre gewesen seien.

Der Angriff sei ein Versuch gewesen, „den Führer dieses Landes zu ermorden“ und habe gegen internationales Recht verstoßen, sagte Ibrahim. Insgesamt hatte Gaddafi sieben Söhne und eine Tochter. Saifs Mutter ist die zweite Ehefrau des Staatschefs und frühere Krankenschwester, Safia Farkasch. Saif al Arab Gaddafi war der Bruder des wesentlich bekannteren Saif al Islam Gaddafi. Außerhalb Libyens war Saif al Arab Gaddafi nicht zuletzt aufgrund seiner Vorliebe für schnelle Autos und Partys bekannt.

Eine Adoptivtochter Muammar al-Gaddafis kam 1986 bei einem US-Luftangriff ums Leben. Diesen hatte der damalige US-Präsident Ronald Reagan als Vergeltung für einen Terroranschlag auf die Berliner Diskothek „La Belle“ angeordnet, bei dem zwei US-Soldaten getötet wurden. Die USA machten Libyen für den Anschlag verantwortlich.

Rebellen reagieren mit Jubel auf die Todesnachricht

Der Angriff vom Samstag ereignete sich nur Stunden, nachdem sich Staatschef Gaddafi erneut für eine Waffenruhe und Gespräche mit NATO-Mächten ausgesprochen hatte. Diese hatten die Forderungen abgelehnt und stattdessen gesagt, sie wollten Taten des Regimes sehen. Erst am Dienstag hatten US-Verteidigungsminister Robert Gates und der britische Verteidigungsminister Liam Fox im Pentagon gesagt, dass NATO-Flugzeuge nicht Gaddafi im speziellen ins Visier nähmen. Sie würden aber weiter fortfahren, seine Kommandozentralen anzugreifen.

In der seit Wochen von Gaddafis Soldaten belagerten Stadt Misrata reagierten die Rebellen mit Hupkonzerten und „Gott ist groß“-Rufen auf die Nachricht vom Tod des jüngsten Sohnes von Machthaber Muammar al-Gaddafi. Die Stadt wird seit zwei Monaten von den Truppen Gaddafis beschossen, hunderte Menschen sind bereits getötet worden. Vor dem zentralen Hikma-Krankenhaus wurde Feuerwerk angezündet, was kurzzeitig zu einer Panik führte, da einige an einen feindlichen Beschuss glaubten.

In Deutschland waren Verfahren gegen den Sohn anhängig

Saif al Arab Gaddafi hatte bis vor einiger Zeit in München studiert. Das Studium habe er aber nicht abgeschlossen, sagte Mussa Ibrahim. In München waren zwischen November 2006 und Juli 2010 zehn Verfahren und ein Vorermittlungsverfahren bei der Staatsanwaltschaft gegen ihn anhängig, wie das bayerische Justizministerium kürzlich bestätigte. Unter anderem bestand der Verdacht des Verstoßes gegen das Waffen- und Kriegswaffenkontrollgesetz sowie auf Körperverletzung, hatten die bayerischen Grünen jüngst mitgeteilt. Die Partei hatte der Justiz in Bayern einen zu nachsichtigen Umgang mit dem Sohn des libyschen Machthabers vorgeworfen. So seien mehrere Verfahren, unter anderem wegen des Verdachts auf Körperverletzung, zugunsten des Gaddafi-Sohnes eingestellt worden.

Anfang des Jahres war Saif al Arab Gaddafi in Deutschland zur unerwünschten Person erklärt worden, wie das bayerische Innenministerium damals bestätigte. Demnach durfte er nicht mehr in die Bundesrepublik einreisen.

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