Keine Birkenstock-Sandalen an den Füßen, Business-Hemden statt Selbstgestricktem und auch die Atomkraft-Nein-Danke-Aufkleber fehlen. Die Klimaschützer, die sich bei der UN-Konferenz in Cancún ein internationales Stelldichein geben, entsprechen kaum dem Klischee vom „Tree-Hugger“, vom „Baumumarmer“, wie Umweltaktivisten in den USA gern bespöttelt werden.
Zum Beispiel Peter Höppe. Er ist Wissenschaftler, er will der Menschheit Gutes tun, aber er will dabei dem Versicherungskonzern, für den er tätig ist, auch neue Geschäftsfelder eröffnen. Höppe wirbt an einem der winzigen Infostände in einer Halle des Cancúner Messegeländes für einen Finanzausgleich zwischen armen Ländern, die der Erderwärmung wenig entgegensetzen können, und den Industriestaaten, die Höppe als Verursacher derartiger Übel sieht.
Oder Nycole Joseph. Die junge Lehrerin ist als eine von nur zwei Delegierten aus St. Lucia angereist und sie möchte zweierlei: Dass die reichen Länder in der Tat helfen. Und dass ihre Schüler daheim auf dem von der Landwirtschaft geprägten Commonwealth-Inselchen in der Karibik lernen, sich umweltfreundlich zu verhalten. „Und Energie zu sparen, denn die Energievorräte gehen zur Neige“, sagt Nycole Joseph.
Drittes Beispiel: Am Infostand der SustainUS, einer einflussreichen Jugendorganisation der USA, erläutert Marcie Hankins Smith die Forderungen der jungen Generation an ihren Präsidenten. Barack Obama soll das Cap-and-Trade-Gesetz zum Emissionshandel gegen die republikanische Mehrheit im Abgeordnetenhaus mit präsidentiellen Befugnissen durchsetzen. „Das ist keine Frage von Parteien, sondern von nachhaltiger Politik“, sagt die 23-Jährige und berichtet von Kontakten zwischen SustainUS und den umweltschutzbewegten „Republicans for Environmental Protection“. Sustain lässt sich als „ertragen“ und als „stützen“ übersetzen, und „us“ kann für „uns“ oder die Vereinigten Staaten insgesamt stehen.
Die entscheidenden Stunden sind angebrochen in Cancún. Am Freitag sollen die Delegierten aus 194 Ländern einen gemeinsamen Beschluss fassen. Aber worauf können sie sich einigen? Kaum auf eine Fortsetzung des Kyoto-Protokolls von 1997. Diskutiert werden mehrere Folgeverträge. Möglicherweise nimmt die Konferenz nur ein Sammelsurium von Selbstverpflichtungen zustimmend zur Kenntnis, das den Schein wahrt. Oder nicht einmal das.
„Ein Scheitern ist nicht ausgeschlossen“, hat Norbert Röttgen gesagt, der als Bundesumweltminister die deutsche Delegation leitet. Der CDU-Vize wagt gar einen kleinen Ausblick auf die Folgen eines Scheiterns. Dann „müsste eine Diskussion geführt werden, ob die UN als Handlungsinstrument“ der Klimagespräche „infrage gestellt“ seien.
Röttgen selbst will am UN-Rahmen festhalten. In seiner Rede vor dem Plenum pries der Minister den Klimaschutz als Konjunkturmotor. Deutschland werde bis 2020 seine „Treibhausgasemissionen um 40 Prozent und mit Zwischenschritten bis 2050 um 80 bis 95 Prozent“ reduzieren und dadurch bis 2020 „500.000 zusätzliche Jobs schaffen und über 20 Milliarden Euro weniger für Energieimporte ausgeben müssen“. Und dann sagte Röttgen noch das, was als Gedanke in kaum einer Rede in Cancún fehlte: es gelte zu beweisen, „dass wir entschlossen und fähig sind, multilateral zu handeln, und das müssen wir tun, weil wir den Klimawandel nur gemeinsam bekämpfen können“.
China, der größte Emittent von Schadstoffen, lehnt vertragliche Verpflichtungen ab und bietet freiwillige Selbstverpflichtungen an. Nun gibt es vorsichtige Signale, dass sich Peking doch auf eine Vereinbarung einlassen könnte. Zudem versicherte Unterhändler Xie Zhenhua, China werde Maßnahmen ergreifen, um den Höhepunkt der Emissionen „sobald wie möglich“ zu erreichen. Bis 2020 will China gegenüber 2005 pro Einheit des Bruttoinlandsproduktes 40 bis 45 Prozent weniger Treibhausgas ausstoßen. Sollte sich Peking bewegen, stünden die USA recht einsam da. Washington hat das Kyoto-Protokoll unterzeichnet, aber nie ratifiziert.
In der Messehalle von Cancún geht es weniger um aktuelle Kompromisse als um Konzepte für die Zukunft. Peter Höppe etwa hat recht genaue Vorstellungen von einer „Klimaversicherung“, die ärmeren Ländern helfen soll, wenn die Erderwärmung ihre Lebensgrundlagen ändert. „Wenn in Zukunft jede Tonne CO 2 in einem weltweiten Emissionshandel beispielsweise 25 Dollar kostet, müssten die Erzeuger davon einen Anteil von 30 Cent an die Klimaschutzversicherung zahlen“, sagt der Bio-Meteorologe. „Das würde den ärmsten Ländern helfen, die Folgen des Klimawandels zu tragen, und es würde dafür sorgen, dass die Industrieländer als Verursacher der Klimaschäden die Kosten tragen.“ Höppe, Leiter der Abteilung für Georisiko-Forschung bei der Munich RE, der ehemaligen Münchner Rück, zweifelt nicht daran, dass die zunehmende Zahl von wetterbedingten Naturkatastrophen Menschenwerk ist. Zwar habe es immer Stürme, Dürren oder Überschwemmungen gegeben, aber ihre rasante Zunahme führt Höppe auf den erhöhten CO 2 -Anteil in der Atmosphäre zurück.
Das Modell der Klimaversicherung soll demnächst auf Haiti „und zwei, drei kleineren Karibikinseln“ ausprobiert werden. Die Mittel sind beim Bundeswirtschaftsministerium beantragt. Viele weltweit tätige Unternehmen seien für „Klimaschutz und die Anpassung an die unvermeidlichen Veränderungen ansprechbar“, sagt Höppe und schwärmt vom World Climate Summit, der am Wochenende ebenfalls in Cancún stattfand, und ein Forum für derartige Ideen bot. Auch der 56-Jährige referierte auf dem Gipfel, der von Industrie- und Finanzgiganten wie Siemens, BMW, Coca Cola, Deutsche Bank und CNN gesponsert wurde.
„Von diesem Gipfel ging das Signal der Wirtschaft an die Politik: Wir sind schon viel weiter als ihr. Jetzt bewegt euch endlich auch! Ich habe da wirklich eine Aufbruchstimmung erlebt.“ Der Meteorologe hat bei seinem Konzept durchaus die Interessen seines Arbeitgebers im Auge. „Letztendlich wollen wir auch neue Geschäftschancen vor allem im Bereich der innovativen Technologien nutzen, indem wir maßgeschneiderte Versicherungsprodukte anbieten“, sagt Höppe.
Er ist aber nicht nur mit der Klimaversicherung nach Cancún gereist, sondern hat ein weiteres Megaprojekt im Gepäck: Desertec. Es soll die Energieprobleme des Planeten lösen durch riesige Spiegelanlagen in den Wüsten, die Sonnenkraft in Strom umwandeln. „Anlagen von einem Prozent der Saharafläche würden ausreichen, den gesamten derzeitigen Strombedarf der Welt zu decken“, sagt Höppe.
Strom stellt heute rund 50 Prozent des Primärenergieverbrauchs dar. In zehn bis 15 Jahren werde das nördliche Afrika Strom „zu wettbewerbsfähigen Preisen“ produzieren, verspricht Höppe. Effiziente Leitungsnetze zur Übertragung von Hochspannungsgleichstrom, die heute bereits in China zum Einsatz kämen, würden auf 1000 Kilometern Streckenlänge nur drei Prozent Energie einbüßen.
Überhaupt China: Höppe ist begeistert vom Engagement der aufstrebenden Macht bei erneuerbaren Technologien. „Man hat China lange als eines der größten Probleme im Klimaschutz gesehen, aber jetzt entwickelt sich China zum Musterschüler“, sagt der Professor.
Die Konferenz selbst lässt sich hingegen nicht als Musterschüler in Sachen Klimaschutz bezeichnen. Der Gipfel verursache rund 25000 Tonnen Kohlendioxid-Emissionen, teilte die mexikanische Konferenzleitung mit. Voriges Jahr in Kopenhagen wurden bei 45.000 Teilnehmern nur 5000 Tonnen CO2 vermeldet. Allerdings hatte man die Emissionen der Delegiertenflüge nicht eingerechnet.
Im nächsten Jahr findet die Weltklimakonferenz übrigens in Durban statt, und 2012 in Katar und Südkorea. So etwas wird festgelegt, bevor man sich ans Abschlusskommuniqué setzt.




