Die pakistanischen Berge, in denen Al-Qaida-Chef Osama bin Laden vermutet wird, sind tausende Kilometer entfernt – doch die Ortschaft al-Qaida im Jemen trägt schwer an der Bürde dieser unfreiwilligen Namensverwandtschaft. Der Name al-Qaida, der auf Arabisch so viel wie „Basis“ bedeutet, habe „nichts mit dem Netzwerk von Osama bin Laden zu tun“, versichert Abdallah al-Tschaddadi, Polizeichef der 70.000-Einwohner-Stadt rund 220 Kilometer nordwestlich der Hauptstadt Sanaa. „Bei uns gibt es keine Dschihadisten oder Extremisten“, sagt Tschaddadi. Trotzdem werden viele Einwohner al-Qaidas wegen ihres Heimatortes misstrauisch beäugt – gerade wenn sie reisen wollen. „Einige haben das Glück, Stipendien für ein Studium im Ausland zu erhalten“, sagt der Polizeichef. „Doch wenn als Heimatort der Name al-Qaida auftaucht, gibt es Probleme“.

Ein Bewohner, der zur medizinischen Behandlung in ein anderes arabisches Land reisen wollte, wurde sogar festgenommen. „Die Flughafenbehörden nahmen ihn fest und verhörten ihn“, erzählt Tschaddadi. Wegen des Namens al-Qaida in seinem Pass hätten sie ihn schließlich in den Jemen zurückgeschickt.

Bewaffnete, die sich zum Terrornetzwerk al-Qaida bekennen, haben immer wieder Ziele auf der arabischen Halbinsel im Fadenkreuz. Auch im Jemen, der als wichtiger Stützpunkt islamistischer Aufständischer gilt, werden regelmäßig Anschläge auf die Sicherheitsbehörden verübt. Die Regierung schreibt sie meist dem Terrornetzwerk Osama bin Ladens zu, dessen Familie aus dem Jemen stammt.

Doch den Ort al-Qaida plagen ganz andere Probleme, die Kriminalität grassiert. „In der Stadt gibt es viele Alkoholiker und Drogenabhängige“, sagt Polizeichef Tschaddadi. „In vielen jemenitischen Provinzen werden Drogendealer festgenommen, die meisten stammen aus al-Qaida.“

Einst war die Stadt ein wichtiger Knotenpunkt auf den Handelsrouten zwischen dem Norden und dem Süden des Landes und profitierte von den Zolleinnahmen. „Vor zwanzig Jahren war al-Qaida friedlich, ohne Kriminelle und Banditen“, erzählt der 45-jährige Achmed Sabri. Doch mittlerweile ist die Stadt verarmt. 90 Prozent der Menschen leben unterhalb der Armutsgrenze, die Jugend leidet unter der weit verbreiteten Arbeitslosigkeit.

Viele Bewohner klagen darüber, dass sie von der Regierung in Sanaa im Stich gelassen werden. Befestigte Straßen oder eine geschlossene Kanalisation gibt es nicht. „Der Staat unternimmt nichts gegen das Abwasser, dass vor meinem Haus entlangläuft, und mich und meine Familie krank macht“, beschwert sich ein älterer Mann in al-Qaida. Wenn sie könnten, würden wohl viele Einwohner der Stadt den Rücken kehren – vorausgesetzt, dass die Namensverwandtschaft mit dem Terrornetzwerk dabei nicht zum Hindernis wird.

AFP/cn