„Das ist das schönste Kap der Welt“ jubelten die ersten europäischen Siedler, die 1652 in der Tafelbucht – zu Füßen des majestätischen Tafelbergs - die Anker warfen. Dabei wollten sie eigentlich für ihre holländischen Herrn nur eine Versorgungsstation auf dem Weg nach Indien schaffen. Die heutige Millionenmetropole am Kap der guten Hoffnung ist eine der schönsten Städte der Welt, und nur einen Nachtflug von Deutschland entfernt.

Kein Wunder, dass Angela Merkel am Samstag morgen, offenbar blendend ausgeruht nach einer Nacht in der Sondermaschine (ohne Journalisten!), auf den Stufen des südafrikanischen Präsidentenpalastes stand, in die hiesige Wintersonne unter strahlend blauem Himmel blinzelte, und aus tiefem Herzen seufzte: „Es ist schön hier zu sein...“ Jakob Zuma, Präsident der Kaprepublik, stand neben ihr mit seinem bunten Fußballschal, den er seit Beginn der Weltmeisterschaft vor über drei Wochen nicht mehr ablegt, und strahlte mit einer Herzlichkeit – so warm und offenbar aus tiefstem Herzen – die es nur in Afrika gibt. „Über den Besuch unserer deutschen Freunde freuen wir uns wie immer ganz besonders.“ Angela Merkel genoss die Momente im alten, terrassierten tropischen Garten, den Blick aufs funkelnde Meer und lud den Südafrikaner nach Deutschland ein.

Tatsächlich: Südafrikas Wandel ist erstaunlich. Innerhalb von nur zwanzig Jahren, wurde aus dem Paria-Staat der Apartheid eine – gerade in Afrika nicht selbstverständliche – demokratische Republik, wo die Wirtschaft momentan besser läuft, als in den meisten Ländern dieser Welt. Mit Erfolg assoziieren sich Politiker gern. Auf der Freitreppe dieser ehrwürdigen, aber nicht protzigen Residenz im kap-holländischen Stil stand deshalb eine Kanzlerin im Glück. Die Zwietracht in Berlin bei der soeben überstandenen Bundespräsidentenwahl war momentan vergessen.

Als Gastgeber einer bislang hoch erfolgreichen, der ersten Fußball-WM auf dem afrikanischen Kontinent, ist Südafrika nun auf der Siegerstrasse. Entgegen allen Unkenrufen vor allem in der britischen und deutschen Öffentlichkeit, den Zweifeln am Organisationstalent und den Sicherheitsbedenken, bietet die junge Demokratie zurzeit ein ’Wintermärchen’ für die größte Kickershow aller Zeiten. Und die Veranstalter Fifa freut, dass erheblich mehr – von einer zusätzlichen Milliarde US-Dollar ist die Rede - als beim deutschen Sommermärchen verdient wird.

Stunden später war Merkel beim Anstoß im neuen Stadion in Greenpoint, einem Meisterwerk deutscher Architekturkunst. Viele Deutsche waren gekommen, von einigen hunderttausend, die am Kap leben, wie auch angereiste Fans. Seit dem Spiel gegen England sind die Fußballenthusiasten, die eigentlich angekündigt hatten, nicht kommen zu wollen, nun doch in großer Zahl angereist. Auf einmal sind alle Flüge, sowie Hotels und Pensionen picke packe voll.

Und deutsche Innenpolitik ist weit weg am Kap. Deshalb ging jedes Mal, wenn Merkels Bild auf den riesigen Bildschirmen erschien, ein Beifallssturm durchs Publikum. Sogar ein paar Rufer „Angie, Angie“ waren dabei. Beim ersten Mal schaute Trainer Maradona überrascht in die Höhe der Ränge: Jubelte man etwa jemand anderem zu? Nach weniger als drei Minuten muss ihm klar geworden sein, dass fußballerisch sein letztes Stündlein geschlagen hatte.

Ganz anders die temperamentvolle und offenkundig wirklich fußballbegeisterte deutsche Kanzlerin: Viermal sprang sie aufgeregt vom Sitz, klatschte in die Hände, und rammte, wie es jetzt die angesagte Siegergeste verlangt, mit angewinkelten Armen die Fäuste nach vorn. Die beiden alten Herren neben ihr – Jakob Zuma und Fifa-Chef Sepp Blatter – waren ihr wohl etwas zu geruhsam. Also ging sie zum Händeschütteln und für die Umarmungen ein paar Sitze weiter, zu den jüngeren DFB-Herrschaften.

Was für ein Tag am Kap: Die ersten Vorbereitungen für die Fußballvisite wurden schon vor geraumer Zeit getroffen. Damals hieß der Besucher allerdings noch Horst Köhler. Erst vor gut einer Woche sickerte die ersten Gerüchte durch, dass nun die Kanzlerin kommen werde. Das war schlau in Zeiten des Meinungstiefs. Schon die G-8- und G-20-Gipfel waren kein sonderlicher Erfolg. Und dann die mühsame Wahl von Christian Wulff. Die Frage nach der Zukunft der Koalition war in aller Munde, als die Kanzlerin ihre absolut nicht risikoscheue Entscheidung traf: Besuch in Kapstadt. Dass die nunmehr weltweit gefeierte deutsche Mannschaft, die „Adler“ wie sie jetzt allenthalben heißen, allerdings ein so tolles Spiel abliefern würden, das kann auch die Kanzlerin nur gehofft haben.

Am Samstagabend, beim privaten Dinner mit einer besonderen Deutschen in der Kapprovinz, der Ministerpräsidentin Helen Zille, einer Nachfahrin des Berliner Malers, soll es gut gelaunt zugegangen sein. „Wer kommt aus Deutschland zum Endspiel am kommenden Sonntag gegen Holland?“ fragte ein Gast. Worauf aus Kreisen der Kanzlerin geantwortet wurde, dies sei doch genau die richtige Gelegenheit für den neuen Bundespräsidenten. Und die fußballbegeisterte Regierungschefin soll – nur halb scherzhaft – angefügt haben: „Und ich komme gleich noch mal mit“.