
Am ersten Tag der Ferien schreit in Gelsenkirchen eine 69-jährige Frau mit einer königsblauen Schalke-04-Schürze in ihr Handy. „Sag mal, bist du noch zu Hause? Wo ist dein Kind? Möchtet ihr mich jetzt komplett verarschen?“
Venetia Harontzas steht in einem Garten zwischen einer Wohnsiedlung und den Gleisen eines alten Güterbahnhofs und wartet. 35 Kinder aus dem gesamten Stadtteil sollten hier sein, bisher ist nur Mert* (*Name geändert) da. Also ruft Harontzas die Eltern der anderen Kinder an. Gerade hat sie aufgelegt, da wackeln die Zweige eines Apfelbaums. „Ein Eichhörnchen!“, ruft sie. „Zum Glück keine Ratte.“

Es sind Sommerferien. In den kommenden sechs Wochen wird Harontzas Eltern aus dem Bett telefonieren, Handys einkassieren, Zeugnisse einfordern und Kinder zum Deutschunterricht schicken.
Sie wird Streit schlichten, Ausflüge organisieren, sich mit der Stadt um Geld streiten – und fast jeden Tag durch diesen Garten schreien.
Harontzas leitet seit mehr als 25 Jahren den Kinder- und Jugendtreff Lalok Libre an der Dresdener Straße in Schalke. Und damit auch das Ferienprogramm in der Schlosserstraße. „Hier sind die Kinder, die sonst keiner haben will“, sagt sie.

Da ist Mert*, zehn, der nicht im Fußballverein spielt und trotzdem fest daran glaubt, Profi auf Schalke zu werden.
Da ist Eleni*, elf, die schon ihr ganzes Leben ins Lalok geht, Polizistin werden will, aber nur als Hobby. „Als richtigen Job werde ich Kindergärtnerin“, sagt sie.
Da ist Alina*, 16, bei der sich Harontzas sorgt, dass sie im Urlaub von ihren Eltern zwangsverheiratet werden könnte.
Da ist Sara-Maria, auch 16, die als Betreuerin hilft, die die anderen Streberin nennen und die davon träumt, Lehrerin zu werden. Sie fährt in diesem Jahr zum ersten Mal in den Urlaub und hat Angst, Heimweh zu haben.
Sie werden ihre Ferien in diesem Garten verbringen. An Träumen fehlt es ihnen nicht. Doch schon als Kinder lernen sie, ihre Wünsche an Noten, Geld und familiäre Erwartungen anzupassen. Harontzas hält dagegen. Meistens laut.
„Ihr müsst nur auf die Farben achten“
Um 9.59 Uhr ist Mert der Erste, der durchs Gartentor geht. Und der Einzige, der pünktlich ist zum Start der „Summertime 2026“.Seine Markenzeichen: die Gucci-Cap und die eckige Brille, die immer wieder auf seine Nasenspitze rutscht.
Mert ist Einzelkind, stolzer Besitzer eines Border Collies (Arthur*) und einer Katze (Amelie*). Im nächsten Jahr will er mit seinen Eltern ans Meer – nach Holland, mit Arthur, aber ohne Amelie. Für die Katze brauchen sie noch eine Betreuung. Mert hofft, dass es klappt. Er war noch nie im Urlaub.

Mert ist großer Schalke-Fan und war „voll oft“ im Stadion.
Dreimal: einmal mit seinem Vater (Dortmund-Fan!), zweimal mit dem Lalok.
Im Verein spielt er nicht, aber er kickt mit seinem Vater im Schrebergarten.
Meist hockt Mert allein unter dem Sonnenschirm und beobachtet die Älteren. Einmal wollen zwei von den Jungs wissen, ob er eine Freundin hat. „Nein. Ich bin erst zehn, Lan.“ – „Aber einen Crush?“ – „Los, erzähl!“ Mert zupft an seinen Schnürsenkeln. „Nein, das ist geheim.“
Mert geht zurück zu den Jüngeren. Sie beugen sich über ihre Übungshefte. Die wären im Müll gelandet, weil die Schulen sie aussortiert hatten. Schulsozialpädagogin Gitta, wie alle ehrenamtlich hier, rettete sie vor der Papiertonne.
Wir fangen deshalb quasi bei Null an.
Gitta
Mert nimmt sich ein Heft. Er soll Silben verbinden. Das ist Unterrichtsstoff in der ersten und zweiten Klasse. Ge – mü – se, verbindet er. Bei La – zögert er. „Komm, ich helfe dir“, sagt Gitta und zeigt erst auf „-ter -“ und dann auf „-ne“. „So, jetzt alle mal aufpassen“, sagt sie. An der Tafel stehen verschiedene Wörter: Nomen wie Wiese und Blumen in Blau, Verben wie spielen und lesen in Rot, Adjektive wie lieb und lecker in Grün. Die Kinder sollen sie in die Tabelle in ihrem Heft eintragen. Merts Freund schreibt das Wort „Nomen“ in die Kategorie Nomen. Mert kritzelt einen Schmetterling auf sein Blatt. „Ihr müsst nur auf die Farben achten und dann einfach abschreiben“, sagt Gitta.
Mert muss nach den Ferien die vierte Klasse wiederholen. Wie ihm fehlen vielen Kindern hier wichtige Grundlagen. „Wir fangen deshalb quasi bei Null an“, sagt Gitta.

Die Kinder im Lalok sind keine Ausnahme. Mehr als jedes zweite Kind (57,9 Prozent) in Gelsenkirchen hat bei der Einschulung Sprachprobleme. Viele sprechen nicht gut Deutsch, andere kämpfen mit Aussprache oder Grammatik. Das zeigte die Schuleingangsuntersuchung 2024/2025.
Studien zeigen auch: Wer Deutsch nicht gut versteht oder spricht, hat in allen Fächern Probleme. Davor warnen die Autorinnen und Autoren der aktuellen Pisa-Studie. Diese macht auch deutlich: Wie Kinder in Deutschland aufwachsen, entscheidet darüber, ob sie Abitur oder gar keinen Abschluss machen.
Vier von zehn Schülerinnen und Schülern, die sozial benachteiligt sind, zählt die Studie zu den Leistungsschwächsten. Nur zwei von 100 erreichen die Leistungsspitze. Zum Vergleich: Von den eher privilegiert aufwachsenden Jugendlichen schaffen das 25 von 100.
Möchtest du werden wie dein Vater?
Venetia Harontzas
Der Weg für die Kinder im Lalok scheint vorgezeichnet. Venetia Harontzas will sie von diesem Weg abbringen. „Möchtest du werden wie dein Vater?“, fragt sie einen älteren Jungen, der, statt Sozialpädagogin Gitta zuzuhören, einen anderen mit Stiften bewirft.
Dass „ihre“ Kinder mit wenig Chancen aufwachsen, findet Harontzas so unfair, dass sie am liebsten schreien würde. Und manchmal schreit sie dann eben auch die Kinder an. Sie will ihnen klarmachen, dass sie hart für ihre Ziele arbeiten müssen – und dass sich der Einsatz lohnt.
Sie möchte, dass sie groß träumen. Und sie möchte, dass sie aufwachen.
Viele Kinder sagen, dass Venetia Harontzas ihre zweite Mutter sei. „Mich erschreckt das immer ein bisschen. Das ist schon viel Verantwortung“, sagt Harontzas. Auf den Schoß nimmt sie die Kinder nicht, sie will „ein bisschen“ Abstand bewahren. Aber sie möchte ihnen geben, was ihnen zu Hause fehlt: Essen, Aufmerksamkeit, Regeln. Sie macht mit ihnen die Hausaufgaben, kocht ihnen Mittagessen, kontrolliert sogar ihre Zeugnisse.
„Ohne die Fünfen wäre meiner besser“
„Wo ist dein Zeugnis? Ihr solltet mir alle eure Zeugnisse geben!“, sagt Harontzas. „Jaja, mache ich noch. Aber da hat sich eh nichts verändert. Mein Durchschnitt ist nicht so gut“, antwortet ein Mädchen. „Meiner auch nicht. Ohne die Vieren wäre er besser“, sagt ein anderes und kichert. „Ohne die Fünfen wäre meiner auch besser“, sagt Eleni und lacht.
„Ich habe drei beste Freundinnen hier, und zwei echt gute Freundinnen“, sagt Eleni. Sie komme aber mit allen gut klar. Sie kenne ja alle schon immer, sagt die Elfjährige.

Elenis älteren Schwestern gingen vor ihr ins Lalok, ihre Mutter ist noch heute fast jeden Tag dort.
Als Eleni geboren wurde, rief ihre Mutter Venetia Harontzas an. Sie kam ins Krankenhaus und hielt Eleni als Erste im Arm.
„Du wurdest hier reingeboren“, sagt Harontzas.
„Ich wurde hier reingeboren“, wiederholt Eleni.
Die sechs Mädchen sitzen an einem Tisch, getrennt von den Jungen. Es riecht nach Frittierfett und Chlor. Die Sonne brennt auf das Dach aus roter Folie, es sind 32 Grad.
„Wenn ihr Schalke hört, woran denkt ihr dann?“ fragt Venetia Harontzas. „Schreibt das auf. Jeder für sich!“
„Ich schreibe NRW auf“, sagt ein älteres Mädchen.
„Schalke ist doch nicht NRW“, antwortet ein jüngeres.
„Ich habe jetzt: Lalok, Familie, Schule, Fußball“, sagt Eleni.
„Ihr habt Rechtschreibfehler“, sagt das Mädchen, das neben ihr sitzt.
„Na und? Wir sind nur Menschen“, antwortet Eleni.
„Ich schreibe: Früher sind Leute unter den Boden gegangen“, sagt ein Mädchen.
„Wenn Krieg war?“, fragt eins zurück.
„Nein, für die Arbeit.“
„Zeche, meinst du“, sagt Sara-Maria, die als Betreuerin im Garten hilft.
„Ah, das ist Zeche. Das hat mein Opa gemacht.“

In den 1950er Jahren förderten laut Angaben der Stadt mehr als 50.000 Bergleute in Gelsenkirchen Kohle, um die 30.000 Menschen arbeiteten in der Eisen- und Stahlindustrie. Nach mehr als 150 Jahren Bergbaugeschichte schloss 2008 die letzte Zeche in der „Stadt der Tausend Feuer“. Heute sind rund 15 Prozent der Menschen in Gelsenkirchen arbeitslos, so viele wie nirgendwo sonst in Deutschland.
Trotzdem träumen die Kinder hier groß – von einem Leben als Fußballstar oder Influencer. Doch je älter sie werden, desto kleiner scheinen ihre Träume zu werden. In einer Stadt, die selbst seit Jahrzehnten gegen den Abstieg kämpft, fehlt ihnen oft eine echte Perspektive. Sie suchen Vorbilder, die sie in ihrem Umfeld finden: Erzieherinnen oder Lehrkräfte zum Beispiel.
„Jetzt bin ich zu broke“
An einem Donnerstag in der Mitte der Ferien fährt die Gruppe nach Dorsten. Im Bus schließt Elenis „gute“ Freundin Lea* die Augen. Sie war bis 5 Uhr morgens wach und hat ihre liebste koreanische Serie geguckt. Lea „lieeebt“ auch koreanische Pop-Musik, also K-Pop. Ihre Lieblingsband ist die südkoreanische Boyband „Stray Kids“, deren Sänger Felix heißt. „Felix ist mein Mann. Wir werden heiraten“, sagt Lea. Eleni lacht. Leas Wangen werden rot.
Lea lebt bei ihrer Mutter. „Sie hat keinen richtigen Job. Sie putzt bei der Nachbarin“, sagt sie. Sie will einen richtigen Job haben. „Dann kaufe ich mir Tickets fürs Konzert. Jetzt bin ich zu broke.“ Lea war noch nie auf einem Konzert. Nur eines der Mädchen erzählt, dass es schon viele Stars live gesehen hat. „Sie war sogar bei Ayliva“, sagt Lea. Die erfolgreiche Pop-Sängerin kommt aus Recklinghausen.
„Ich habe Ayliva schon aufgegeben, das ist viel zu teuer. Aber meine Freundin ist ja auch reich, die kann sich das leisten“, sagt Lea. Ihre Tasche koste „bestimmt“ 100 Euro. Sie fahre mit ihrer Familie in den Urlaub und feiere immer groß ihren Geburtstag.

In Dorsten kommen sie an einer Polizeiwache vorbei. „Meint ihr, da ist ein Knast drin?“, fragt Eleni. „Neee, glaube nicht“, sagt Lea. „Es gibt zwei Möglichkeiten, wie du das rausfinden kannst: Du wirst Polizistin. Oder du lässt dich verhaften“, sagt eine andere Freundin. Eleni verdreht die Augen.
Sie kennt sich gut mit der Polizei aus. Die US-amerikanische Serie „The Rookie“ ist ihre Lieblingsserie. Sie handelt von einem ehemaligen Bauunternehmer, der sich nach seiner Scheidung mit Mitte 40 zum Polizisten ausbilden lässt. Eleni wartet auf die neunte Staffel. Sie schaut die Folgen auf Englisch mit deutschen Untertiteln. „Vielleicht werde ich später auch Polizistin oder Detektivin, so als Hobby“, sagt sie. „Ich werde Rechtsmedizinerin. Oder Anwältin“, sagt ihre „reiche“ Freundin. „Was? Das ist viel zu schwer. Als richtigen Job werde ich Kindergärtnerin“, sagt Eleni.
Auf dem Rückweg fährt die Gruppe an Feldern und einem Reiterhof vorbei. Eleni guckt den Pferden hinterher. „Ich könnte hier nicht wohnen. Ich komme von der Stadt und liebe die Stadt“, sagt Lea.
„Da habe ich nur einen Ausweg gesehen“

„In Griechenland gibt es ein Sprichwort: Wo man wohnt, ist die Heimat“, sagt Venetia Harontzas.
Sie wuchs in Athen auf, als Tochter eines griechischen Vaters und einer deutschen Mutter.
Ihren Vater nennt sie heute nur „Erzeuger“, ihre Mutter „Vorbild“.
Harontzas‘ Mutter wurde in Schalke groß. Ihr Vater, Harontzas‘ Opa, war Uhr- und Schirmmacher. Ihre Mutter, Harontzas‘ Oma, kam aus einer Kartoffelpflücker-Familie aus Slowenien. Sie bekamen drei Töchter. Harontzas‘ Mutter war die jüngste und die einzige, die eine Ausbildung machte.
In den 1950ern lernte sie Harontzas‘ Vater kennen. Er war zu Besuch im Ruhrgebiet, hatte einen Motorradunfall und kam in das Krankenhaus, in dem Harontzas‘ Mutter arbeitete. Sie verliebten sich, heirateten und zogen gemeinsam nach Griechenland.
1956 wurde Harontzas geboren. Sie erinnert sich, dass sie in der Grundschule für ihre Lehrerin die Lieblingsschülerin und für die anderen Kinder „die Deutsche“ war. Als sie ihren Schulabschluss machte, wollten ihre Eltern nach Deutschland ziehen. Allein hätte sie nicht in Griechenland bleiben können, erzählt sie. „Ich wollte aber auf keinen Fall weg, weil ich ja die Schule zu Ende machen wollte. Da habe ich nur einen Ausweg gesehen: heiraten.“ Sie war damals 17 Jahre alt. Heute sagt sie: „Ich habe meine Jugend verpasst.“
„Bestimmt versteckt die sich“

„Wo ist Alina schon wieder?“, fragt eine ehrenamtliche Mitarbeiterin in der dritten Ferienwoche. Sie übt mit den älteren Kindern für eine Aufführung.
„Ist die wieder nicht da?“, fragt Harontzas.
„Die Familie will morgen in den Urlaub in die Heimat. Bestimmt versteckt die sich.“
Alinas Familie kommt aus Rumänien. „Die hat bestimmt Angst, dass da im Urlaub ganz zufällig ein Freund der Familie auf sie wartet“, vermutet Harontzas. Für sie, die selbst so früh geheiratet hat, ist kaum etwas wichtiger, als ihre Mädchen vom Heiraten abzuhalten. „Die Männer sind meine Feinde. Ich muss die Mädchen schützen.“
Mit den anderen Betreuerinnen redet Harontzas über ihre Sorge. Alina spricht sie zunächst nicht darauf an. „Ich will sie nicht bedrängen. Irgendwann wird sie kommen und es mir erzählen.“
Die 16-Jährige wäre nicht das erste Mädchen, das in den Sommerferien verheiratet werden soll, sagt Harontzas. Überprüfen lässt sich das nicht, vor Ort erzählen aber mehrere Betreuerinnen und Jugendliche unabhängig voneinander dasselbe.

Harontzas wischt über ihr Handy und zeigt ein TikTok-Video.
Darauf sind zwei Jugendliche in traditionellen Gewändern zu sehen. Sie schneiden eine Hochzeitstorte an.
„Die wohnen bei mir um die Ecke.“
Vor vier Jahren, erzählt sie, rief eines „ihrer Mädels“ aus Rumänien an. Das Mädchen erzählte, dass es in den Ferien verheiratet wurde. Jetzt werfe die Schwiegermutter Kochtöpfe nach ihm. Bei der Hochzeit sei das Mädchen 13 Jahre alt gewesen, der Junge 15, erzählt Harontzas. Erst Jahre später hätten die Eltern die junge Frau zurück nach Deutschland geholt.
„Das war echt schlimm“, erinnern sich auch Sara-Maria und eine ihrer Freundinnen. Die beiden seien damals eng mit dem Mädchen befreundet gewesen. „Sie hat uns schon gesagt, dass sie Angst hat, mit ihrer Familie nach Rumänien zu fahren“, sagt Sara-Maria. „Und dann war sie verschwunden“, sagt ihre Freundin. Heute, erzählen sie, sei die Jugendliche Mutter und in einer Kinderpsychiatrie.
Manche Mädchen, sagt Harontzas, werden mitten in Deutschland verheiratet. Nicht am Standesamt, aber der Tradition folgend, die in vielen Kreisen ohnehin mehr bedeute als ein Schrieb des Staates.
Ich habe dem Vater auf die Füße gespuckt.
Venetia Harontzas
Vor vielen Jahren habe ihr eine 14-Jährige erzählt, dass „ein Herr Soundso“ die Familie in letzter Zeit häufiger besuche, sagt Harontzas. „Da haben bei mir alle Alarmglocken geläutet.“ Wenige Wochen später habe ihr Handy geklingelt, sie sei sofort ins Taxi gesprungen und zur Familie der Jugendlichen gefahren. Aber da sei sie schon mit „dem Bräutigam“ – Harontzas verzieht das Gesicht – verschwunden. „Ich habe dem Vater auf die Füße gespuckt und gesagt, was für eine Schande das ist.“
Heute lebe das Mädchen von damals bei der Familie ihres Mannes in Dortmund, habe keinen Abschluss, aber fünf Kinder.

Überprüfen lassen sich Harontzas‘ Erzählungen nicht. Kinderehen sind in Deutschland verboten. Trotzdem beraten Fachstellen immer wieder Mädchen und junge Frauen, denen eine Zwangsverheiratung droht oder die bereits gegen ihren Willen verheiratet wurden.
Agisra, eine von zwei Beratungsstellen des Landes NRW, berichtet pro Jahr von rund 120 Fällen. Der Berliner Arbeitskreis gegen Zwangsverheiratung zählte 2022 rund 500 Fälle. In einer Befragung von Terre des Femmes gab jede dritte schulische Fachkraft an, mindestens einen Verdachtsfall zu kennen. Lehrkräfte im Ruhrgebiet erzählen immer mal wieder, dass nach den Sommerferien Stühle im Klassenraum leer bleiben.
Harontzas erlebt bis heute in manchen Familien starken Druck auf die Töchter, jung zu heiraten. Sie führt das auf traditionelle Vorstellungen zurück. „Das wurde halt schon immer so gemacht.“ Und auf jahrelange Ausgrenzung, die Teile der Community in ihren Heimatländern und Deutschland erfahren müssten. Für sie ist es eine Frage von Generationen, von Jahrzehnten, bis dieser Kreislauf durchbrochen wird.
Wenn sie eine Ausbildung gemacht haben, können sie meinetwegen zehn Kinder kriegen.
Venetia Harontzas
„Ich sage den Mädchen: Willst du jeden Morgen deinen Mann fragen, ob er dir bitte, bitte Geld geben kann“, erzählt sie. „Wenn sie eine Ausbildung gemacht haben, können sie meinetwegen heiraten und zehn Kinder kriegen. Aber wer einmal unabhängig ist, will das nicht mehr.“
„Die haben Händchen gehalten“
Harontzas selbst wurde nach ihrem Schulabschluss Betriebswirtin, bekam eine Tochter und ließ sich scheiden. Sie heiratete wieder und bekam zwei weitere Töchter. 1991 zog sie mit ihrer Familie nach Gelsenkirchen. Ihr Mann übernahm die Schneiderei, die zuvor ihre Mutter von ihrer Oma übernommen hatte.
Sie arbeitete kurz als Köchin, kam über die sozialistische, linke Jugendorganisation „Die Falken“ zur Jugendarbeit. Vor rund 40 Jahren baute die Gruppe eine ehemalige Eckkneipe zum Lalok um. Als der Leiter vor mehr als 25 Jahren in Rente ging, übernahm Harontzas. Seitdem ist sie jeden Tag dort, auch am Wochenende, und jeden Sommer im Garten.
Zwischen den Sträuchern und kleinen Hütten lungern Mädchen und Jungen oft getrennt in ihren Ecken herum. Wenn sie dann doch zusammensitzen, scheint es, als wetteiferten sie darum, wer sich am besten über das jeweils andere Geschlecht lustig machen kann.
„Die haben Händchen gehalten“, kreischt an einem Morgen ein Mädchen. „Knutschen, knutschen!“, rufen die anderen. Am selben Tag taucht Alina wieder auf. Sie trägt dunklen Lipliner und schimmernden Lipgloss. In Gesprächen mit den anderen wirkt sie zugleich wach und gelangweilt. Wo sie war? Warum sie nicht mit ihrer Familie verreist ist? „Ich hatte Besseres zu tun“, sagt sie. Ihre Freundin guckt auf den Boden.
Ich hatte Besseres zu tun.
Alina
Später sitzen sie mit Harontzas am Gartentisch. Alinas Freundin fragt, ob sie einen Freund mit ins Lalok nehmen dürfe. „EINEN Freund?“, fragt Harontzas. „Oh, Venetia! Du kennst den auch. Das ist wirklich nur ein Freund“, sagt das Mädchen. Alina lacht. „Ja, meinetwegen. Aber ihr wisst, dass ich alles mitbekomme“, sagt Harontzas. Sie lacht, ungewöhnlich leise. Und zieht eine Augenbraue hoch.
In den vergangenen Jahren hat sich die Jugendarbeit in Gelsenkirchen verändert, erzählt sie später. „Früher waren sich die Kinder alle sehr ähnlich. Sie kamen alle aus Arbeiterfamilien und viele aus der Türkei“, sagt Harontzas. Seit ungefähr zehn Jahren kommen immer mehr rumänische Familien ins Lalok.
Erst da habe sie begriffen, wie viel von den Schicksalen der Kinder in ihrem eigenen Stammbaum steckt, erzählt Harontzas. Die Familie ihrer Oma, die als Erntehelfer ihr Geld verdiente, war Teil der Roma-Community. „Es gab schon mal Sprüche zu unserer Hautfarbe und alte Fotos von meiner Oma in den typischen Kleidern. Meine Oma hatte auch bis zu ihrem Tod pechschwarze Haare. Aber sowas fällt einem als Kind ja nicht auf. Das wurde einfach totgeschwiegen.“
„Ich habe schon immer groß geträumt“
In der sechsten Woche kommt Sara-Maria aufgeregt in den Garten. Auf ihrem T-Shirt steht in Strasssteinen „Overthinker“. Sie trägt ein silbernes Nasenpiercing und eine schwarze Brille. Zwei Wochen lang war sie mit der Familie einer Freundin in Bayern. Es war ihr erster richtiger Urlaub. Sie hat die anderen vermisst.

Schon als Kind kam Sara-Maria ins Lalok. Jetzt betreut die 16-Jährige zusammen mit ihrem Bruder die Jüngeren.
Eine Drei ist für sie „eine Katastrophe“. Die anderen nennen sie Streberin, und das klingt nach Bewunderung.
„Ich habe schon immer groß geträumt. Nur, weil ich aus Gelsenkirchen bin, heißt das ja nicht, dass ich es nicht schaffen kann. Das hat ja nur was mit mir zu tun: Will ich es schaffen oder nicht?“, sagt sie.
Ihr Traum wäre gewesen, aufs Gymnasium zu gehen. Nach den Ferien wechselt sie von der Realschule auf die Gesamtschule, um Abitur zu machen. „Die hat echt keinen guten Ruf“, sagt Sara-Maria immer, wenn sie darüber spricht. Aber alle aus ihrer Klasse, die Abitur machen, wechseln dorthin. Also jetzt auch sie.
Eigentlich, erzählt sie, wollte ihre Freundin mit ihr zusammen die Schule besuchen. Jetzt muss diese aber wiederholen.
„Ich bin so sauer auf dich“, sagt sie zu ihrer Freundin.
„Sorry, ich habe auch keinen Bock, zu wiederholen.“
„Dann hättest du öfter zum Unterricht kommen müssen.“
Als die Hitze an einem Nachmittag die Kinder und Jugendlichen müde macht, stellt Sara-Maria ihr Handy auf. „Ja, als Betreuerin darf ich das dabeihaben.“ Auf dem Bildschirm läuft der Text ihres aktuellen Lieblingsliedes. Das hat sie auf TikTok entdeckt.
„Lord I‘m one, Lord I‘m two, Lord I‘m three, Lord I‘m four, Lord I‘m 500 miles from my home”, singt Sara-Maria. „500 miles, 500 miles, 500 miles, 500 miles. Lord I‘m five hundred miles from my home”, singen die anderen.

Dass Sara-Maria Betreuerin ist und nicht nur am Ferienprogramm teilnimmt, fällt meistens kaum auf. Sie hilft den anderen im Deutschunterricht, während sie selbst die Aufgaben löst. Sie macht bei den Proben für die Zirkusaufführung mit und zeigt den anderen, wie sie ein Rad schlagen. Wenn sie sagt „Nicht streiten, Mädels“, hören die anderen auf sie. Sie bleibt immer ruhig.
Einmal steht eine Mutter mit drei Kindern am Tor. Harontzas ruft durch den Garten: „SARA-MARIA!“ „English, please“, sagt die Mutter. Harontzas meint: „Jaja, jetzt kommt der Dolmetscher.“
Abends, wenn die Kinder nach Hause gehen, hilft Sara-Maria Harontzas beim Papierkram. Die beiden sitzen gebeugt über dem Gartentisch, füllen Anträge für Fördergelder aus, übersetzen für die Eltern Briefe vom Amt.
Ich will was zurückgeben und den Kindern helfen, so wie Venetia.
Sara-Maria
Früher wollte Sara-Maria Tierärztin werden. Seit der vierten Klasse träumt sie davon, Lehrerin zu werden, in Gelsenkirchen. „Ich will was zurückgeben und den Kindern helfen, so wie Venetia.“
Harontzas ist gegen Ende der Ferien nicht gut drauf. Man sieht es schon von Weitem: Sie sitzt nicht in ihrer Lounge, läuft durch den Garten, runzelt die Stirn noch mehr als sonst.

„Die wollen uns weniger zahlen“, sagt sie. Mit „die“ meint sie die Stadt.
Im Lalok arbeitet keine ausgebildete Fachkraft.
„Keine ausgebildete Fachkraft!“, spuckt Harontzas die Worte aus und setzt imaginäre Anführungszeichen in die Luft.
„Ich glaube kaum, dass jemand von der Uni weiß, wie man die Kinder hier auffängt.“
Die Stadt Gelsenkirchen zahle 32.000 Euro im Jahr – das reiche für Miete und Strom, so Harontzas. Ferienfreizeit, Ausflüge und Anschaffungen finanzieren Spenden von Vereinen und Förderprogramme von Land und Bund.
Ein Sprecher bestätigt, dass die Stadt zwischen Einrichtungen mit und ohne Fachkraft unterscheidet. Das Jugendamt unterstützt das Lalok mit einer jährlichen Zahlung im „mittleren fünfstelligen Bereich“, die von Jahr zu Jahr leicht schwankt. „Es gab Gespräche, in denen klar gemacht wurde, dass eine höhere Förderung nur möglich ist, wenn zum Beispiel mindestens eine ausgebildete Erzieherin angestellt wäre“, sagt der Sprecher.
„Was wird dann aus den Kindern?“
Der letzte Tag des Ferienprogramms ist ein Sonntag. Es riecht nach gegrilltem Fleisch und frisch gebrühtem Kaffee. Es regnet. Das Lalok feiert Sommerfest.
Mert kommt mit seinen Großeltern, Sara-Maria hilft Kindern beim Dosenwerfen, Eleni isst Pommes, Alina ist nicht da. „Die habe ich heute Morgen mit einem Jungen gesehen“, sagt Harontzas. Als sie versucht habe, Alina auf eine mögliche Zwangsheirat anzusprechen, habe diese abgeblockt. Und ihr stattdessen erzählt, dass sie nun einen Freund hat.
Sie hat mir versprochen, dass sie ihren Weg gehen wird.
Venetia Harontzas
„Die Familie scheint da nicht besonders glücklich drüber zu sein, obwohl das auch ein Roma-Junge ist“, sagt Harontzas. „Aber sie hat mir versprochen, dass sie ihren Weg gehen wird und den nicht sofort heiraten wird und Kinder kriegt. Sie will ihren Schulabschluss machen und dann Lehrerin werden.“

Harontzas sitzt in der ersten Reihe vor der Bühne. „Die Farben des Laloks“ heißt das Stück, das die Kinder in den vergangenen sechs Wochen einstudiert haben. Eine Jugendliche trägt eine rote Clowns-Nase und einen Metallring um die Hüften, darüber spannt sich eine blaue Hose. Dann kommen drei schwarz gekleidete Kinder auf die Bühne. „Der Nebel der Vorurteile zieht auf“, liest eine Stimme vor. Die Popmusik stoppt.
Jetzt läuft im Hintergrund eine melancholische Melodie. „Du gehörst hier nicht hin“, „Du bist so anders als wir“, liest die Stimme weiter. Der Clown blickt nach unten und lässt die Schultern hängen. Ein anderer Clown kommt auf die Bühne, dann drei Mädchen in silbernen Kostümen. Sie tanzen, schlagen Räder und klopfen dem Clown auf die Schulter. „Wir sind alle unterschiedlich. Und das ist gut. Das Lalok bleibt bunt“, liest die Stimme vor. Die Kinder verbeugen sich, Venetia Harontzas klatscht.
Zum Abschied sagt Mert, dass er keine Lust hat auf die Schule. Aber er freut sich schon auf den nächsten Sommer. Hoffentlich fährt er dann mit seinen Eltern ans Meer, sagt er.
Eleni sagt, dass sie ein besseres Zeugnis haben will. Richtig Lust auf den Unterricht hat sie aber nicht. Und sie sagt, dass sie noch viel zu lange auf die neue Staffel ihrer Serie warten muss.
Sara-Maria freut sich auf die neue Schule. Aber sie hat auch Angst. Ob sie wohl weiter so gute Noten haben wird? Mit den neuen Mitschülern mithalten kann?

Am Abend sitzt Venetia Harontzas in der Lounge. Der Generator brummt.
Sie starrt schweigend auf den Tisch. In wenigen Wochen wird sie 70 Jahre alt.
„Wenn ich mal nicht mehr kann“, sagt sie.
„Was wird dann aus den Kindern?“


