Der türkische Staatschef Recep Tayyip Erdogan hat die kommenden Jahre bis 2035 zur „Dekade der Familie und der Bevölkerung“ ausgerufen. Die Initiative soll den Rückgang der Geburtenrate stoppen und das Bevölkerungswachstum ankurbeln. Schwule, Lesben und Transmenschen erfahren nun, was diese Politik für sie bedeutet: Die türkischen Behörden erhöhen massiv den Druck auf die LGBTIQ-Community.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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Die jüngste Repressionswelle begann am vergangenen Wochenende mit koordinierten Polizeirazzien in mindestens 15 türkischen Provinzen. Schwerpunkte waren Istanbul, Ankara, Izmir, Aydin und Mersin.

Türkei: Polizei nimmt Hunderte bei Razzien gegen LGBTIQ-Gruppen fest

Die Beamten durchsuchten Wohnungen, Bars, Vereinsräume und Büros. Hunderte Menschen wurden festgenommen. Webseiten und Social-Media-Konten queerer Organisationen, Medien und Menschenrechtsinitiativen wurden gesperrt, darunter auch die Seiten der türkischen Sektion von Amnesty International. Betroffen ist zudem Kaos GL, eine der bekanntesten türkischen LGBTIQ-Gruppen. 106 Personen, die die Polizei bei einer Protestaktion gegen die Razzien festgenommen hatte, wurden später wieder auf freien Fuß gesetzt.

Nach Angaben des Justizministeriums laufen Verfahren gegen 162 Verdächtige. Ihnen werden unter anderem Verstöße gegen die Sittlichkeit, Prostitution, Drogenbesitz, die Gründung einer kriminellen Vereinigung sowie eine angebliche Einflussnahme auf Minderjährige hinsichtlich ihrer sexuellen Orientierung vorgeworfen.

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Erdogan erschwert LGBTIQ-Community Leben in der Türkei

Die landesweiten Razzien laufen unter dem von der Regierung ausgegebenen Motto „Meine Familie ist sicher“. Homosexualität ist in der Türkei zwar grundsätzlich nicht verboten. Doch unter dem konservativ-islamischen Erdogan ist das Klima für die LGBTIQ-Community immer rauer geworden. Pride-Veranstaltungen und öffentliche LGBTIQ-Symbole wie die Regenbogenfahne sind seit 2015 faktisch verboten.

Der türkische Staatschef Recep Tayyip Erdogan äußerte sich zuletzt zunehmend kritisch zur LGBTIQ-Community und deren Rechten.
Der türkische Staatschef Recep Tayyip Erdogan äußerte sich zuletzt zunehmend kritisch zur LGBTIQ-Community und deren Rechten.© AFP | Vyacheslav Prokofyev

Erdogan äußert sich zunehmend feindselig über queere Menschen. 2021 sagte er: „LGBT – so etwas gibt es nicht. Dieses Land ist moralisch und wird mit diesen Werten in die Zukunft gehen.“ Auf dem Parteitag seiner regierenden AKP sprach er von „perversen politischen, sozialen und individuellen Strömungen“ und kündigte an: „Wir werden die Wurzeln heimtückischer Aktionen austrocknen, die auf die Zerstörung der türkischen Familie zielen.“

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LGBTQ-Gesetz: Türkei plant Haftstrafen für queere Handlungen

Dabei hatte Erdogan vor seiner Regierungsübernahme noch für den Schutz Homosexueller plädiert. In der jugendorientierten Talkshow „Genc Bakis“ sagte er auf die Frage eines Studenten: „Es ist unumgänglich, dass Homosexuelle im Rahmen der Bürgerrechte und Freiheiten Schutz genießen.“ Seit den 2010er-Jahren hat der Präsident das Thema LGBTIQ jedoch zunehmend zur Mobilisierung konservativer Wähler instrumentalisiert. Queere Menschen stellt er als Bedrohung für Familie und Gesellschaft dar.

Inzwischen bleibt es nicht mehr bei feindseliger Rhetorik. Die Regierung arbeitet an Gesetzesänderungen, die queere Identität kriminalisieren könnten. Ein Entwurf sieht für „Haltungen oder Verhaltensweisen, die dem biologischen Geschlecht und der öffentlichen Moral widersprechen“, sowie für die öffentliche Propagierung solcher Haltungen ein bis drei Jahre Haft vor. Gleichgeschlechtliche Verlobungs- oder Hochzeitszeremonien könnten mit bis zu vier Jahren Haft bestraft werden.

Türkei verschärft Einschränkungen für queere Reisende

Das zunehmend feindselige Klima bekommen auch queere Türkei-Urlauber zu spüren. Im Sommer 2026 verweigerten die türkischen Behörden dem Kreuzfahrtschiff „Scarlet Lady“ das Anlegen in Istanbul und Kusadasi. Das vom US-Reiseveranstalter Atlantis Events gecharterte Schiff hatte rund 1900 schwule Männer an Bord. Als Begründung verwiesen die Behörden auf die „moralischen Werte“ des Landes. Dem Verbot war eine schwulen- und lesbenfeindliche Kampagne in regierungsnahen Medien vorausgegangen.

Auch wenn Homosexualität offiziell nicht verboten ist, gibt es in der Türkei keine umfassenden Antidiskriminierungsgesetze, die vor Benachteiligung oder Anfeindungen aufgrund der sexuellen Orientierung schützen. Bei einer nicht genehmigten Pride-Veranstaltung wurden im vergangenen Jahr zahlreiche Menschen festgenommen, darunter auch Ausländer. Immer wieder kommt es zu gewalttätigen Übergriffen auf LGBTIQ-Personen.

Auswärtiges Amt rät queeren Menschen zur Vorsicht – EU zeigt sich besorgt

Das Auswärtige Amt rät queeren Menschen deshalb bei Reisen in die Türkei zu besonderer Vorsicht: „Es sollte mit zum Teil starken Vorurteilen gegenüber LGBTIQ in der türkischen Gesellschaft gerechnet werden“, heißt es in den Reisehinweisen des Ministeriums. Dass die Regierung gerade jetzt ihre Kampagne gegen LGBTIQ verschärft, könnte auch mit den näher rückenden Wahlen zusammenhängen. Erdogan könnte versuchen, mit dem Kulturkampf von der anhaltend schwierigen Wirtschaftslage abzulenken und konservative Wähler zu mobilisieren.

Die EU-Kommission reagierte auf die jüngsten Repressionen mit „tiefer Besorgnis“. Als EU-Beitrittskandidat sei die Türkei verpflichtet, die Menschenrechte und die Würde aller Menschen unabhängig von Geschlechtsidentität oder sexueller Orientierung zu schützen. Der Türkei-Berichterstatter des EU-Parlaments verurteilte die Verhaftungswelle als „schockierende Eskalation“. Der türkische Menschenrechtsverein IHD sieht in den Razzien „eine Politik der Angstmache und der Zerschlagung der Zivilgesellschaft“. Die deutsche Bundesregierung schweigt bisher zu dem Thema.