Frauke Brosius-Gersdorf hatte sich nach einem Unfall auf einen Sommer voller Erholung eingestellt, bis ihr Telefon klingelte. Die SPD bot der Rechtswissenschaftlerin an, sie als Richterin am Bundesverfassungsgericht zu nominieren. „Das war für mich keine große Überlegung“, erinnert sich die 55-Jährige im Podcast „Meine schwerste Entscheidung“ unserer Redaktion an diesen Moment im Mai 2025. Die Juristin sagte schnell zu und freute sich: „Für mich persönlich wäre das ein herausragender Job gewesen.“

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
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Doch schnell wird aus der Karrierechance ein Albtraum: Die bis dahin vornehmlich in Fachkreisen bekannte Frauke Brosius-Gersdorf gerät besonders wegen ihrer Position zu Schwangerschaftsabbrüchen ins Visier konservativer und rechter Kräfte, die gegen die Berufung der „linksextremen“ Juristin mobil machen. Die Richterwahl wird politisiert wie nie zuvor. „Da wurde viel mit Verfälschung, Verzerrung, Desinformation, Diffamierung gearbeitet“, erzählt Frauke Brosius-Gersdorf, als sie den Politik-Krimi des vergangenen Sommers rekapituliert.

Schlagartig wird die Potsdamer Rechtsgelehrte damals bundesweit bekannt – und manchen zum Hassobjekt. Die Richterwahl stürzt die Regierung wegen des Widerstands in der Unionsfraktion gegen die SPD-Kandidatin in eine gefährliche Krise. Ein Bruch des Bündnisses nach nur wenigen Wochen im Amt scheint möglich. Sie sei in einen „Richtungs- und Machtkampf innerhalb der Union“ geraten, meint die Juristin heute.
Frauke Brosius-Gersdorf über die gescheiterte Richterwahl: „Das war keine wehrhafte Demokratie“
Die Krise spitzt sich dramatisch zu, die Koalition zieht nur wenige Stunden vor der geplanten Abstimmung im Bundestag die Reißleine. Der damalige Unionsfraktionschef Jens Spahn ist sich nicht sicher, ob die CDU/CSU-Abgeordneten ihm folgen und Brosius-Gersdorf wählen. Die hat heute an diesen turbulenten Tag kaum Erinnerungen. Sie weiß jedoch noch, wie sie am Abend auf der Bettkante sitzt und sich und ihren Mann mit dem Spruch tröstet: „Es ist nur eine Phase, Hase.“
Die Juristin braucht allerdings lange, um sich davon zu erholen. Wenige Wochen nach der abgesagten Abstimmung zieht sie ihre Bereitschaft zurück, als Kandidatin für das Bundesverfassungsgericht zur Verfügung zu stehen. „Im Ergebnis hatten die Kampagnen Erfolg“, räumt Brosius-Gersdorf ein. Das sei „das Bittere“ an der Rückzugsentscheidung.
Was sind die Lehren? „Da sah unsere Demokratie nicht gut aus, das war keine wehrhafte Demokratie“, sagt Frauke Brosius-Gersdorf heute. Die Rechtswissenschaftlerin fürchtet um das Vertrauen der Bevölkerung in das höchste deutsche Gericht und verweist auf Entwicklungen in anderen Ländern wie den USA. Sie plädiert dafür, dass künftig nur noch wenige Bundestagsabgeordnete die Verfassungsrichter wählen. „Was da passiert ist letztes Jahr, das können wir nicht mehr ändern. Aber wir können und müssen verhindern, dass sich das wiederholt.“
„Meine schwerste Entscheidung“ können Sie auf allen gängigen Streaming-Plattformen wie Spotify, Apple Podcast und Amazon Music hören. Neue Folgen erscheinen jeden zweiten Dienstag.





