Die Aufnahmen der apokalyptischen Sturzflut im nepalesisch-chinesischen Grenzgebiet haben sich ins kollektive Gedächtnis eingebrannt. Weltweit liefen die schockierenden Videos in den Abendnachrichten, wurden auf den sozialen Medien geteilt und mit großer Anteilnahme kommentiert. Nur in China wurden die Szenen nahezu vollständig zensiert. Stattdessen verbreiteten die Staatsmedien ausschließlich Bilder der „heroischen“ Bergungsarbeiten.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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Bei dem Unglück vom vergangenen Mittwoch handelt es sich nicht nur um eine Naturkatastrophe, sondern auch um eine politische Tragödie. Sie hat wieder einmal schonungslos offengelegt, wie intransparent die Autoritäten der Volksrepublik China selbst beim Umgang mit einer Sturzflut agieren.

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Der Kontrast könnte kaum drastischer ausfallen: Auf der nepalesischen Seite sind längst dutzende Korrespondenten ins Krisengebiet gereist, von wo aus sie mithilfe von Ortskräften die Rettungsarbeiten kritisch beobachten. Zudem werden sie mehrfach täglich von den Behörden auf dem Laufenden gehalten. Sie können Polizeistationen und Ministerien anrufen, Anwohner interviewen und ohne Einschränkungen filmen.

Flutkatastrophe: Aus dem chinesisch kontrollierten Tibet tönt nur die Propaganda

Doch aus dem chinesisch kontrollierten Tibet? Da tönt nur die Propaganda der Parteiführung. Ausländischen Journalisten ist es grundsätzlich untersagt, auf eigene Faust in das Gebiet zu reisen. Und die lokalen Medien unterliegen strengen Auflagen durch die Zensur. „Newsfluencer“ oder kleinere Online-Medien dürfen, wie üblich bei Naturkatastrophen in China, nicht frei berichten, sondern müssen sich an die offiziellen Aussendungen der staatlichen Nachrichtenagentur Xinhua halten. Die Kommentarfunktion auf den sozialen Medien ist bei diesem „sensiblen“ Thema zudem ausgeschaltet oder streng überwacht – kritische Rückmeldungen werden sofort gelöscht. 

Hinzu kommt eine spezielle Anordnung: Im Eingangssatz der chinesischen Nachrichten wird stets darauf hingewiesen, dass die Sturzflut auf der nepalesischen Seite der Grenze ausgebrochen ist – und nicht auf der chinesischen Seite. Das ist natürlich kein Zufall, sondern basiert auf einer Direktive der Behörden. 

Wenn aber der Informationsfluss derart kontrolliert wird, hat dies weitreichende Folgen. Die Außenwelt ist ausschließlich darauf angewiesen, dass die Behörden vertrauenswürdig agieren. Doch haben Chinas Lokalregierungen bei vergangenen Katastrophen nicht nur immer wieder Informationen unter Verschluss gehalten; etwa beim Ausbruch der Corona-Pandemie in Wuhan. Auch bei der aktuellen Sturzflut bleiben viele offene Fragen.

Allein die offiziellen Zahlen sind merkwürdig: Auf nepalesischem Boden sind bis Stand Sonntagmittag (Ortszeit) 734 Menschen gestorben, weitere knapp 2500 Personen werden vermisst, darunter 589 ausländische Staatsbürger. Laut chinesischen Zahlen sind in Tibet bislang nur 16 Tote registriert und weitere 546 Vermisste. Konkrete Informationen zum Anteil an ausländischen Staatsbürgern haben die chinesischen Behörden erst am Sonntag herausgegeben, vier Tage nach dem Unglück. Und warum der relative Anteil an Toten und Vermissten in China so radikal geringer ist als in Nepal, dafür gibt es kaum eine plausible Erklärung.

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Sturzflut in Nepal: Gletscherabbruch, Klimawandel und Frühwarnsysteme
Im Krisenmodus
 

Das bedeutet nicht, dass Chinas Autoritäten in diesem konkreten Fall Informationen manipulieren. Doch überprüfen lässt sich ihre Arbeit nicht. Zudem ist es bislang selbst großen internationalen Medien wie der New York Times oder Reuters kaum gelungen, unabhängige Zeugenberichte aus Tibet einzuholen. Die Peking-Korrespondentin der BBC, Laura Bicker, schreibt in ihrem aktuellen Bericht eindrücklich: „Als Journalistin, die über Nordkorea berichtet hat, war es für mich oft einfacher, Interviewpartner in Pjöngjang zu kontaktieren als in der tibetischen Hauptstadt Lhasa.“