Der Tod des britischen Soziologen Jason Arday hat in Großbritannien eine Debatte ausgelöst, die längst über die Universität Cambridge hinausreicht. Mehr als 32.000 Menschen fordern inzwischen in einer Petition eine staatliche Untersuchung der Umstände, die seinem Tod vorausgingen. Auch mehrere Abgeordnete haben sich dem Appell angeschlossen.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
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Nun meldet sich auch die Spitze der Universität zu Wort. Cambridge-Rektor Chris Smith verurteilte einen „rassistischen Wahn“ im Zusammenhang mit den gegen Arday erhobenen Plagiatsvorwürfen. Jeder Verdacht auf Plagiat müsse zwar „gründlich untersucht“ werden, sagte Smith dem Sender BBC. Zugleich weigere er sich, „an einem rassistischen Wahn um einen bestimmten Akademiker teilzunehmen“. Arday nannte der Rektor dabei nicht ausdrücklich.
Kritik an Berichterstattung über Arday
Die Petition wurde vom Good Law Project initiiert. Die Organisation erhebt schwere Vorwürfe gegen Teile der britischen Presse. Es könne „keinen Zweifel geben“, heißt es dort, dass Ardays Tod das „direkte, vorhersehbare und vorhergesehene Ergebnis“ einer medialen Schikane gewesen sei. Auch seine Hautfarbe habe dabei eine wesentliche Rolle gespielt. „Rassismus ist der Kern dieser tragischen Geschichte“, schreibt die Organisation.
Die Anteilnahme ist inzwischen auch auf Londons Straßen sichtbar. Für Montagabend ist eine Mahnwache auf dem Trafalgar Square angekündigt. Eine Spendenaktion für Ardays Familie brachte bereits knapp 89.000 Pfund, umgerechnet rund 104.000 Euro, zusammen.
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Jason Arday: Vom gefeierten Cambridge-Professor zum Ziel schwerer Vorwürfe
Noch vor drei Jahren stand Jason Arday für eine außergewöhnliche Aufstiegsgeschichte in der britischen Hochschulwelt. 2023 wurde er im Alter von 37 Jahren zum jüngsten schwarzen Professor in der Geschichte der Universität Cambridge berufen. Als Bildungssoziologe beschäftigte er sich mit sozialer Ungleichheit und der Frage, welche Chancen Herkunft und Bildung eröffnen – oder versperren.
Arday wuchs in einfachen Verhältnissen in London auf. Als Kind wurde bei ihm nach eigenen Angaben Autismus diagnostiziert. Später lehrte und forschte er an mehreren britischen Universitäten, bevor er nach Cambridge wechselte. Seine Berufung wurde vielerorts als Zeichen für eine offenere britische Hochschullandschaft verstanden. Arday selbst entwickelte sich zu einer prominenten Stimme in der Debatte über Bildung und gesellschaftliche Teilhabe.
Doch in den vergangenen Wochen bekam dieses Bild Risse. Gegen Arday wurden Plagiatsvorwürfe erhoben, zunächst im Zusammenhang mit seiner Doktorarbeit an der Liverpool John Moores University, später auch mit weiteren wissenschaftlichen Veröffentlichungen. Eine frühere Untersuchung der Universität in Liverpool hatte nach Angaben der britischen Nachrichtenagentur PA allerdings kein wissenschaftliches Fehlverhalten festgestellt. Zugleich wurden Teile seiner Biografie infrage gestellt, darunter Angaben zu Millionenspenden für wohltätige Zwecke und zu sportlichen Leistungen.
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Cambridge untersucht Vorwürfe – Arday tritt zurück
Die jüngste Welle der Vorwürfe ging maßgeblich auf den US-Forscher Nathan Cofnas zurück, der Cambridge 2024 nach einer Kontroverse über seine Äußerungen zu Rasse und Intelligenz verlassen hatte. Seine Anschuldigungen gegen Arday wurden rasch von rechtsgerichteten Zeitungen und Kommentatoren aufgegriffen. Einige von ihnen stellten den Professor als „Aushängeschild“ sogenannter DEI-Programme dar – Initiativen, mit denen Hochschulen Vielfalt, Chancengleichheit und gesellschaftliche Teilhabe fördern wollen.
Die Universität verteidigte ihren Professor zunächst, kündigte Anfang August jedoch eine interne Untersuchung an. Diese solle unabhängig von hochrangigen Wissenschaftlern aus Cambridge und von außerhalb der Universität geführt werden, erklärte Hochschulleiterin Deborah Prentice gegenüber PA.
Wenige Tage später zog Arday die Konsequenz. Am 5. August trat er von seiner Professur zurück, wies die gegen ihn erhobenen Plagiatsvorwürfe jedoch zurück. Sein Rückzug dürfe nicht „als Zustimmung zu den Darstellungen“ verstanden werden, schrieb er in einem online veröffentlichten Brief. Kritik sei zwar „ein unvermeidlicher Bestandteil des akademischen Lebens“. Was er erlebt habe, gehe jedoch „weit über wissenschaftliche Meinungsverschiedenheiten hinaus“.
Kritik an Medien nach Tod von Cambridge-Professor Arday
Am Freitag wurde Arday leblos in Battersea im Süden Londons gefunden. Die Metropolitan Police erklärte, der Tod werde als unerwartet behandelt; Hinweise auf ein Verbrechen gebe es bislang nicht. Eine offizielle Todesursache wurde noch nicht bekannt gegeben.
Ardays Familie spricht von einer „anhaltenden Hetzkampagne“, der er seit seiner Berufung nach Cambridge ausgesetzt gewesen sei. Dabei seien immer wieder Gerüchte über seine wissenschaftliche Arbeit und sein Privatleben verbreitet worden, heißt es in einer Erklärung der Angehörigen, die über seinen Verlag Simon & Schuster UK veröffentlicht wurde. Arday sei ein „sanftmütiger Mann“ gewesen, der „immer das Beste in jedem sehen wollte“.
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Nach seinem Tod ist auch eine Debatte über den öffentlichen Umgang mit den Vorwürfen entbrannt. Londons Bürgermeister Sadiq Khan schrieb, Arday sei öffentlich bloßgestellt und einer „Welle von Beschimpfungen“ ausgesetzt gewesen. Die Labour-Abgeordnete Bell Ribeiro-Addy sprach beim Sender Sky von einer medialen „Hexenjagd“.
Premierminister Andy Burnham mahnte dagegen, keine voreiligen Schlüsse zu ziehen. Ardays Tod sei eine „Tragödie auf so vielen Ebenen, vor allem aber für alle, die Jason kannten“, sagte er nach Angaben der Nachrichtenagentur PA. Nun sei nicht die Zeit für vorschnelle Urteile, sondern für Reflexion.
Zugleich beschäftigen die Vorwürfe weiterhin mehrere britische Hochschulen. Cambridge-Leiterin Deborah Prentice warnte davor, den Fall zum Anlass zu nehmen, die wissenschaftliche Arbeit nicht weißer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter grundsätzlich infrage zu stellen. Auch die Universitäten Durham und Glasgow, an denen Arday zuvor tätig gewesen war, kündigten nach Angaben von Prentice Untersuchungen an.
mit dpa/AFP










