Ein Matrose der USS Abraham Lincoln versuchte nach Angaben seiner Frau, über Bord zu springen. Ein anderer wurde von Kameraden im letzten Moment daran gehindert. Mehrere solcher Fälle werden inzwischen in den USA berichtet. Damit wird aus einer Geschichte über schlechtes Essen, kaputte Toiletten und einen endlosen Einsatz eine Frage über die Grenzen der psychischen Belastbarkeit von fast 5000 Menschen.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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Das Medium „Military Times“ schildert den Fall eines Matrosen, der nach Angaben seiner Frau Annabelle Loma tatsächlich versucht habe, vom Flugzeugträger zu springen. Er befinde sich inzwischen in medizinischer Betreuung. In einem zweiten Fall habe ein Wachposten einen Kameraden im letzten Moment an den Armen gepackt. Die Zeitung „Stars and Stripes“ berichtet unabhängig von einem ähnlichen Vorfall, über den die Mannschaft später per Borddurchsage informiert worden sei.

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Ärger bei US-Marine: Besatzung gerät an Grenzen

Die US-Marine widerspricht der Schlussfolgerung, an Bord gebe es eine messbar wachsende Suizidkrise. „Nach den dem Kommando vorliegenden Informationen haben wir keinen Anstieg gemeldeter Suizidgedanken oder Suizidversuche festgestellt“, erklärte sie. Das dementiert die geschilderten Einzelfälle nicht. Angehörige berichten weiter von erschöpften und verzweifelten Matrosen. Eine Frau sagte bei einem Treffen mit Navy-Führungskräften in San Diego, ihr Mann habe ihr geschrieben, er hoffe, am nächsten Morgen nicht mehr aufzuwachen.

Seit dem 21. November 2025 ist der atomgetriebene Flugzeugträger im Einsatz. Was als ungefähr siebenmonatige Mission begann, wurde mehrfach verlängert; ein öffentliches Rückkehrdatum gibt es nicht. Mehr als 200 Tage lang gab es keinen regulären Hafenaufenthalt. Nach Guam im Dezember folgte Anfang Juli ein kurzer Versorgungsstopp im Oman, bei dem viele Matrosen nur einen gesicherten Bereich betreten durften.

Die Stimmung auf dem Flugzeugträger ist am Boden. Verzweifelte Soldaten versuchten von Bord zu springen.
Die Stimmung auf dem Flugzeugträger ist am Boden. Verzweifelte Soldaten versuchten von Bord zu springen. © AFP | -

Die „Lincoln“ funktioniert, sagen Insider. Wie lange das noch für ihre Mannschaft gilt, ist die bedrückendere Frage. Berichte von MS NOW, Military Times und Stars and Stripes zeigen eine Mannschaft, die an ihre Grenzen gerät. Angehörige klagen über Schichten von zwölf bis 16 Stunden, ausgefallene Toiletten und Waschmaschinen, Schimmel in Duschen, zeitweise fehlendes warmes Wasser, rationierte Hygieneartikel und Probleme bei Versorgung und Post.

Bonnie York, deren Stiefsohn auf dem Träger dient, sagte, die Moral sei miserabel. Ein medizinischer oder psychologischer Betreuer an Bord habe nach ihrer Darstellung gewarnt, die Besatzung müsse bald einen Hafen erreichen, sonst würden Menschen „anfangen, den Verstand zu verlieren“. Ein Elternteil schrieb Stars and Stripes bereits im Juli, der eigene Sohn und Kameraden dächten „ständig daran, vom Schiff zu springen, nur um Erleichterung zu bekommen“.

„USS Abraham Lincoln“: Das kann der Flugzeugträger

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    Pentagon reagiert auf Berichte

    Dass solche Berichte inzwischen Washington erreichen, erhöht den Druck auf das Pentagon. Der demokratische Senator Richard Blumenthal, Mitglied des Streitkräfteausschusses, verlangt von Verteidigungsminister Pete Hegseth und dem amtierenden Marineminister Hung Cao eine detaillierte Aufstellung: Wann wurde der Einsatz jeweils verlängert? Wer ordnete das an? Welche Probleme wurden registriert? Welche Daten erhebt die Navy zu Müdigkeit, Moral, psychischer Gesundheit und Sicherheitsvorfällen?

    Blumenthal stellt damit eine größere Frage: Überfordert Washington seine Trägerflotte dauerhaft? Das Pentagon müsse erklären, wie daraus nicht „die Bereitschaftskrise von morgen“ werde. Senator Ruben Gallego aus Arizona, selbst früher bei der Marine gewesen, fordert zusätzlich einen offiziellen Kontrollbesuch einer überparteilichen Senatsdelegation auf der „Lincoln“. Berichte über Besatzungsmitglieder, die vom Schiff springen wollten, seien ein „erschreckendes Alarmsignal“.

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    Flugzeugträger sind schon in normalen Zeiten Arbeitsplätze am Anschlag: Schichtbetrieb, gefährliche Starts und Landungen, Lärm, Hitze, Schlafmangel, kaum Privatsphäre. Seit Ende Februar kommt der Krieg gegen Iran hinzu. Kampfflugzeuge der „Lincoln“ flogen wochenlang Einsätze; Stars and Stripes nennt 40 Tage ununterbrochener Kampfoperationen.

    Schon im Frühjahr waren Beschwerden über das Essen öffentlich geworden. Verteidigungsminister Hegseth tat Berichte über Versorgungsschwierigkeiten damals als „Fake News“ ab. Die Marine hält dagegen, die Besatzung habe inzwischen durchgehend sauberes Wasser, funktionierende Klimaanlagen und ausreichend Verpflegung. Psychologische Betreuung, Seelsorger und medizinisches Personal seien verfügbar. Vizeadmiral Joseph Cahill versicherte den Familien, die Führung höre ihre Sorgen „laut und deutlich“.

    US-Verteidigungsminister Hegseth
    US-Verteidigungsminister Pete Hegseth spielt die Probleme herunter. © Matias Delacroix/AP/dpa | Matias Delacroix

    Immerhin zeichnet sich eine Ablösung ab. Die ebenfalls in San Diego stationierte USS Theodore Roosevelt wird auf einen neuen Einsatz vorbereitet und soll die „Lincoln“ im Nahen Osten ablösen. Wann genau, das hält die Navy aus Sicherheitsgründen geheim.

    US-Flugzeugträger nur in geringer Zahl verfügbar

    Commander Joseph Hontz von der 5. US-Flotte räumt ein: „Mehr als 250 Tage Einsatz sind eine Herausforderung für die Besatzung und ihr Gerät.“ Gleichzeitig betont die Navy, die „Lincoln“ sei „vollständig in der Lage, sämtliche Einsatzaufträge zu erfüllen“. Berichte über schwere Schäden am Flugdeck weist sie zurück. „Eine mechanische Betrachtungsweise“, sagen Kritiker. Militärische Einsatzbereitschaft werde in Washington traditionell an Flugzeugen, Raketen, Reaktoren und Startbahnen gemessen. Die Belastbarkeit von Menschen lasse sich schwerer in Tabellen fassen.

    Eine Frau berichtete in San Diego, ihr Mann habe seine während des Einsatzes geborene Tochter noch kein einziges Mal im Arm gehalten. Die Navy verweist auf Seelsorger und psychologische Betreuung an Bord. Vizeadmiral Joseph Cahill versicherte den Familien, man höre ihre Sorgen „laut und deutlich“ und wisse, welchen Tribut der Dauereinsatz von Soldaten und Angehörigen fordere.

    News aus den USA

    Tatsache bleibt: Das Symbol amerikanischer Seemacht wird zum Sinnbild eines größeren Problems. Die USA besitzen elf Flugzeugträger, doch Wartung, Ausbildung und parallele Krisen begrenzen die tatsächlich verfügbare Zahl. Einen Träger kann Washington vergleichsweise schnell von einem Meer ins andere schicken. Menschen lassen sich nicht beliebig verlängern. Nach fast neun Monaten Einsatz und Berichten über Matrosen, die sich das Leben nehmen wollten, stellt sich deshalb eine brutal einfache Frage: Was nützt ein voll einsatzfähiges Schiff, wenn seine Besatzung nervlich nicht mehr einsatzfähig ist?