Die junge Frau mitten in Teheran trägt Stone-Washed-Jeans und ein pinkfarbenes Oberteil, die schwarzen Locken fallen auf die Schultern. Sie sticht sofort heraus. Um sie herum schwenken Unterstützer des Regimes iranische Flaggen, die Frauen sind von Kopf bis Fuß schwarz eingehüllt, einschließlich eng sitzendem Kopftuch. Die Kleidervorschriften der Mullahs werden mustergültig erfüllt. Doch die junge Frau ist nur auf den ersten Blick ein poppiger Fremdkörper. „Ich war weder eine Anhängerin der Islamischen Republik noch des Obersten Führers“, sagte sie dem regierungsnahen Filmemacher Hossein Shamaghdari, der ihr Gespräch auf Instagram veröffentlichte. Aber nachdem die USA und Israel den Iran im Februar angegriffen hatten, habe sie begonnen, die Hardliner zu bewundern.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
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„Wenn die Revolutionsgarden und die Basidsch-Milizen nicht gekämpft hätten, wären wir nicht mehr hier“, betont die junge Frau. Sie lobt genau jene Kräfte, die in der Vergangenheit gegen unverschleierte Frauen und Demonstranten vorgegangen waren. Die Frau wird in dem Video nicht namentlich genannt. Es kann nicht überprüft werden, ob sie ihre Meinung über die politische Führung tatsächlich geändert hat oder ob der Auftritt möglicherweise von Kräften des Regimes inszeniert wurde. Dennoch scheint der Clip eine Botschaft aussenden zu wollen: Die Regierung bemüht sich um eine neue Art von Nationalismus – eine, die jene einbezieht, die einst gegen sie rebellierten.

Hat das Regime eine 180-Grad-Wende vorgenommen? Noch im September 2022 war die iranische Kurdin Mahsa Amini von der Sittenpolizei festgenommen, geschlagen und tödlich verletzt worden, weil ein paar Haarsträhnen aus dem Kopftuch hervorlugten. Die darauf im ganzen Land aufbrandenden Demonstrationen unter dem Motto „Frau, Leben, Freiheit“ wurden von den Sicherheitskräften brutal niedergeschlagen.
Iran: Was bedeutet die neue Lockerheit bei der Kleiderordnung?
Experten sehen jedoch in der neuen Lockerheit bei der Kleiderordnung keine liberale Öffnung des Regimes, sondern Kalkül. „Nach den Protesten von 2022 wurden die Kontrollen in den großen Städten des Landes aus taktischen Gründen eingestellt, um Druck aus dem Kessel zu nehmen“, sagte Hans-Jakob Schindler, Chef der Berliner Denkfabrik Counter Extremism Project, unserer Redaktion. Mittlerweile tragen immer mehr Frauen in den großen Städten ihr Haar offen.
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Doch wie lange der Kurs anhält, ist offen. In Teheran mussten kürzlich mehrere Cafés auf Anordnung der Behörden schließen, weil Frauen kein Kopftuch trugen. „Verstoß gegen islamische Standards“, hieß die Begründung. Laut der in Großbritannien sitzenden Online-Plattform Amwaj.media gingen entsprechende Warnungen auch an Geschäfte heraus. „Möglicherweise handelt es sich hier um eine Einschüchterungsmaßnahme der Hardliner, nach dem Motto: ‚Wir können auch anders‘. Das Regime kann jederzeit wieder verstärkt auf Angst als Machtmittel setzen“, so Schindler.
Krieg gegen den Iran – spannende Hintergründe
Aber noch scheint die iranische Führung zu versuchen, mit einer Art Pseudo-Toleranz auf die Bevölkerung zuzugehen. Die Menschen sollen sich hinter Irans nationaler Verteidigungsanstrengung gegen das militärisch übermächtige Amerika versammeln. Zugleich will das Regime von der gigantischen Wirtschaftsmisere im Land ablenken.
Der Krieg gegen die USA fordert seinen Tribut: Die harten Sanktionen beschneiden Exporte und Importe, das Staatsbudget schrumpft, die Währung verfällt auf einen historischen Tiefststand. Im Juni betrug die Inflationsrate knapp 90 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat. „Firmen zahlen Gehälter zum Teil nicht mehr aus oder nur mit großer Verzögerung. Auch die Renten kommen nicht mehr regelmäßig“, sagte eine ehemalige Journalistin, die jetzt in Teheran im Ruhestand lebt, unserer Redaktion. „Während im vergangenen Jahr die Preise so sehr angezogen haben, dass sich selbst Mittelklassefamilien nur noch selten Fleisch leisten konnten, sind mittlerweile auch die Preise für Grundnahrungsmittel wie Reis, Brot und Eier enorm gestiegen.“
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Die US-Angriffe auf Energieanlagen haben die Probleme verschärft
Die wirtschaftliche und soziale Erosion breitet sich in weiten Teilen der iranischen Bevölkerung aus. Die Armutsquote wird von Fachleuten auf rund 40 Prozent geschätzt, Millionen junger Menschen sind arbeitslos. Die US-Angriffe auf Energieanlagen verschärfen die Probleme. „Berichten zufolge wurden mehr als 2000 Punkte des Stromnetzes beschädigt. Fabriken sind teilweise bis zu zwölf Stunden ohne Elektrizität, was Produktion, Lieferketten und Staatseinnahmen zusätzlich belastet“, sagte Mohammad Reza Farzanegan, Leiter des Fachgebiets Wirtschaft des Nahen und Mittleren Ostens der Philipps-Universität Marburg, unserer Redaktion. „In vielen Wohngebäuden führt ein Stromausfall zugleich zum Ausfall der Wasserversorgung und der Klimaanlagen.“

Noch steckten die Menschen die Malaise durch eine „hohe Anpassungsfähigkeit“ weg, unterstreicht der Marburger Professor. „Diese Anpassung erfolgt jedoch durch geringeren Konsum, informelle Arbeit, den Verkauf von Vermögen und eine Verschlechterung öffentlicher Dienstleistungen.“ Kann sich Irans XXL-Krise so verdichten, dass die Bevölkerung erneut rebelliert, wie zuletzt im Januar? „Wenn Krieg, Sanktionen, Inflation, Strom- und Wasserausfälle sowie sinkende Staatseinnahmen zusammenkommen, kann bereits ein einzelnes Ereignis größere Unruhen auslösen“, prognostiziert Farzanegan.










