Um 22 Uhr war plötzlich nichts mehr, wie vorher. 32 Menschen spürten die Gewalt am eigenen Körper, eine Frau starb dabei. Unzählige, die gerade noch gefeiert hatten, wurden zwangsläufig Zeugen des Anschlags eines fanatischen Islamisten, hatten Panik und rannten weg.

Montag, Mittwoch, Freitag
Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
Hinter den Kulissen der Politik - meinungsstark, exklusiv, relevant.
Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.
Auch ihnen möchte Roland Weber helfen. Als Bundesopferbeauftragter kümmert er sich um alle Anliegen derjenigen, die bei der Attacke auf den Berliner CSD vor einer Woche zu Schaden kamen. Ihn zu erreichen, war dieser Tage nicht leicht.
Mehr zum Anschlag in Berlin
Berliner Morgenpost: Herr Weber, wie wird den Opfern des Anschlags auf den Berliner CSD geholfen?
Roland Weber: Wir wollen allen Opfern Hilfsangebote machen, die zu ihrer konkreten Situation passen. Wir sind in Kontakt mit den Hinterbliebenen der Verstorbenen und besprechen mit der Familie, wie wir sie am besten unterstützen können, zum Beispiel bei der Rückführung des Leichnams. Die körperlich Verletzten schreiben wir gemeinsam mit dem Land Berlin an und informieren sie über ihre Ansprüche und weiterführende Hilfen.
Dann gibt es noch eine dritte Gruppe: die, die zwar das Glück hatten, vom Fahrzeug nicht getroffen oder vom Täter direkt angegriffen worden zu sein, aber den Anschlag aus nächster Nähe mitbekommen mussten. Erfahrungsgemäß kann das Erlebte für viele in den Tagen und Wochen nach einem solchen Anschlag sehr belastend sein. Soweit uns die Daten bekannt sind, wenden wir uns proaktiv auch an diese Personen. Wir rechnen aber damit, dass sich von diesen Personen in der nächsten Zeit noch viele melden werden. Sie haben natürlich auch die Möglichkeit, sich kostenfrei an die Hotline zu wenden, die rund um die Uhr erreichbar ist.

Wie viele haben da schon angerufen?
In den ersten Tagen waren es über 90.
Und wird das mit der Zeit weniger?
Manchmal braucht es etwas, bis die Betroffenen sich Hilfe holen. Viele versuchen, es erst einmal mit sich selbst auszumachen. Sie stellen aber nach ein paar Tagen fest, dass es ihnen nicht gut geht. Dann melden sie sich bestenfalls, um Hilfe zu bekommen. Manche melden sich auch erst nach Wochen. Die psychischen Folgen solcher Anschläge können sich im Übrigen auch Jahre oder Jahrzehnte später zeigen.
Zur Person
Roland Weber wurde 1966 in Stuttgart geboren, studierte Jura an der FU Berlin und ist seit 1999 als Rechtsanwalt zugelassen. Seit 2009 ist er Fachanwalt für Strafrecht. In dieser Eigenschaft hat sich Weber darauf spezialisiert, die Opfer von Straftaten zu vertreten, wenn sie im Prozess als Nebenkläger auftreten – meist vor dem Berliner Landgericht.
Seit 2012 ist Weber Opferbeauftragter des Landes Berlin. In seine Amtszeit fällt unter anderem der Anschlag auf dem Breitscheidplatz im Dezember 2016. Seit 2024 ist Weber auch Bundesopferbeauftragter. In dieser Funktion ist er für die Opfer extremistischer Terroranschläge im Inland zuständig.
Seit Amtsantritt 2024 kamen der Anschlag auf die Verdi-Demonstration in München und die Messerattacke am Holocaust-Mahnmal in Berlin (beides Februar 2025), die Messerattacken von Bielefeld (Mai 2025) und Essen (September 2025) und der Anschlag auf den Magdeburger Weihnachtsmarkt (Dezember 2024) hinzu.
Woher wissen die Opfer aus der dritten Gruppe von der Nummer?
Wir haben die Nummer selbst über viele Kanäle verbreitet und uns auch mit der Queerbeauftragten des Bundes in Verbindung gesetzt. Die hat die Informationen auch über ihre Kanäle in der Queer-Community gestreut – an Anlaufstellen, Verbände, Vereine. Denn viele Betroffene sind Teil dieser Community. So hoffen wir, dass die Nummer möglichst breit gestreut wird. Es gibt zudem auch ein mobiles Beratungsangebot am Tatort. Viele Menschen kommen an den Tagen nach dem Anschlag nochmal dorthin.
Lesen Sie auch
Welche Ansprüche haben die Opfer des CSD-Anschlags?
Für Betroffene kann ihre Situation auch zu einer finanziellen Belastung werden. Der Bund stellt daher auf Antrag eine finanzielle Härteleistung bereit. Diese Soforthilfen werden sehr schnell ausgezahlt. Das Ganze läuft über das Bundesamt für Justiz. Meine Geschäftsstelle und ich unterstützen die Betroffenen aber auch dabei, die Hilfen zu beantragen. Bei Bedarf ziehen wir auch Übersetzer hinzu. Daneben kann es Unterstützung aus Landesmitteln oder Leistungen nach dem Sozialen Entschädigungsrecht geben, das für Opfer von Gewalttaten allgemein gilt.
Sind auch ausländische Opfer anspruchsberechtigt?
Ja. Wer in Deutschland Opfer eines Terroranschlags wird, bekommt Unterstützung – egal, woher sie oder er kommt.
Hilfetelefon des Bundes
Allen, die diese Tat miterlebt haben, steht das Hilfetelefon des Bundes und des Landes Berlin zur psychosozialen Beratung zur Verfügung: 0800 000 95 46. Aus dem Ausland ist die Hotline unter 030 185 808 050 erreichbar. Anrufe sind in beiden Fällen kostenfrei.
Welche psychischen Hilfen vermitteln Sie?
Am Anfang steht ein psychosoziales Erstgespräch – über unsere Hotline oder mit der psychosozialen Notfallversorgung vor Ort. Von dort vermitteln wir die Betroffenen dann an Traumaambulanzen sowie an weitere Beratungsangebote. Ziel ist es, einer chronischen Belastungsstörung möglichst früh zu begegnen. Wenn es darüber hinaus eine mittel- oder langfristige psychotherapeutische Versorgung braucht, helfen wir auch bei der Vermittlung. Die Beratungsstellen und Traumaambulanzen haben aber von Anfang an eine Weitervermittlung in solche Angebote im Blick.
Öffentlich wurde in den letzten Tagen viel über den Tatverdächtigen diskutiert. Wie hat er sich radikalisiert? Welche Fehler haben Behörden gemacht? Welche Fragen stellen sich die Opfer?
In den ersten Tagen nach der Tat stellen sich für viele Betroffene oft andere Fragen als für die breite Öffentlichkeit. Da geht es um konkrete medizinische Fragen, um die Bewältigung des Erlebten, um die Frage, wie man Unterstützung erhält und wie es weitergeht. Bei der Beantwortung dieser Fragen wollen wir die Betroffenen unterstützen. Mit etwas Abstand zur Tat spielen dann oft auch andere Fragen eine wesentliche Rolle. Dann geht es auch viel um Fragen wie: Warum hat der Täter das gemacht? Warum ich? Warum ist es ausgerechnet in dem Moment passiert, als ich dort stand oder langlief?

Wie blicken Opfer auf solche Täter?
Das kann man pauschal nicht sagen. Alle Betroffenen haben eine individuelle Perspektive auf den Täter und die Tat – das erlebe ich in meiner Arbeit immer wieder. Im Verfahren gegen den Attentäter auf die Verdi-Demo in München im Februar 2025 steht jetzt das Urteil an. Viele Betroffene haben das ganze Verfahren aufmerksam verfolgt, auch wenn das mit psychischen Belastungen verbunden sein kann. Wichtig ist, dass wir die Betroffenen dabei nicht alleinlassen.
Reue zeigen solche Täter vor Gericht meistens keine. Wie nehmen Opfer das auf?
Der Angeklagte in München hat zwar geschwiegen, aber gleich zu Beginn den ISIS-Finger gezeigt und sich damit klar bekannt. Betroffene haben mir danach gesagt, dass sie das völlig umgehauen hat. Sie dachten vorher, dass der da klein und reumütig sitzt. Aber genau das Gegenteil war der Fall. Das kann sehr belastend sein.
Wie erleben Sie die politische Debatte nach dem Anschlag?
Ich konzentriere mich auf die konkrete Unterstützung der Betroffenen. Die politische Debatte verfolge ich natürlich aufmerksam. Aber ich erlebe diese Debatte als eine demokratische Normalität. Wie konnte es zu einer Tat kommen? Und was kann der Staat tun, um Vergleichbares in Zukunft zu verhindern? Diese Fragen werden nach jedem Anschlag diskutiert – und das ist auch richtig so. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass es darauf manchmal keine einfachen oder eindeutigen Antworten gibt.











