Liebe Leserin, lieber Leser,
es ist diesmal ein zäher Prozess, diesen Newsletter zu schreiben. Denn ich sitze im Zug auf dem Rückweg einer Dienstreise, muss fertig werden, aber kann mich nicht konzentrieren. Denn neben mir sitzen zwei junge Frauen, die in ihr sehr lautes Gespräch vertieft sind. Es geht um Männer, um die begonnene Therapie gegen die Essstörung und vor allem um ihre lange gegenseitige Freundschaft, die sie über ihre Social-Media-Kanäle Revue passieren lassen. Ich kann mich dem nicht entziehen und ich wünschte, sie hätten Kopfhörer dabei. Sie sagen sehr oft „Digga“, „lowkey“ und „ich schwöre“, während sie in ihren Social-Media-Pausen ihre Schminkutensilien vergleichen und sich schließlich gegenseitig die Mascara auftragen.
Lieben Sie gut recherchierte Geschichten, spannende Interviews und Reportagen?
Textchefin Birgitta Stauber sucht sie in ihrem Newsletter „Das Beste am Sonntag“ für Sie aus, eingebettet in ein persönliches Editorial. Kostenlos abonnieren können Sie den Newsletter hier.
Zwei junge Frauen, vertieft in ihre Freundschaft
Ich hätte schon einen Grund, genervt zu sein, tatsächlich aber bewundere ich es, dass sie so sehr in ihre Freundschaft eingetaucht sind, ohne ihre Umgebung wahrzunehmen. Also gönne ich ihnen das, was andere als Rücksichtslosigkeit empfinden mögen. Mir tut sogar leid, dass sie von ihrem Platz vertrieben werden, weil sich der Zug füllt, sie aber nicht reserviert haben.
Ich überlege, ob wir früher auch so unbefangen waren. Wahrscheinlich ja. Und wahrscheinlich hätten wir uns schneller einen eingefangen von den anderen Fahrgästen.

Mir ist klar, dass ich bei vielen Leserinnen und Lesern Unbehagen, womöglich sogar Widerspruch ernte. Weil sie empört sind über die Rücksichtslosigkeit gegenüber Fahrgästen, die sich entspannen, lesen, und, so wie ich, arbeiten möchten. Aber ganz ehrlich: Rücksichtslos sind weiter vorne auch die Rentner, die im 30-Minuten-Takt Bier aus dem Bordbistro holen, während ihre Frauen über ihr Piccolöchen in Lachsalven ausbrechen. Warum auch nicht, denn Rentnergruppen wie diese haben ihr Arbeitsleben hinter sich, und zwar ziemlich oft schon mit 63, 65 oder spätestens mit 67 Jahren.
Rente mit 70? Kann daran noch ein Weg vorbei führen?
Die jungen Frauen, die sich jetzt weiter hinten im Waggon zurückgezogen haben und inzwischen auch zurechtgewiesen wurden, werden wohl länger ran müssen, bis sie – dann auch noch kombiniert mit einer Senkung der Durchschnittsrente – wieder Zeit haben, sich der unbeschwerten Rücksichtslosigkeit hinzugeben.

Wenn wir ehrlich sind: Angesichts der Demografie wird uns wohl kaum etwas anderes übrig bleiben, als der jüngeren Generation nicht nur die Lasten aufzubürden, sondern ihr auch die schlechteren Konditionen. Es sei denn, die Zumutungen treffen vor allem die heutigen Rentner sowie diejenigen, die es bald sein werden. Ich formuliere mal vorsichtig: Das würde die SPD erst recht nicht retten. Lesen Sie hier, wie wahrscheinlich es ist, dass es zur Rente mit 70 kommt, und was sonst noch hinter den Vorschlägen der Rentenkommission steckt.

Montag, Mittwoch, Freitag
Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
Hinter den Kulissen der Politik - meinungsstark, exklusiv, relevant.
Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.
Dass die Rente den Lebensstandard nicht sichert, ist für mich seit Langem eine Binse. Insofern wundere ich mich, dass der Bundeskanzler so für diesen Satz gescholten wurde. Ich rate meinen Kindern längst, sich nicht auf einen Rentenanspruch zu verlassen, sondern früh einen regelmäßigen Beitrag in ETFs zu investieren – und wenn es nur ein paar Euro monatlich sind.
Klar ist: Die Last der Demografie lässt sich nicht mehr aufschieben. Und so ist die schwarz-rote Koalition dazu verdonnert, Reformen auf den Weg zu bringen, die den Namen verdienen. Dabei geht es nicht nur um die Rente, sondern auch um eine Einkommenssteuer-Reform, die zu echten Entlastungen für die breite Bevölkerung führt. Schließlich schmelzen doch bei den meisten von uns die Löhne und Gehälter unter hohen Steuern und Abgaben zusammen. Dann sind da noch die Posten Gesundheit und Pflege. Und in all diesen wichtigen Punkten hat sich die Koalition verhakt. Kein Wunder, dass die Stimmung schlecht ist.
Burnout: Inzwischen trifft es auch die Berufseinsteiger
Noch mal ein Blick auf die Jungen: Bei unserem „Volo-Salon“ in dieser Woche, bei dem sich unser Nachwuchs, die Volontäre, mit erfahrenen Kolleginnen und Kollegen austauscht, ging es um unsere gegenseitige Work-Life-Balance. Mit Chefredakteur Jörg Quoos bin ich einer Meinung, dass dazu ein spannender Job gehört, der Spaß macht und die Erfüllung einer Leidenschaft ist. Für die jüngeren Kolleginnen und Kollegen ist aber der Job, der neben der 40-Stunden-Woche auch in die Freizeit reinschwappt, dieses „Nicht-abschalten-können“ angesichts der ständigen Nachrichtenflut, eine große Herausforderung. Uns wurde klar: Auch der Umgang mit der ständigen Wachsamkeit gehört zur Ausbildung. Damit es nicht schon frühzeitig zu einem Burnout kommt. Denn das ist längst keine Managerkrankheit mehr, wie meine Kollegin Anna Valle herausfand.

Hier erzählt sie die Geschichte von Lorena, einer Kinderkrankenpflegerin, die mit 25 Jahren schlicht unter der Last zusammenbrach, die sich aus Verantwortung, Stress, ständiger Erreichbarkeit und Zukunftsängsten zusammensetzte.
Ein Sommermärchen 2026? Das könnte Merz helfen
Wie wäre es an diesem heißen Pfingstwochenende mit der kleinen Träumerei eines Sommermärchens 2026? Und zwar genau 20 Jahre nach dem Sommermärchen von 2006? In drei Wochen geht es wieder los, und die Form des Nagelsmann-Teams lässt auf tolle Spiele hoffen, die den ganzen Zwist zwischen Europa und den USA in einer Jubellaune aufgehen lassen. Spielen sich die Deutschen erst ins Viertel-, dann ins Halbfinale und vielleicht noch höher? Das könnte die Stimmung in Deutschland ziemlich verbessern, schreibt mein Kollege Jan Dörner. Er hat einen Experten gefragt, welchen Einfluss die WM auf die Gesellschaft hat und wie Bundeskanzler Friedrich Merz sie nutzen kann, um seine Performance zu verbessern.

Helmut Kohl und Angela Merkel hatten bei früheren Weltmeisterschaften durchaus ihre Auftritte, erinnere ich mich. Und ich bin auch optimistisch genug, dass unser Team so gut ist, dass es zumindest nicht sofort rausfliegt.
Nur noch 10 Millionen Schweizer: Kann darüber ein Volk abstimmen?
Die Schweizer Fußballer haben es noch schwerer als die Deutschen. Die Nationalmannschaft nimmt zwar zum 13. Mal an einer Fußball-WM teil, ist aber über das Viertelfinale noch nie hinausgekommen.

Dabei kann auch die Alpenbevölkerung bessere Stimmung gebrauchen. Ich halte es zwar angesichts der Berliner Verhältnisse für Jammern auf hohem Niveau, doch Themen wie Wohnungsnot oder Zuwanderung polarisieren auch in der Schweiz. Und das führt zu einer bemerkenswerten Volksabstimmung: Eine Initiative will erreichen, dass die Zahl der Schweizerinnen und Schweizer langfristig auf zehn Millionen begrenzt wird. Derzeit liegt sie bei 9,1 Millionen. Im Juni wollen die Schweizer darüber entscheiden, ob und wie das erreicht werden kann. Unser Korrespondent Christoph Link erläutert, was die Befürworter einer Bevölkerungsbegrenzung bezwecken – und welche Konsequenzen das auch für Menschen hätte, die zwischen Wohnort und Job über die Grenze pendeln. Und zwar auf beiden Seiten.
Eine Zumutung? Der neue Podcast „Amann unframed“
Übrigens: Bevor die lauten Frauen eingestiegen sind, widmete ich einen Teil meiner Zugfahrt dem neuen FUNKE-Podcast, für den Digital-Chefredakteurin Melanie Amann ein spannendes Format entwickelt hat: In „Amann Unframed“ hostet sie alle 14 Tage Menschen, die in Mainstream-Medien kaum vertreten sind, weil sie polarisieren, anecken, provozieren und auch manipulieren. Was steckt hinter ihren kontroversen Ansichten, was treibt sie an, wo sind sie zur Selbstkritik fähig?

Amann will den Bedeutungsrahmen, der sie umgibt – eben den Frame – sprengen. Den Auftakt macht sie mit Ben Berndt. Der ließ in seinem Podcast „ungeskriptet“ den rechtsextremen thüringischen AfD-Chef über vier Stunden lang reden – ohne Einordnung. Für den Journalismus mindestens eine echte Herausforderung, wenn nicht sogar eine Zumutung.
Melanie Amann und Ben Berndt hosteten sich zum Auftakt gegenseitig, dementsprechend gibt es zwei Teile. In ihrer Debatte lassen sie sich aufeinander ein, ohne ihre Streitlust aus den Augen zu verlieren. Das ist eine neue Debattenform, für die Sie sich unbedingt die Zeit nehmen sollten.
Mit diesem Tipp verabschiede ich mich in das lange Wochenende und wünsche Ihnen frohe Pfingsten.
Herzliche Grüße, Ihre Birgitta Stauber





