In dieser Woche meldet sich ein Leiter der Bundestagsverwaltung. Abteilung D. Digitalisierung. Er schreibt an alle Abgeordneten des Parlaments. Betreff der E-Mail, die unserer Redaktion vorliegt: „Sicherheitshinweis zu andauernden Phishing-Angriffen über Messenger-Dienst Signal“. Die Lage ist ernst, gerade erst wurde bekannt, dass es die Präsidentin des Bundestags, Julia Klöckner, erwischt hat. Ihr Handy wurde gehackt. Mutmaßlich, davon geht der Verfassungsschutz aus, stecken russische Cyberkriminelle dahinter.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
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Am Freitag meldet die Linksfraktion, dass auch dort „einige wenige“ Abgeordnete betroffen sind. Kurz zuvor kommen ähnliche Nachrichten aus der SPD. Das Ausmaß könnte noch größer sein. Die Sicherheitsbehörden gehen davon aus, dass die Dunkelziffer hoch ist. Nicht alle Politiker wissen, dass sie gehackt wurden. Nicht alle melden es.
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Zahlreiche Chatgruppen von Abgeordneten könnten durch Hacker infiltriert sein
Das Bundesamt für Verfassungsschutz informiert die Abgeordneten im Bundestag in einem Warnhinweis und hebt hervor, dass „die Phishing-Kampagne“ weiter andauere. Das Schreiben konnte unsere Redaktion einsehen, der Absender: Präsident Sinan Selen persönlich. Laut Meldung des „Spiegel“ suchten Mitarbeiter des Verfassungsschutzes nun auch den Bundeskanzler in der Angelegenheit auf, warnten ihn persönlich.
Die Aufregung im politischen Berlin ist groß, der Bundestag in Aufruhr – denn auch zahlreiche Chatgruppen von Abgeordneten und Fraktionen könnten durch Hacker infiltriert sein. Brisant ist: Internationale Geheimdienste sind sich sicher, dass russische staatliche Stellen hinter dem Cyberangriff auf den Messenger-Dienst stecken. Es handele sich um „eine koordinierte, internationale Angriffswelle“. Die Hacker gehen gezielt vor, nehmen hochrangige Politiker, aber auch Militärs und Journalisten ins Visier.
Nun ermittelt auch der Generalbundesanwalt in Karlsruhe zu dem Fall. Es geht um den Anfangsverdacht der Spionage, wie eine Sprecherin der Behörde am Freitag sagte. Die Ermittlungen seien schon im Februar eingeleitet worden.
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Signal galt bisher als sichere Alternative zu Messenger-Diensten wie Whatsapp. Gerade weil der Grad der Verschlüsselung hoch ist, der Provider unabhängig. Im politischen Berlin ist die App beliebt, viele kommunizieren auch in Gruppen über aktuelle Entscheidungen, verschicken Dokumente. Die Angreifer nutzen keine Sicherheitslücke in der Software, sondern eine Betrugsmasche, die Nutzenden per Nachricht vorspiegelt, sie würden vom Signal-Hilfsteam kontaktiert. Nutzer sollen persönliche Daten und Zugangspasswörter preisgeben.
Wer falsch klickt oder Daten weitergibt, verliert im schlimmsten Fall die Kontrolle über den Messenger-Dienst. Die Hacker können alle Nachrichten lesen, bekommen Zugang zum Adressbuch und den Gruppenchats, zu Bildern, Videos und Dokumenten. Oft würde die „feindliche Übernahme unbemerkt“ bleiben, warnt der Verfassungsschutz. Dem Dienst seien „bereits zahlreiche hochrangige Betroffenheiten“ bekannt.

Wie Russland die bisher ausspionierten Daten nutzt, ist bislang unklar. Es besteht die Gefahr, dass russische Geheimdienste sensible Informationen aus Politik und Verwaltung sammeln. Und schon gesammelt haben. Denn nach Kenntnissen deutscher Sicherheitsbehörden läuft die Kampagne bereits mindestens seit Februar. Schon damals hatten der Verfassungsschutz und das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) gewarnt. Nun heißt es, die Kampagne gewinne „an Dynamik“. Ein Handlungsleitfaden der Behörden soll Betroffenen helfen, wenn ihr Konto kompromittiert wurde.
KI macht Angriffe schneller, einfacher, auch Sprachhürden spielen kaum noch eine Rolle
Immer wieder greifen russische Hacker, die oftmals eng mit dortigen Nachrichtendiensten kooperieren, deutsche Politiker, Parteien, Stiftungen und auch Unternehmen an. Schon vor mehr als zehn Jahren war der Bundestag im Visier von Cyberkriminellen aus Russland, es flossen massenhaft Daten ab. In den vergangenen Jahren haben sich die Angriffswellen verschärft, warnen die deutschen Behörden. Manche sprechen von einem Cyberkrieg, in den Deutschland längst verwickelt sei. Die Methoden der Hacker werden zudem immer raffinierter. Was ihnen hilft: Software der Künstlichen Intelligenz. KI macht Angriffe schneller, technisch einfacher, auch Sprachhürden spielen kaum noch eine Rolle. Die aktuelle Kampagne über den Signal-Messenger macht deutlich, dass russische Cyberakteure nicht nur massenhaft, sondern auch sehr gezielt gegen Funktionsträger in Deutschland vorgehen.








