Der Antrittsbesuch des syrischen Übergangspräsidenten in Deutschland sollte eigentlich schon im Januar stattfinden. Wegen neuer Gefechte in Syrien wurde er damals verschoben. Das verrät viel über die fragile Lage im Land. Nun haben Ahmed al-Scharaa und Bundeskanzler Friedrich Merz am Montag unter vier Augen über das Verhältnis ihrer Länder gesprochen. „Normalisierung“ ist das Wort der Stunde. Für Friedrich Merz gehört dazu auch: 80 Prozent der hier lebenden Syrerinnen und Syrer sollen in ihre Heimat zurückkehren. Ein Überblick über die wichtigsten Fragen.

Wer ist der syrische Machthaber?

Früher, als er noch ein Dschihadist war, trug Ahmed al-Scharaa den klassischen Turban. Kopfbedeckung seiner Gruppierung. Sein Kampfname lautete Mohammed al-Dschaulani. Heute stellt sich die Frage: Wie viel Dschihad steckt noch in dem Mann, der seit dem 8. Dezember 2024 Syriens Übergangspräsident ist?

Al-Scharaa, Jahrgang 1982, steht an der Spitze der islamistischen Miliz Haiat Tahrir al-Scham (HTS). Er wurde in Saudi-Arabien geboren, seine Familie stammt ursprünglich von den Golanhöhen. Aufgewachsen ist er jedoch in Masseh, einem wohlhabenden Stadtteil von Damaskus. Nach der US-Invasion im Irak 2003 verließ er seine Heimat, um gegen die Amerikaner zu kämpfen. Im Irak schloss er sich Al-Qaida an, er wurde inhaftiert und musste fünf Jahre im Gefängnis verbringen. 

Als Übergangspräsident bemüht sich der 43-Jährige um einen moderateren Ton und versucht, das Image des islamistischen Extremisten abzulegen. Er muss sich jedoch an der Realität messen lassen: Massaker an Drusen und Alawiten im vergangenen Sommer, bei denen 2000 Menschen getötet wurden. Unterdrückung von Kurden und Drusen. Marodierende Islamisten, die durch Christendörfer ziehen und Schrecken verbreiten.

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In Berlin verzichtete al-Scharaa darauf, die ethnischen und religiösen Minderheiten namentlich zu erwähnen. Aber: „Wir wollen das Gewaltmonopol des Staates durchsetzen“, sagte er. Und: „Wir wollen ein Rechtsstaat für alle Syrer sein, ohne Ausnahme.“ Dschihadist, das soll sein Auftritt zeigen, ist er schon lange nicht mehr.

Was will der syrische Übergangspräsident von Deutschland?

Al-Scharaa hofft in erster Linie auf finanzielle Unterstützung für den Wiederaufbau Syriens. Dass die Bundesregierung dazu bereit ist, macht sie schon länger klar, auch noch zu Ampel-Zeiten: Seit Anfang vorigen Jahres hat die KfW im Auftrag des BMZ Verträge für Zuschüsse in Höhe von 119 Millionen Euro abgeschlossen. Beim Besuch im Kanzleramt konkretisierten sich die Hilfsangebote. In wenigen Tagen soll eine deutsche Wirtschaftsdelegation nach Syrien reisen. Es soll eine „Taskforce“ geben. Mit Unternehmen wie Siemens Energy soll die Energieversorgung des Landes wieder aufgebaut werden.

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Was will die Bundesregierung von Syrien?

In erster Linie: Dass absehbar syrische Staatsbürgerinnen und Staatsbürger wieder in ihr Heimatland zurückkehren – freiwillig oder nicht. Binnen drei Jahren sollen nach den Worten Merz’ die überwiegende Mehrheit der 900.000 in Deutschland lebenden Syrerinnen und Syrer zurückkehren. „In der längeren Perspektive der nächsten drei Jahre, das sind auch, ist der Wunsch von Präsident Scharaa gewesen, sollen rund 80 Prozent der in Deutschland jetzt sich aufhaltenden Syrerinnen und Syrer zurück in ihr Heimatland kehren“, sagte er in Berlin.

Schon im Koalitionsvertrag aus dem vergangenen Jahr ist festgehalten, dass auch nach Syrien und Afghanistan wieder abgeschoben wird, „beginnend mit Straftätern und Gefährdern“. Tatsächlich wurde Ende 2025 ein verurteilter Straftäter nach Syrien abgeschoben – zum ersten Mal seit Beginn des Bürgerkriegs 2011. Er habe Al-Scharaa gebeten, vorrangig Straftäter zurückzunehmen, sagte Merz.

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Belagerung, Flucht, Verrat – Stimmen aus dem kollabierenden Nordostsyrien
Im Krisenmodus
 

Die Bundesregierung will aber auch die freiwillige Ausreise fördern. In den vergangenen Wochen sei ein „ehrgeiziges Programm“ für Wiederaufbau und Rückkehr erarbeitet worden, sagte Merz. Bislang sind seit dem Sturz des Assad-Regimes nur 3678 Menschen mit Unterstützung der Bundesregierung freiwillig zurückgekehrt.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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Die Grünen sind skeptisch, ob Syrien in der Lage ist, in großem Stil Rückkehrer aufzunehmen. Luise Amtsberg, Grünen-Außenpolitikerin und ehemalige Beauftragte der Bundesregierung für Menschenrechtspolitik, nannte Merz’ Aussage zu Rückkehrern „nicht nur realitätsfern, sondern zynisch“. Wer die Zerstörung vor Ort mit eigenen Augen gesehen habe, „könne nicht ernsthaft so tun, als gäbe es flächendeckend sichere Bedingungen für eine Rückkehr.“

Adis Ahmetovic, SPD-Bundestagsabgeordneter, sagte: „In ein zerstörtes Land ohne Perspektive können keine Menschen zurückkehren. Deutschland hat somit ein großes Interesse an einem schnellen Wiederaufbau und wird diesen auch unterstützen.“

Was wird aus den syrischen Flüchtlingen?

Syrer gehören zu den größten Gruppen von Zuwanderern der vergangenen Jahre. Ende Februar lebten nach Angaben des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge rund 930.000 Menschen aus dem Land in Deutschland. 10.718 sind ausreisepflichtig – 9787 mit und 931 ohne Duldung.

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Ein gutes Jahr nach dem Sturz Assads hätten sich die Rahmenbedingungen in Syrien verbessert, sagte Merz am Montag. Schutzbedarfe müssten deshalb neu bewertet werden. „Wer keinen Anspruch mehr auf Aufenthalt hat in Deutschland, wird Deutschland auch wieder verlassen“, sagte der Kanzler. Er sagte aber auch: Deutschland habe ein Interesse daran, dass diejenigen, die gut integriert seien, bleiben. „Aber viele, die hier sind, werden zu Hause gebraucht.“