Bei diesem Wetter sind kurze Wege goldwert. Friedrich Merz hat es an diesem verschneeregneten Vormittag in Washington nur wenige Meter weit, um vom Blair House, dem Gäste-Domizil des amerikanischen Präsidenten, mit der Limousine am Weißen Haus anzulanden. Fast eine Wiederholung des vergangenen Sommers. Im Juni war der Bundeskanzler zum Antrittsbesuch bei Donald Trump. Schon damals kein „business as usual” „Balanceakt”. „Gratwanderung”. „Diplomatische Millimeterarbeit leisten”. So gingen seinerzeit die Stichworte. Diesmal lag die Latte noch höher. Aber es wurde für den Deutschen ein seltsamer Spaziergang mit Schenkelklopferei.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
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Merz war der erste Regierungschef weltweit, der vier Tage nach den ersten Raketenabwürfen auf Teheran direkt mit dem amerikanischen Kriegs-Präsidenten zusammentraf. Zwar war der Termin, auf Einladung des Weißen Hauses, bereits im alten Jahr zustande gekommen. Durch den Iran-Krieg wurde die Tagesordnung, die aus deutscher Perspektive die Lage in der Ukraine und die nach dem jüngsten Supreme Court-Urteil gewachsenen Unsicherheiten um das Zoll-Regime des Präsidenten zum Inhalt gehabt hätte, über den Haufen geworfen.
News aus den USA
Kanzler-Besuch: Straffer Terminplan im Weißen Haus
Der Termin-Plan war straff und eng: Knappe drei Stunden mit Gästebuch-Eintrag im Weißen Haus, Medien-Ringelpiez im Oval Office, Mittags-Lunch nebenan im Cabinet Room und als Schlussakzent ein Statement samt Mini-Fragerunde in Rufweite des Kongresses an der Constitution Avenue. Während Kanzler und Tross am frühen Nachmittag die Regierungsmaschine zum Rückflug nach Berlin bestiegen, traf sich Trump bereits mit seinem Energieminister. Um über die steigenden Öl-Preise zu reden; ein Resultat der Iran-Krise.
Schon zum Auftakt schmeichelt der Gastgeber dem Kanzler, bezeichnet ihn als „einen Freund von mir“. Merz sei „sehr populär“ und erledige „einen ganz tollen Job“. Merz retourniert die Offerte: „Wir sind uns einig, dass dieses schreckliche Regime in Teheran beseitigt werden muss.“ Darin unterstütze Deutschland das israelisch-amerikanische Bündnis. Um den Blick sofort weiter nach vorn zu richten: „Wir haben einen hohes Interesse an einem gemeinsamen Vorgehen für den Tag danach” - sprich: wenn das Mullah-Regime weg ist. Sprich: Was ist die Strategie für die Zukunft? Vizepräsident JD Vance, Außenminister Marco Rubio und Verteidigungsminister Pete Hegseth sitzen auf der Couch links von Trump - und hören unbewegt zu.
„Ziemlich das Gegenteil“ von Merkel
Trump, an den sich mit Abstand die meisten Fragen des Journalisten-Pulks richten, behandelt den Kanzler wie einen geschätzten Statisten, deckt ihn mit Lob ein („ausgezeichneter Anführer”) und behauptet, er sei in zentralen Fragen - Energiepolitik und Einwanderung - „ziemlich das Gegenteil“ seiner Vorgängerin. „Mit Angela hatte ich Differenzen.”
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Ausdrücklich nimmt Trump Deutschland aus seiner Kritik an Europa, was die Unterstützung im Iran angeht, aus. Berlin erlaube den USA, an bestimmten Orten zu landen, wenn dies hilfreich sei, sagt Trump und fügt hinzu: „Wir verlangen von ihnen nicht, dass sie Bodentruppen entsenden.” Spanien und England dagegen bekommen es faustdick ab. Weil beide Länder auf der Bremse stünden, Madrid hat den Angriff auf Teheran verurteilt, London zögerte lange bei der Freigabe von Landeplätzen im Indischen Ozean, erwägt Trump Strafaktionen: etwa die Einstellung „aller Geschäfte“ der Vereinigten Staaten mit Spanien.

Merz, der noch weniger Redeanteile als bei der Premiere im Sommer 2025 bekam, hört gefasst zu, die blaue Krawatte weit über dem Bauchnabel tragend. Einmal sagt er, danach gefragt, dass die Öl- und Gaspreise der Weltwirtschaft schaden. Auch darum müsse der Krieg so schnell wie möglich beendet werden. Trump sekundiert unverbindlich, ohne einen Termin-Ausblick zu geben: „Wenn wir mit dem Iran fertig sind, werden die Ölpreise auf ein Niveau sinken, auf dem sie vorher nie waren.“
War der Besuch ein Erfolg für Merz? Schon vorher hatte die deutsche Seite ihren Standpunkt sichtbar gemacht. Danach gebe es „sehr weitgehende Übereinstimmung” mit den Zielen, die Trump verfolge: Dem Iran den Griff nach der Atombombe verunmöglichen. Das ballistische Raketen-Arsenal neutralisieren. Dafür Sorge tragen, dass Teheran aufhört, seine Nachbarn zu tyrannisieren.
Berlins Sorge vor einem „zweiten Syrien“
Aber es gebe eben auch Fragen: Wann ist der Punkt erreicht, den Waffengang zu beenden; mit dem Ziel, danach größere Stabilität in der Region zu erreichen. Und damit auch und gerade für Israel. Iran, heißt es in Berlin, dürfe kein „zweites Syrien werden”, den Zusammenbruch der Staatlichkeit gelte es zu verhindern. Ebenfalls relevant: Was ist mit den „Proxies” der Mullahs? Jenen Gruppen wie Hisbollah, die mit Lizenz von Teheran Terror exportieren. Für Deutschland seien es eben keine abstrakten Fragen, wenn der Spritpreis bereits über zwei Euro tendiert und an der iranisch-türkischen Grenze ersten Flüchtlingskohorten warteten.
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Was eine etwaige deutsche Beteiligung an den Militär-Aktionen anbelangt, wurde das klare „Nein” des Kanzlers vorher noch einmal befestigt. Bundeswehr-Soldaten, die in der Region stationiert sind, dürfen sich im Falle eines Angriffs verteidigen - mehr ist nicht. Über eine unterstützende Rolle der Bundesrepublik in einer Nachkriegsordnung im Iran könne man dagegen reden.
Merz vermeidet offene Kritik an US-Israel-Kurs
Ebenfalls als Verstärkung dessen, was Merz bereits am Wochenende in Berlin erklärte hatte, klangen Sätze wie der, dass „wir hier nicht als Schiedsrichter hinfahren und Haltungsnoten geben”. Sprich: offene Kritik an dem völkerrechtlich umstrittenen Vorgehen der amerikanisch-israelischen Verbündeten versagt man sich angesichts eigener Schwäche und erfolgloser Diplomatie. Auch wenn der Kanzler „die Schwelle in eine ungewisse Zukunft überschritten“ sieht. Man wolle eben kein „Moralapostel” sein. Was nicht gleichzusetzen sei mit „kuschen”. Friedrich Merz sei als einer der wichtigsten EU-Regierungschefs in den USA; und sein Punkt werde gehört.
Aktuelle Nachrichten zum Krieg in Nahost
Die Pfleglichkeit der Tonlage Trumps überraschte Beobachter in Washington. Schließlich hatte der Kanzler auf der Münchner Sicherheitskonferenz noch Front gemacht. „Der Kulturkampf der Maga-Bewegung in den USA ist nicht der unsere”, sagte er, warnte vor Protektionismus – und erklärte sogar, die USA seien „nicht mächtig genug“, „allein“ zu handeln.
Ob diese Kritik beim Tischgespräch ein Thema war, blieb einstweilen offen. Trump war nicht nach In-den-Senkel-stellen zumute. Selbst beim Streit-Thema Zölle versuchte er es mit einem Witz. „Ich denke, wir sollten Deutschland sehr, sehr hart treffen”, sagte der 79-Jährige, ganz der Entertainer. Gelächter im Saal. Dann beugte sich Trump herüber zu seinem Gast und klopfte ihm aufs Knie. Der Kanzler lächelte. Etwas verlegen.













