Im Bayerischen Hof fiel am Wochenende ein Satz, der bleibt: „Donald Trump ist nur vorübergehend. In drei Jahren wird er nicht mehr da sein.“ Gavin Newsom sagte ihn in München vor einem europäischen Publikum, das nach der Rückkehr Trumps ins Weiße Haus verzweifelt nach neuen amerikanischen Ansprechpartnern sucht. Newsom diente sich auf der Münchner Sicherheitskonferenz – auch im kurzen Vier-Augen-Plausch mit Kanzler Friedrich Merz – als Gegenentwurf zum rechtspopulistischen Republikaner an: international, weltoffen, klimaschutzfixiert, schlagfertig, erkennbar angriffslustig. Das ist nicht nur Strategie, das ist authentisch er. 

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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Während viele Demokraten nach der Niederlage von Kamala Harris 2024 bis heute defensiv und verstört wirken, hat sich der Gouverneur des bevölkerungsreichsten US-Bundesstaats als lautester Dauergegner des Präsidenten inszeniert – am Rednerpult, in Gerichten, in Zeitungen wie im Fernsehen. Und vor allem in sozialen Medien.

Mit einer Ein-Mann-Show gegen Donald Trump

Was ihn in der eigenen Partei gerade so wertvoll macht, ist weniger Ideologie als Funktion: Newsom füllt als Ein-Mann-Show das Vakuum. Der 58-jährige Vater von vier Kindern hat Trumps Regierungsachterbahnkurs zur eigenen Startbahn gemacht – etwa beim Streit um die Zuschneidung von Wahlkreisen, bei den Konflikten um die tödliche, schießende Einwanderungspolizei ICE oder im digitalen Schlagabtausch, wo er Trump verlässlich mit viralen Spott-Posts provoziert. 

Im Januar vergangenen Jahres besuchten Donald und Melania Trump nach den verheerenden Bränden Kalifornien. Gouverneur Newsom, ebenso TV-erfahren wie der Präsident, produzierte dabei eine Szene, die Trump später als für ihn ungünstig bezeichnete.
Im Januar vergangenen Jahres besuchten Donald und Melania Trump nach den verheerenden Bränden Kalifornien. Gouverneur Newsom, ebenso TV-erfahren wie der Präsident, produzierte dabei eine Szene, die Trump später als für ihn ungünstig bezeichnete.© AFP | MANDEL NGAN

Ein Newsom-Berater formuliert über den früheren Bürgermeister von San Francisco so: „Viele in der Politik sind von Trump eingeschüchtert, Newsom nicht.“ An der demokratischen Basis kommt seine Tonlage laut Umfragen gut an: „Check on Trump“ – also Gegenmacht exerzieren – schlägt gerade klassische Partei-Programmatik. Der Mann aus Kalifornien liefert dieses Gefühl im 24/7-Dauerbetrieb.

Newsoms Methode: kontrollierter Krawall

Seine politische Methode ist der kontrollierte Krawall. Wie etwa in Davos. Newsom erklärte öffentlich, er sei von einem US-Forum ferngehalten worden, und machte daraus eine Bühne gegen die Trump-Leute. Oder der Zankapfel „redistricting“. Als Texas sich mehr republikanische Mandate in Washington basteln wollte, zog Newsom in Kalifornien spiegelbildlich eine Demokraten-freundliche Neuvermessung der Wahlkreise durch. Sein Mantra: „Feuer mit Feuer bekämpfen.“ Oder der Medienkrieg. Mit einer 787-Millionen-Dollar-Klage gegen Fox News eskalierte Newsom den Konflikt mit dem konservativen Ökosystem juristisch. 

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Das alles signalisiert demokratischen Wählern: Dieser Typ duckt sich nicht weg. Seine Gegner, auch innerparteilich, sehen darin eher einen Dauerperformer, der Politik als Endlos-Trailer für eine etwaige Präsidentschaftskandidatur 2028 betreibt. In München lautete die Frage auf den Konferenzgängen: Hat der Mann Substanz?

62nd Munich Security Conference
In München parlierte Gavin Newsom mit Bundeskanzler Friedrich Merz. Trump-Gefolgsmann Richard Grenell, früher US-Botschafter in Berlin, sieht darin einen Skandal.© Bundesregierung via Getty Images | HANDOUT

Gavin Newsom kann auf reale Regierungserfahrung verweisen – Groß-Bundesstaat, Mega-Haushalt, Krisenmodus. Doch seine Bilanz ist ambivalent. Unter Defizitdruck musste er bei der Gesundheitsversorgung für Migranten zurückrudern; parallel fuhr er bei Obdachlosen-Camps einen härteren Kurs und entfremdete damit Teile des links-progressiven Lagers. 

Diese Widersprüche machen ihn national zugleich attraktiver und verwundbarer: Für die Mitte gilt er als pragmatischer geworden, für die Linke als unzuverlässig, für Republikaner bleibt er das Symbol des „liberalen Kalifornien“, gegen das man aus christlich-rechtsnationalistischer Perspektive quasi blind mobilisieren kann.

Newsom, der föderale Widerständler

Hinzu kommt das Dauerduell mit Donald Trump in Sachfragen, das immer wieder in Machtfragen kippt. Nach den großen Bränden an der Westküste stritt Washington mit Sacramento offen über Wiederaufbau, Zuständigkeiten und Geld. Trump setzte auf föderale Durchgriffsoptionen, Newsom verlangte vor allem freigegebene Mittel. Dieses Muster – der Präsident als nationaler Disziplinierer, der Gouverneur als föderaler Widerständler – hat Newsom in den USA bekannt gemacht.

Aber noch nicht bekannt genug. Ende Februar erscheint seine tief ins Private vordrängende Biografie: „Young Man in a Hurry: A Memoir of Discovery“. Von den früh geschiedenen Eltern über den Krebstod seiner Mutter und die temporäre Ehe mit der einst zum Trump-Clan gehörenden Kimberly Guilfoyle bis zu seiner notorischen Legasthenie – Newsom hat sich noch nie öffentlich so „ausgezogen“.

Kaliforniens Gouverneur Newsom inszeniert sich als Gegen-Trump

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    Und 2028? Alles noch zu früh. Aber laut Umfragedaten sieht Newsom derzeit nicht wie ein Nebendarsteller aus. In einer großen Yougov-Erhebung lag er bei Demokraten vorn: 55 Prozent würden ihn in einer Vorwahl „in Betracht ziehen“, 23 Prozent nannten ihn sogar als Idealkandidaten. Alexandria Ocasio-Cortez (AOC), die aufstrebende Kongressabgeordnete aus New York, die ebenfalls in München ihre Runden drehte, liegt klar dahinter, aber nicht außerhalb des Spielfelds: 38 Prozent halten sie für möglich, acht Prozent für ideal. 

    Wenn die Demokraten bis 2027, dann müssen etwaige Kandidaten allmählich den Finger heben, stärker auf Klassenkampf, Gaza-Generation und Anti-Establishment drehen, kann AOC aufholen. Wenn sie auf ausgeschlafene Exekutivkompetenz und Anti-Trump-Disziplin setzen, bleibt Newsom im Vorteil. Aber mit JD Vance und Marco Rubio als potenzielle Trump-Erben am Horizont hat der Gouverneur kein leichtes Spiel. Er muss zwei unterschiedliche Gegnertypen einpreisen – gegen Vance das Kulturkampf-Duell, gegen Rubio den außenpolitisch polierten Kontrast. Seine internationale Präsenz (siehe München) war genau dafür ein Testlauf. Aufgabenstellung: Ein kalifornischer Gouverneur wollte als Präsident in Wartestellung wirken.

    California Governor Gavin Newsom Interview On The Circuit
    Gavin Newsom und seine Ehefrau Jennifer Siebel Newsom leben nördlich von San Francisco in Marin County.© Bloomberg via Getty Images | Bloomberg

    Davon unberührt bleibt die Kernfrage: Ist Newsom außerhalb Kaliforniens vermittelbar? Ja – aber nur unter Bedingungen. Erstens muss er zeigen, dass seine Anti-Trump-Härte mehr ist als Social-Media-Timing. Zweitens braucht er eine Erzählung, die nicht nach liberaler Westküsten-Bubble klingt: Lebenshaltungskosten, Wohnraum, Verbrechensbekämpfung, industrielle Jobs. Drittens darf er sich nicht im eigenen Widerspruch verfangen – progressiv in der Sprache, restriktiv in der Praxis. Genau hier entscheidet sich, ob er 2028 als „amerikanische Gegenmacht“ durch- oder als glänzend verpackter Regionalpolitiker untergeht. Für den Moment gilt: Newsom ist der lauteste Demokrat im Ring. Aber Lautstärke gewinnt keine Endrunde. Nur Reichweite plus Vertrauen tun das.