Dass Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer (parteilos) nie Bestrebungen hatte, das neue Werbegesicht der Deutschen Bahn zu werden, dürfte seit Längerem klar sein. Jetzt verpackt der 53-Jährige seine neuerliche Kritik am Konzern aber in einem selbst für seine Verhältnisse außergewöhnlich ausführlichen offenen Brief an Bahn-Chefin Evelyn Palla. Der Grund: Fahrgäste, die auf der Toilette geraucht und so für Verspätungen auf Palmers Zugreise gesorgt haben.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
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Er schreibe diesen Brief, so Palmer in seinem Facebook-Eintrag, „als Fahrgast aus einem ICE, der über einen längeren Zeitraum stillstand, weil zwei Personen ohne Fahrschein auf der Toilette geraucht hatten“. Ihm sei bewusst, dass es sich „hierbei um einen Regelverstoß und um ein sicherheitsrelevantes Thema handelt“, jedoch wolle er anregen, „Vorschriften und Abläufe für solche Fälle kritisch zu überprüfen“.

Frust über Verspätung: Boris Palmer schreibt offenen Brief an Bahn-Chefin Evelyn Palla
Dann holt Palmer weiter aus und verknüpft den Vorfall am Bahnhof Bensheim mit dem allgemeinen Bahn-Frust in Bezug auf Unpünktlichkeit. „Sie haben die Verbesserung der Pünktlichkeit zu einem der zentralen und wichtigsten Themen Ihres Handelns erklärt“, schreibt Palmer. Vor diesem Hintergrund erscheine es ihm sinnvoll, „gerade solche betrieblichen Situationen zu hinterfragen, in denen vergleichsweise kleine, lokal begrenzte Vorfälle zu erheblichen Verspätungen für hunderte unbeteiligte Fahrgäste führen“.
Palmer geht bei seiner Kritik bis ins letzte Detail und erklärt: „Besonders kritisch erscheint mir dabei der Umgang mit der Brandmeldeanlage.“ Sinngemäß erklärt er, dass die ganze Aufregung, inklusive Verspätung, um zwei rauchende Fahrgäste unverhältnismäßig sei.
Anschließend führt Palmer fünf „Vorschläge, die er gern zu Diskussion“ stellen würde, auf. So fordert der gebürtige Waiblinger unter anderem „erweiterte Befugnisse und Schulungen für das Bordpersonal“, um in solchen Fällen eine schnelle Weiterfahrt zu ermöglichen. Auch die Einführung eines Prüf- und Freigabeverfahrens für Brandmeldungen findet sich in Palmers Forderungen.
Bei Facebook sorgt sein Eintrag für Aufsehen. Nicht alle User stimmen ins Bahn-Bashing Palmers ein, so schreibt ein Nutzer: „Das sind nicht die Gründe für unser marodes Schienennetz und die Unzuverlässigkeit der DB. Deswegen verstehe ich nicht wieso solche Minderheitsfälle von Ihnen gepostet werden. Posten Sie doch bitte die Hauptgründe, wenn sie Ihnen ins Auge fallen. Immer am nörgeln am falschen Ansatzpunkt, um so Politik zu machen. Habe ich kein Verständnis dafür.“
Facebook-Nutzer schlägt Palmer vor, sich als Bahnvorstand zu bewerben
Eine Nutzerin weist Palmer darauf hin, dass nicht die Bahn, sondern die Polizei entscheide, wann ein Zug weiterfährt, worauf Palmer antwortet: „Und genau das ist falsch.“ Ein anderer schlägt Palmer vor, sich doch gleich selbst zu bewerben: „Für einen Feueralarm gibt’s Gesetze und Verordnungen derer auch die Deutsche Bahn unterworfen ist. Sollte man eigentlich wissen und wenn ihnen es so auf den Zeiger geht, bewerben sie doch doch als Bahnvorstand und geben alles andere dafür auch.“
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Viele Nutzer stimmen Palmer aber auch in ihren Kommentaren zu und loben die Vorschläge des ehemaligen Grünen-Politikers. „Was ich an Dir wirklich mag: du versuchst Lösungen anzubieten und in den Dialog zu treten“, schreibt ein Facebook-Nutzer.
Palmer ist dafür bekannt, die Deutsche Bahn immer wieder zu kritisieren. Für große Empörung sorgten seine Worte zu einer Werbekampagne 2019. Der Konzern warb damals unter anderem mit TV-Koch Nelson Müller und Moderatorin Nazan Eckes. Palmer hatte bei Facebook einen Shitstorm geerntet, weil er geschrieben hatte: „Welche Gesellschaft soll das abbilden?“ Immer wieder gab es in der Folge kontroverse Diskussionen um rassistische Äußerungen Palmers, der mehrfach das N-Wort in den Mund nahm und schließlich 2023 bei den Grünen austrat.





