In weiten Teilen Irans protestieren Menschen gegen horrende Preissteigerungen und die Wirtschaftsmisere. Kann die Krise zum Sturz des Mullah-Regimes führen? Und was lösen den jüngsten Drohungen von US-Präsident Donald Trump aus? Die Antworten auf die wichtigsten Fragen.

Wie groß ist die Protestwelle?

Die Proteste haben sich mittlerweile auf alle Landesteile in Iran ausgeweitet. In der Nacht zum Freitag gab es in Teheran die größten Kundgebungen seit Beginn der Protestwelle vor knapp zwei Wochen. Videos in sozialen Medien zeigten Menschenmassen in den Straßen der Hauptstadt. Augenzeugen berichteten von Sicherheitskräften, die mit Tränengas gegen vermummte Demonstranten vorgingen. In Videos von Aktivisten waren brennende Fahrzeuge der Sicherheitskräfte zu sehen. In der Millionenstadt Maschhad, dem Machtzentrum des schiitischen Islams im Nordosten, berichteten Augenzeugen: Es sei „wie Krieg“. In mehreren Städten richteten die Demonstranten wütende Slogans gegen die religiöse und politische Führung des Landes. Immer häufiger war der Ruf „Tod dem Diktator“ zu hören, der sich auf Ali Chamenei bezog, den Obersten Repräsentanten des Mullah-Regimes. Chamenei bezeichnete die Protestierenden als „Vandalen“ und „Saboteure“ und richtete Warnungen an US-Präsident Donald Trump. Der iranische Justizchef Gholam-Hussein Mohseni-Edschehi drohte: „Die Bestrafung der aufrührerischen und unruhestiftenden Elemente wird entschlossen, maximal und ohne jegliche gesetzliche Nachsicht erfolgen.“

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In vielen Städten hallte immer wieder die Parole „Das ist der letzte Kampf, Pahlavi kommt zurück“ über die Dächer. Der im US-Exil lebende Reza Pahlavi, Sohn des 1979 gestürzten Schahs, hatte für Donnerstag und Freitag zu Protesten aufgerufen. Bislang seien bei den Demonstrationen 45 Menschen ums Leben gekommen, wie die in Oslo ansässige Menschenrechtsorganisation Iran Human Rights (IHRNGO) mitteilte. „Die Fakten zeigen, dass die Repressionen von Tag zu Tag gewalttätiger und umfassender werden“, erklärte Direktor Mahmood Amiry-Moghaddam. Die Behörden schalteten unterdessen den weltweiten Internetzugang für die Bevölkerung ab, was auch am Freitag noch anhielt. Das Land befinde sich in einem „Internet-Blackout“, berichtete die auf Netzsperren spezialisierte Organisation Netblocks. Bei den Protesten wegen steigender Benzinpreise vor sechs Jahren verhängte der Staat eine fast einwöchige Internetsperre.

Proteste im Iran
Videostandbild aus dem iranischen Staatsfernsehen zeigt brennende Fahrzeuge während nächtlicher Massenproteste.© Uncredited/Iran state TV/AP/dpa | Uncredited

Was hat die Demonstrationen ausgelöst?

Der dramatische Verfall der iranischen Währung Rial hat am letzten Sonntag im Dezember zu einer Kettenreaktion geführt. Erst machten die einst regimetreuen Basarhändler in Teheran ihre Läden dicht, dann gingen Studenten auf die Straße. Das ist insofern bedeutend, als die Unterstützung der Basarkaufleute für die Mullahs maßgeblich die „Islamische Revolution“ von 1979 ermöglicht hat. Die gegenwärtigen Proteste richten sich in erster Linie gegen den desolaten Zustand der Wirtschaft. Die Inflation hat nach Schätzungen westlicher Experten die 50-Prozent-Marke überschritten – vor allem Lebensmittel haben sich rasant verteuert.

Wie tief ist die Wirtschaftskrise?

Die Wirtschaftskrise Irans reicht weit über den Absturz der Landeswährung hinaus. „Wir beobachten eine strukturelle Zerstörung des sozialen Gefüges“, sagte Mohammad Reza Farzanegan, Leiter des Fachgebiets Wirtschaft des Nahen und Mittleren Ostens der Philipps-Universität Marburg, unserer Redaktion. Hierfür gebe es zwei Gründe: die harschen internationalen Sanktionen gegen das Mullah-Regime und überbordende Korruption. Nach einer im Dezember veröffentlichten Studie, in der Farzanegan als Co-Autor auftritt, hat die internationale Sanktionspolitik zwischen 2012 und 2019 zu einem jährlichen Rückgang der iranischen Mittelschicht um durchschnittlich 17 Prozent geführt. „Was wir heute auf den Straßen von Teheran und anderen Städten sehen, ist die Verzweiflung der ‚neuen Armen‘“, so der Marburger Professor. „Lehrer, Krankenschwestern und kleine Ladenbesitzer, die einst das stabile, moderate Zentrum der Gesellschaft bildeten, wurden massenhaft in die Unterschicht herabgestuft.“ Erschwerend komme die „systematische Korruption“ regimenaher Kräfte hinzu. Die Revolutionsgarden, Irans Elitestreitmacht, haben die Wirtschaft im Griff und sind an Hotels, Fluggesellschaften oder Rüstungsfirmen beteiligt.

Iran's Supreme Leader Ayatollah Ali Khamenei - Tehran
Ali Chamenei, der Oberste Führer des Mullah-Regimes.© IMAGO/ABACAPRESS | IMAGO/SalamPix/ABACA

Das Regime versuchte, die wegen der Sanktionen wegbrechenden Öleinnahmen durch einen Griff in die Taschen der Bürger zu kompensieren. So plante die Regierung für das am 21. März 2026 beginnende Haushaltsjahr die Löhne für Staatsbedienstete und die Renten um nur 20 Prozent anzuheben, während gleichzeitig die Steuern steigen sollten. Bei einer Inflationsrate von mehr als 50 Prozent bedeutet dies, dass die Bezüge der Menschen drastisch abgeschmolzen wären. Der Gesetzesentwurf wurde nach der Ablehnung durch das Parlament gekippt. Aber die Finanzmisere des Staates bleibt.

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Steht das Mullah-Regime auf der Kippe?

Schon heute hat die Protestwelle Basarhändler, Ladenbesitzer, Studierende und gewisse Berufsgruppen erfasst. Sie könnte weitere Kreise ziehen. „In großen Teilen der iranischen Bevölkerung hat sich das Gefühl durchgesetzt, dass der Staat nicht in der Lage ist, ihre Probleme zu lösen und den wirtschaftlichen Zusammenbruch zu stoppen“, sagte Ali Fathollah-Nejad, Direktor der Berliner Denkfabrik Center for Middle East and Global Order, unserer Redaktion. „Es gibt eine große Desillusionierung, die immer mehr gesellschaftliche Gruppen erfasst. Dies könnte den Weg bereiten für Massenproteste oder gar einen Generalstreik“, so Fathollah-Nejad, Autor des 2025 erschienenen Buchs „Iran – Wie der Westen seine Werte und Interessen verrät“.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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Das Problem: Die Demonstrationswelle ist zwar großflächig, aber es fehlt die Steuerung. „Es ist noch nicht der Moment gekommen, in dem das Regime ernsthaft in Gefahr ist. Was derzeit fehlt, ist eine zentrale Organisation der Proteste sowie eine Vision für die Zeit danach. Es gibt keine führenden Köpfe“, sagte Hans-Jakob Schindler, Chef der Berliner Denkfabrik Counter Extremism Project, unserer Redaktion. „Was aber noch viel entscheidender ist: Teile des Regimes müssen illoyal gegenüber der Führung werden. Das ist noch nicht der Fall, jedoch könnte es angesichts des gigantischen Ausmaßes der Wirtschaftskrise mittelfristig zu Zerrüttungen im Machtapparat kommen. Eine Revolution muss organisiert werden, und sie braucht auch Sympathisanten auf der Gegenseite.“

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Was bewirken die jüngsten Drohungen von US-Präsident Donald Trump?

Trump baut eine scharfe Drohkulisse auf. Wenn der Iran friedliche Demonstranten töte, „werden die Vereinigten Staaten von Amerika ihnen zu Hilfe kommen“, kündigte er an. Die Frage, ob dies den Protesten nutzt, ist nach Ansicht des Terrorexperten Schindler ein zweischneidiges Schwert: „Trumps Drohung hat den Menschen in Iran Hoffnung gemacht. Dem Regime hat dies aber eher in die Hände gespielt, weil es Widerständler wahlweise als amerikanische oder israelische Spione diskreditieren kann.“