Seit April ist Elton John in Russland „unerwünscht“. Nicht seine Musik natürlich. „Candle in the Wind“ wird nach wie vor im Radio gespielt, „Sorry Seems to Be the Hardest Word“ auch. Zur unerwünschten Organisation wurde Elton Johns Aids-Stiftung erklärt. Die Organisation stünde negativ gegenüber einer Politik, die „traditionelle geistig-moralische Werte verteidigt“, teilte die Generalstaatsanwaltschaft in Moskau mit. Für die Stiftung bedeutet die Einstufung als „unerwünschte Organisation“ quasi das Verbot in Russland. Ziel von Elton Johns Arbeit sei zwar die Aids-Prävention und Bekämpfung, heißt es in der Begründung. Sie sei aber „konzentriert auf die Propaganda nicht traditioneller sexueller Beziehungen, westlicher Familienmodelle und Geschlechtsumwandlungen.“ Dies ist in Russland verpönt, verboten.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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Das Ende der 20-jährigen Arbeit der Stiftung wirft ein Schlaglicht auf Russlands Aids-Politik. Derzeit lebten etwa 1,2 Millionen Menschen in Russland mit HIV, sagte der russische Epidemiologe Wadim Pokrowski im Dezember 2024 der Nachrichtenagentur Interfax. Auch die UN warnt. Die Zahl der Neuinfektionen sei seit 2010 weltweit zurückgegangen, in Osteuropa und Zentralasien hingegen seien die Zahlen gestiegen. Russland sei von Neuinfektionen besonders betroffen. „In der Region herrscht ein hohes Maß an Stigmatisierung und Diskriminierung, was den Zugang zur Gesundheitsversorgung erschwert“, sagt Mahesh Mahalingam, seit 2023 Stabschef von UNAIDS. „Die Menschen haben das Gefühl, sich wegen ihres HIV-Status schämen zu müssen, was ihre Gesundheitsversorgung erschwert.“

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Aids in Russland: Viele Hilfsorganisationen mussten ihre Arbeit einstellen

Längst schon ist Aids keine „Schwulenseuche“ mehr. Bei 81 Prozent der Infektionen in Russland seien heterosexuelle Kontakte die Ursache, 14 Prozent sind Drogenabhängige und nur vier Prozent der Neuinfektionen entstünden durch homosexuelle Kontakte, zitiert das Online-Medium „Meduza“ offizielle Statistiken. „Unsere durchschnittlichen Patienten sind Männer und Frauen zwischen 35 und 45 Jahren. Es sind ganz normale, sozial integrierte Menschen, ob mit oder ohne Partner, Ehemann, Ehefrau oder in einer Beziehung“, sagt Ksenia Gogolewa, die in einem Aids-Zentrum arbeitet. Trotzdem leiden HIV-Infizierte unter der schwulenfeindlichen Gesetzgebung in Russland. Sogenannte „LGBTQ+ -Propaganda“ ist verboten. Was immer auch diese „Propaganda“ ist: Nicht nur Elton Johns Organisation, auch viele andere NGOs mussten ihre Hilfsangebote für Infizierte und Aids-Erkrankte einstellen.

Von vielen Problemen spricht auch Maria Godlewskaja, eine Aktivistin aus Sankt Petersburg. „Selbst diejenigen, die sich bewusst für einen HIV-Test entschieden haben und bei denen er positiv ausfällt, suchen oft keinen Arzt mehr auf. Viele sagen, die ersten Monate nach der Diagnose seien für sie die Hölle gewesen. Sie seien erst vom Infektiologen und dann vom Epidemiologen sozusagen verhört worden, um herauszufinden, wie sie sich infiziert hätten“, so Godlewskaja.

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Es fehlt in vielen russischen Regionen an HIV-Test-Kits

„Reduzierte staatliche Mittel, Verbote externer Finanzierung und Maßnahmen gegen die Aktivitäten zivilgesellschaftlicher Organisationen beeinträchtigen die HIV-Bekämpfung erheblich“, stellte die renommierte medizinische Fachzeitschrift „The Lancet“ im Oktober fest. „Die ohnehin schon prekäre Natur der staatlichen Ressourcen für HIV wurde durch die Verlagerung der Finanzierungsprioritäten auf den Krieg mit der Ukraine verschärft.“ Die Folge: Überall im Land fehlen Test-Kits und – vor allem – dringend benötigte Medikamente.

Seit einem Jahr stünden in mindestens 16 russischen Regionen zu wenig HIV-Test-Kits zur Verfügung, berichtet das Portal „vedomosti.ru“. Für Infizierte ist dies alarmierend. Regelmäßig müssen sie ihre Viruslast kontrollieren und ihre Behandlung danach ausrichten.

HIV prevention campaign in St Petersburg
Eine mobile Teststation in Sankt Petersburg: Es fehlen HIV-Test-Kits in Russland.© picture alliance/dpa/TASS | Peter Kovalev

Ukraine-Krieg: Auch unter den Soldaten steigt die Zahl der HIV-Infizierten an

Die Initiative „Patientenkontrolle“ sammelt auf ihrer Website „pereboi.ru“ Beschwerden über Medikamentenmangel. Mit alarmierenden Ergebnissen: „Seit mehreren Jahren leidet Russland unter Versorgungsengpässen bei der Behandlung von HIV/AIDS. Lebenswichtige Medikamente, die täglich in bestimmten Kombinationen lebenslang eingenommen werden müssen, sind in Aids-Zentren entweder nur teilweise oder gar nicht verfügbar.“ Besonders gravierend scheint die Situation in russischen Gefängnissen zu sein, wo viele infizierte Drogenabhängige ihre Strafen absitzen. Seit Anfang 2025 gingen bei der Initiative 20 Meldungen über Therapieunterbrechungen allein aus der Region Sankt Petersburg ein. „Zum Vergleich: Im gesamten Jahr 2024 erreichten uns aus dieser Region lediglich sieben Meldungen.“

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HIV in Russland: Stigmatisierung von Betroffenen, fehlende Medikamente. Doch die Zahl der HIV-Positiven steigt. Neuerdings auch unter Soldaten, die in der Ukraine kämpfen. Unzureichende Hygiene in den Feldlazaretten, mehrfach benutzte Injektionsnadeln, sind hier die Ursache für die Verbreitung des Virus. Übrigens auch in der ukrainischen Armee. Probleme mit Medikamenten gebe es dort weniger, weiß der Ex-Soldat Borys Hrachov, der heute bei der Deutschen Aidshilfe arbeitet. Es komme aber vor, dass infizierte Soldaten absichtlich ihre Medikamente absetzen und AIDS-Symptome entwickeln würden – dies sei dann ein Entlassungsgrund aus der Armee. „Das ist extrem gefährlich, denn selbst wenn man wieder mit der Therapie beginnt, weiß man nicht, ob sie in diesem Stadium noch wirkt.“