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Israel ist ein Land der Gegensätze. Das wusste ich vorher. Nach dieser Reise weiß ich: Es ist auch ein Land der Gleichzeitigkeit. Von Trauer und Trotz. Von Zerstörung und Zukunft. Von bedrückender Stille und lauter Hoffnung.

Am Gaza-Streifen, im Kibbutz Nir Oz, steht die Zeit still. 85 Prozent zerstört. 64 Tote. Am 7. Oktober 2023 war dieses Dorf sechseinhalb Stunden lang schutzlos den Hamas-Angreifern ausgeliefert. Sechseinhalb Stunden, die man nicht in Worte, Zahlen oder Schlagzeilen bekommt.

Rita Lifshitz zeigt zwei Bierflaschen auf dem Tisch im Vorgarten des zerstörten Hauses ihres Schwiegervaters.
Rita Lifshitz zeigt zwei Bierflaschen auf dem Tisch im Vorgarten des zerstörten Hauses ihres Schwiegervaters.© Pascal Biedenweg

Ich traf dort Rita Lifshitz, eine Überlebende. Sie erzählte mir von ihrem Schwiegervater. Jahrelang ging sie jeden Abend zu ihm, um gemeinsam ein Bier zu trinken. Nach dem Überfall wurde er von der Hamas entführt. Das Bier stand trotzdem weiter jeden Abend bereit. Rita trank ihres. Das zweite Bier blieb unberührt. Ein stilles Ritual gegen das Unbegreifliche. Inzwischen ist klar: Er wurde ermordet.

Im Januar will Rita zurück nach Nir Oz ziehen. In ein zerstörtes Dorf. Warum? Weil es ihr Zuhause ist. Man kann das pathetisch finden. Oder schlicht menschlich.

Israel – ein Land der offenen Fragen

Danach ging es nach Eschkol. Über die Route 232 – auch bekannt als Street of Blood. Weil dort nach dem Überfall der Hamas Dutzende zerstörte Autos am Straßenrand standen. Abgebrannt oder übersät mit Einschusslöchern. Ich stand auf dem Gelände des Nova-Festivals, bei dem die Hamas mehrere Hundert Menschen tötete. Ich sprach mit Mazal Tazazo, einer Überlebenden. Sie versteckte sich auf freiem Gelände – ohne Schutz, ohne Hoffnung, ohne Plan. Nur der Wille zu überleben. Und sie tat es. Schicksal? Glück? Zufall? Diese Fragen bleiben offen. So wie vieles hier.

Sonnenuntergang über Jerusalem mit Blick von der Davidszitadelle.
Sonnenuntergang über Jerusalem mit Blick von der Davidszitadelle.© Pascal Biedenweg

Jerusalem fühlt sich an wie mehrere Städte übereinander. Yad Vashem. Ein Ort, der einem nicht das Herz bricht, sondern die Luft nimmt. Geschichte, die nicht vorbei ist, sondern sich aufdrängt. Gerade jetzt. Später der Tempelberg, die Altstadt. Wunderschön. Lebendig. Widersprüchlich. Ich stand vor Jesu Grab und feierte mit Juden Chanukka. Kinder lachten, Händler riefen, Gewürze lagen in der Luft. Und überall schwer bewaffnete Soldaten – Frauen und Männer, manche gerade volljährig. Jerusalem ist kein Ort für einfache Gefühle. Aber vielleicht genau deshalb so faszinierend.

Tel Aviv ist das Gegenstück. Und doch nicht der Gegenbeweis. Cafés, Strand, Start-ups, Musik. Alles wirkt leicht, fast sorglos. Ich saß in einer Bar, neben mir lachten junge Leute, bestellten einen Drink, diskutierten über Arbeit, über Pläne. Dann vibrierte ein Handy. Kurz darauf war das Lachen weg. „Mein Bruder steht an der Grenze“, sagte eine Frau. Ein Satz. Kein Drama. Danach ging das Gespräch weiter. Tel Aviv lebt. Nicht aus Ignoranz. Sondern aus Notwendigkeit.

Steh auf, wenn du am Boden liegst – aber wofür?

Im Norden, an der Grenze zu Libanon und Syrien, aß ich mit Drusen in Majdal Shams. Ich lernte einen Vater kennen, dessen Tochter durch einen Raketenangriff der Hisbollah getötet wurde. Er sprach ruhig. Freundlich. Hoffnungsvoll. Ich ertappte mich bei dem Gedanken: Ich wäre nicht so groß. Nicht so gefasst. Vielleicht ist genau das die tragische Stärke dieser Region – dass Menschen lernen müssen, weiterzugehen, obwohl es eigentlich keinen guten Grund dafür gibt.

Zu Besuch im Norden: Ayman Fakhr Al-Din spricht über seine tote Tochter.
Zu Besuch im Norden: Ayman Fakhr Al-Din spricht über seine tote Tochter.© Pascal Biedenweg

Israel ist ein modernes, starkes Land. Und ein tief verletztes. Beides stimmt. Gleichzeitig. Der 7. Oktober ist nicht vorbei. Er steckt in Gesprächen, in Pausen, in Blicken. In Bierflaschen, die niemand mehr anfasst. Die Stimmung ist angespannt, bedrückt – aber nicht gebrochen.

Am Ende dieser Reise blieb mir kein fertiges Urteil. Nur viele Bilder, Eindrücke, Stimmen. Vielleicht ist das die ehrlichste Erkenntnis: Israel lässt sich nicht erklären, ohne unbequem zu werden. Keine moralischen Abkürzungen. Keine Schwarz-Weiß-Schablonen. Wer es verstehen will, muss zuhören, aushalten, Widersprüche zulassen.

Israel ist kein Land für einfache Sätze. Und vielleicht sollte man genau deshalb vorsichtig sein mit denen, die vorgeben, es erklären zu können.

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