Audrey Hestmark und ihr Mann Thomas Bilger glaubten an einen Routinetermin, eine Anhörung, die nach ein paar Minuten beendet sein würde. Danach könnten sie nach Hause gehen – mit einem guten und sicheren Gefühl. Die US-Amerikanerin und ihr deutscher Mann sind seit gut einem halben Jahr verheiratet. Bilger ist Ingenieur, spezialisiert auf Robotik. Der 40-Jährige ist eine Fachkraft, der man in jedem Land der Welt wohl den roten Teppich ausrollen würde. Seit zehn Jahren arbeitet er für eine deutsche Firma in den USA, lebt mit seiner Frau Audrey im kalifornischen San Diego.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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Bilgers Visum war ausgelaufen, deshalb wollte er eine Green Card beantragen, mit der Ausländer regulär die Möglichkeit erhalten, dauerhaft in den USA zu leben und zu arbeiten. Das Paar hatte sich gut auf die Anhörung vorbereitet, alle notwendigen Papiere zusammengestellt und sogar Fotos eines Urlaubs mit Bilgers Eltern auf Hawaii mitgebracht. Ein Anwalt hatte ihnen vorher gesagt, dass das Gespräch reine Formsache sei. Es könne nichts schiefgehen, auch wenn Bilgers Aufenthaltserlaubnis gerade ausgelaufen war.

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Plötzlich stürmten maskierte Männer mit schusssicheren Westen in den Raum

Das Gespräch mit dem Behördenmitarbeiter habe entspannt begonnen, sagte Hestmark der „New York Times“. Es seien die erwarteten Fragen gestellt worden. Doch dann sei Bilger nach seinem Visum gefragt worden. Als der Deutsche erklärte, dieses sei aktuell nicht mehr gültig, sein Anwalt habe ihm aber versichert, dies sei kein Problem, änderte sich die Situation schlagartig. „Plötzlich stürmten drei maskierte Männer in schusssicheren Westen in den Raum und sagten, sie hätten einen Haftbefehl gegen Tom“, sagte Audrey Hestmark der Zeitung. Ihr Mann halte sich illegal im Land auf, so die Begründung. Vor den Augen seiner entgeisterten Frau wurden Thomas Bilger Handschellen angelegt. Anschließend sei er abgeführt worden, während die ICE-Leute ihr einen QR-Code für die ICE-Seite in die Hand gedrückt hätten, so Hestmark weiter.

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Der „New York Times“ sind weitere Fälle bekannt, in denen ICE-Agenten ebenfalls hart gegen ausländische Ehepartner von US-Bürgern vorgegangen seien. So sei eine mit einem Amerikaner verheirate Britin bei einer Anhörung festgenommen worden. Seine weinende Frau habe ihm gerade noch das Baby in die Arme drücken können, bevor sie abgeführt wurde, berichtet Stephen Paul dem Blatt. Ähnlich sei es Jason Cordero ergangen, dessen mexikanische Frau Ludmilla ebenfalls bei einer Anhörung festgesetzt wurde.

Thomas Bilgers Mutter Gabi, die in Rheinland-Pfalz lebt, berichtete dem SWR, ihr Sohn sei in eine Sammelstelle gekommen und habe die ersten drei Tage in einer winzigen Zelle mit etwa 30 weiteren Gefangenen verbracht. Er habe kaum etwas zu Essen bekommen, musste auf dem Boden schlafen und sei immer wieder sei er an verschiedene Orte gebracht worden. Dann habe ihn ein Richter auf Kaution freigelassen. Bilger musste eine Fußfessel tragen und sei mit anderen Festgenommenen an einem Busbahnhof nahe der mexikanischen Grenze abgesetzt worden – ohne Handy, Geld und Papiere. Seiner Frau Audrey habe man nur die Stadt, nicht aber den genauen Ort der Freilassung genannt. Ihren Mann habe sie nur durch Zufall gefunden, berichtet Gabi Bilger.

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Anwalt: ICE versucht, Trumps Quote zu erfüllen

Bis zur Entscheidung über seine Green Card muss Bilger weiter eine Fußfessel tragen. Seine Mutter sagt, dass er seit dem Vorfall Albträume habe. Seine Frau Audrey leide ebenfalls an den Folgen, fühle sich in ihrem eigenen Haus nicht mehr sicher.

Der amerikanische Anwalt Jim Hacking sieht im Vorgehen der US-Behörden ein System. „Wir reden von Ehepartnern von US-Bürgern, die nur mit ESTA (elektronische Einreisegenehmigung, Anmerkung der Redaktion) eingereist sind oder deren Visum schon abgelaufen ist, und die jetzt ihr Greencard-Interview haben“, sagte Hacking tageschau.de. Früher sei dies kein Problem gewesen, die Green Card sei trotzdem in der Regel problemlos erteilt worden, so Hacking weiter. Inzwischen versuchten die Behörden „zu tun, was Donald Trump erwartet und ihre Quote zu erfüllen“. Im Frühjahr hatte Trump die größte Abschiebekampagne in der Geschichte der USA angekündigt. Das Ziel: 3000 ICE-Festnahmen am Tag.