Das Gift wirkt schnell und effektiv: Schon eine geringe Konzentration genügt, um brennende Schmerzen, Atemnot und starken Juckreiz auszulösen. Als sogenanntes Lacrimogen greift Brombenzylcyanid auch die Augen an. Die Folgen können verheerend sein, wenn diese nicht sofort ausgespült werden. Im Ersten Weltkrieg wurde der chemische Kampfstoff unter dem Namen Camite von französischen und amerikanischen Truppen eingesetzt. Wegen der stark toxischen Wirkung ist die Verwendung seit den 1930er-Jahren international geächtet und verboten.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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Doch nun soll der chemische Kampfstoff nach über 100 Jahren im Herbst 2024 erneut eingesetzt worden sein. Von georgischen Sicherheitskräften, die im Auftrag der autoritären Regierung brutal gegen Demonstrierende vorgehen. Das berichtet die BBC unter Berufung auf Berichte von Betroffenen. Unter ihnen ist auch ein Kinderarzt, der die Beschwerden von etwa 350 weiteren Opfern dokumentiert haben will. Die Ergebnisse wolle er demnächst in der Zeitschrift „Toxicology Reports“ veröffentlichen, berichtet die BBC weiter.

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Demonstranten nach Einsatz: Haut „brannte wie Feuer“

Mehrere Demonstranten erklärten laut BBC, dass ihre Haut nach dem Einsatz der Sicherheitskräfte „wie Feuer“ gebrannt habe. Mit Wasser seien die Schmerzen noch schlimmer geworden. Mehrere Menschen hätten noch Wochen später unter Atemnot, Erbrechen und Herzrhythmusstörungen gelitten, heißt es weiter.  Die BBC stützt sich nach eigenen Angaben in dem Bericht auch auf Aussagen von Experten für chemische Waffen, von Whistleblowern aus den Reihen der georgischen Polizei sowie von Ärzten. Die Folgen des Einsatzes sollen weit heftiger sein als bei Pfefferspray und Tränengas, das die Polizei sonst bei der Auflösung von Demonstrationen nutzt.

Georgiens Ministerpräsident Irakli Kobachidse setzt auf Härte gegen Kritiker seines Kurses.
Georgiens Ministerpräsident Irakli Kobachidse setzt auf Härte gegen Kritiker seines Kurses.© Uncredited/Georgian Dream Party/AP/dpa

Menschen in Georgien demonstrieren seit vielen Monaten gegen den autoritären und russlandfreundlichen Kurs der Regierungspartei Georgischer Traum von Ministerpräsident Irakli Kobachidse. Dieser gilt als Marionette des Oligarchen Bidsina Iwanischwili, dem gute Kontakte in den Kreml nachgesagt werden. Nach dem umstrittenen Sieg des Georgischen Traums bei der Parlamentswahl im Oktober 2024 (unabhängige Wahlbeobachter haben mehrere Unregelmäßigkeiten dokumentiert) hatte Ministerpräsident Kobachidse am 28. November des vergangenen Jahres angekündigt, den EU-Beitrittsprozess vorerst bis 2028 zu stoppen, obwohl laut aktueller Umfragen bis zu 80 Prozent der Georgierinnen und Georgier für eine Mitgliedschaft sind und diese als Ziel in der Verfassung festgeschrieben ist.

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Gegen die anhaltenden Proteste gehen die Sicherheitskräfte mit immer brutaleren Methoden vor. Demonstrationen werden gewaltsam aufgelöst, Teilnehmende willkürlich verhaftet und abgeurteilt. Die Regierung ließ Kamerasysteme aus China mit ausgefeilter Gesichtserkennung installieren, änderte Gesetze und verhängte zuletzt drakonische Bußgelder wegen angeblicher „Straßenblockaden“.

Proteste gegen den Kurs der Regierung in Tbilisi
Proteste gegen den Kurs der Regierung in Tbilisi© AP/dpa | Zurab Tsertsvadze

Der georgische Inlandsgeheimdienst leitete nach eigenen Angaben Ermittlungen wegen des möglichen Einsatzes von Giftgas ein. Überprüft werde, ob eine Straftat begangen wurde, die das Leben und die Gesundheit der Bürger gefährdet habe. Doch fast im gleichen Atemzug kündigte der Georgische Traum rechtliche Schritte gegen die BBC an. In einer Stellungnahme spricht die Partei von „zahlreichen absurden und falschen Behauptungen“. Die Partei werde „alle möglichen rechtlichen Wege beschreiten“, damit das „sogenannte Medium“ zur Verantwortung gezogen werde.

tok