Wenn man 70 ist wie Friedrich Merz, überblickt man einen größeren Geschichtsraum aus eigener Erfahrung, als wenn man 25 ist. Logisch. Lebenserfahrung kann helfen, die großen Linien zu sehen und sich nicht im Kleinklein des Hier und Jetzt zu verbeißen. Es kann aber auch dazu führen, dass man nicht mehr sieht, dass es gerade dieses scheinbare Kleinklein ist, das Wellen auslöst, die am Ende eine Regierung vom Platz fegen können und eine Demokratie an den Abgrund führen. Auch das ist eine historische Erfahrung.

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Julia Emmrich ist stellvertretende Ressortleiterin für Politik und Wirtschaft © Anja Bleyl | Anja Bleyl

Rente: Merz und Spahn müssen jetzt die Kuh vom Eis kriegen

Genau hier aber liegt das Problem des Kanzlers beim Streit um die Rente: Wenn man den erschöpften Männern im Schlamm der Ostukraine sagen würde, dass in Deutschland eine Handvoll junger Unionspolitiker gerade wegen eines rechnerischen Details bei der Rentenbemessung ab 2031 die Koalition in die Krise stürzt, dann kann man sich die Reaktion bildlich vorstellen. Gleichzeitig müssen Merz und (vor allem) sein Fraktionschef Jens Spahn jetzt wirklich sämtliche Energie darauf verwenden, die Kuh vom Eis zu kriegen. Der Eindruck: Sie tun es jetzt, aber es kommt gefährlich spät.

Im Bundestag hat sich Merz nun indirekt an die aufständischen Unionsabgeordneten gewandt – mit einem Appell an die jungen Menschen in Deutschland. Euch, sagt Merz sinngemäß, geht es so gut wie keiner anderen Generation zuvor, die Welt steht euch offen. Aber jetzt hat sich der Horizont verdüstert.

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Merz zwischen Rentenrebellen und Koalitionskrach

Rambo Zambo – Der Merz-Podcast

Das wissen die jungen Leute nur zu gut. Was sie allerdings komplett anders sehen: Dass es ihnen besser geht als allen Generationen vorher. Sie leben in einer Welt, in der nichts mehr sicher ist: nicht der Frieden, nicht das Klima, nicht die Rente. Das war für die Generation Merz anders.