Der Morgen begann für die Kinder in der Berliner Robert-Reinick-Grundschule mit einer Enttäuschung. Eigentlich sollte der Bundeskanzler an diesem Freitag zum bundesweiten Vorlesetag zu ihnen kommen. Doch kurz vor Beginn des Besuchs die Nachricht: Friedrich Merz schafft es nicht nach Berlin-Siemensstadt. „Der Bundeskanzler wäre heute gerne in die Robert-Reinick-Grundschule gekommen, muss jedoch aus aktuellen terminlichen Gründen vertreten werden“, lautete die knappe offizielle Begründung.

Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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Für später am Tag stand in Merz‘ Kalender die Abreise zum G20-Gipfel nach Südafrika. Im Vorfeld des Treffens herrscht international große Unruhe wegen des überraschend vorgelegten Friedensplans von US-Präsident Donald Trump für die Ukraine. Der Absprachebedarf ist groß. Anstatt die Schule zu besuchen, telefonierte Merz mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj, Frankreichs Staatschef Emmanuel Macron und dem britischen Premier Keir Starmer.

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Aus dem Kinderbuch „Die Flaschenpost“ von Klaus Kordon wollte Merz den Kindern vorlesen. Eine Geschichte über eine Brieffreundschaft zwischen Ost und West im geteilten Berlin. Nun mussten die Schülerinnen und Schüler mit Kanzleramtschef Thorsten Frei vorliebnehmen, wie der CDU-Politiker selbst einräumt. „Es tut mir leid, dass der Bundeskanzler selbst nicht da sein kann“, entschuldigte Frei seinen Chef. Er habe aber auf dem Weg zur Arbeit noch damit gerechnet, Akten wälzen zu müssen. Umso schöner sei es für ihn, nun den Kindern vorlesen zu können.

Frei wird mit ein paar Liedern begrüßt, dann gibt es mehrere Reden, diverse Kinderbeine baumeln während der Ansprachen etwas ungeduldig hin und her. Immerhin die für Merz hergeschafften Kameras der Fernsehsender sorgen bei einigen Jungs für Begeisterung. Schließlich geht es in die Bibliothek, wo Frei den Schülerinnen und Schülern der 5d vorliest.

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Die nach Siemensstadt gekommenen Journalisten hätten den Kanzler gerne hier gesehen. Die Schule hat einen hohen Migrantenanteil – Stichwort Stadtbild. Andererseits ist 70-jährige Merz Opa von sieben Enkeln, mit kleinen Kindern kann er gut. Probleme hat Merz mit den jungen Leuten aktuell erst, wenn sie etwas älter sind. Gerade machen ihn die jungen Unionsabgeordneten Stress. Sie wollen das von Merz mit der SPD vereinbarte Rentenpaket nicht mittragen und gefährden so die Koalition des Kanzlers.