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Die Festnahme eines 22-jährigen Syrers unter Terrorverdacht in Berlin fällt mitten in eine Debatte um Abschiebungen in den Krisenstaat. Warum geraten Syrer immer wieder in den Fokus politischer Diskussionen? Und wie nah ist die Bundesregierung an einer Abschiebevereinbarung mit den Machthabern in Damaskus?
Wie viele Syrer leben in Deutschland?
Auf der Flucht vor dem Bürgerkrieg in ihrem Land kamen ab 2015 zahlreiche Syrer nach Deutschland. Ende August 2025 waren nach Zahlen des Ausländerzentralregisters 951.406 syrische Staatsangehörige in Deutschland registriert. Werden die inzwischen eingebürgerten oder hier geborenen Menschen mit syrischem Hintergrund hinzugerechnet, sind es knapp 1,3 Millionen. Syrer sind die drittgrößte Ausländergruppe in Deutschland nach Türken und Ukrainern. Rund 712.000 syrische Flüchtlinge suchen hierzulande Schutz. Davon haben wiederum 624.000, also fast 90 Prozent, einen anerkannten, aber überwiegend befristeten Schutzstatus.
Von den hierzulande lebenden Syrern sind etwa 685.000 im erwerbsfähigen Alter. Von ihnen hatten nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit 2024 rund 287.000 einen Job, 236.000 waren sozialversicherungspflichtig beschäftigt. Im August 2024 erhielten demnach 518.000 syrische Staatsangehörige Bürgergeld, darunter 353.000 Personen im erwerbsfähigen Alter und rund 165.000 Kinder und Jugendliche.
Warum wird so intensiv über ihren Verbleib diskutiert?
Mit dem Sturz des Assad-Regimes im Dezember 2024 sehen vor allem Unionspolitiker den Grund für einen Schutz in Deutschland als erloschen an. Zudem wird immer wieder darüber diskutiert, ob manche Syrer ein Sicherheitsrisiko sind. Die Bundesregierung hat sich im Koalitionsvertrag darauf verständigt, dass Abschiebungen nach Syrien durchgeführt werden, beginnend mit Straftätern.
Kommen Syrer besonders oft mit dem Gesetz in Konflikt?
Die polizeiliche Kriminalstatistik führt für 2024 insgesamt 913.196 nicht-deutsche Tatverdächtige auf. Von ihnen waren knapp 115.000 Syrer, die damit die größte Gruppe ausländischer Tatverdächtiger stellen. Ihr Anteil an der Gesamtzahl der Tatverdächtigen ist deutlich größer als an der Gesamtbevölkerung. Allerdings: In die Statistik fließen auch Straftaten ein, die nur Ausländer begehen können, wie eine illegale Einreise. Die syrischen Schutzsuchenden sind zudem zu zwei Dritteln männlich und im Schnitt 28 Jahre alt. Junge Männer, egal welcher Herkunft, sind in Polizeistatistiken immer besonders auffällig.
Geht von Syrern eine Terrorgefahr aus?
Unter den islamistischen Fanatikern, die deutsche Sicherheitsbehörden im Blick haben, sind immer wieder Syrer. In der Vergangenheit gerieten hierzulande wiederholt Syrer unter Terrorverdacht, wie der am Wochenende in Berlin festgenommene 22-Jährige. Teilweise begingen Syrer sogar Anschläge wie das Messerattentat mit drei Toten und acht Verletzten in Solingen im August 2024. Dem Bundesinnenministerium zufolge beobachten die Sicherheitsbehörden 59 Syrer als Gefährder mit islamistisch terroristischem Hintergrund. Das entspricht 0,006 Prozent der in Deutschland lebenden Syrer ohne deutschen Pass.
Schiebt Deutschland nach Syrien ab?
Das ginge auch bei Straftätern nur mit einer Vereinbarung mit der neuen, islamistischen Regierung in Damaskus. „Wir wollen noch in diesem Jahr Vereinbarungen mit Syrien über die Rückführung von Straftätern treffen“, sagte Innenminister Alexander Dobrindt (CSU) vor Kurzem. Er sei dafür selbst zu Gesprächen in Syrien bereit. Auch Außenminister Johann Wadephul (CDU) sagte vergangene Woche bei einem Besuch in Damaskus, zu Rückführungen einzelner schwerer Straftäter stehe sein Ministerium mit dem syrischen Außenministerium in Kontakt.
Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
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Allerdings denkt das Islamisten-Regime bislang gar nicht an die Rücknahme in größerer Zahl, sondern nur an symbolische Einzelaktionen. Das zeigen die Erfahrungen Österreichs, das als einziges EU-Land bisher Straftäter nach Syrien überstellt hat – bislang allerdings nur drei Männer.
Geht es nur um Straftäter?
Dobrindt würde am liebsten nicht nur Straftäter abschieben, sondern auch andere junge Syrer ohne Aufenthaltsrecht. Dazu hat er das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) angewiesen, wieder Asyl-Anträge von Syrern aus der Gruppe der jungen, arbeitsfähigen, allein reisenden Männer zu bearbeiten. Sollte die Bundesregierung mit Syrien tatsächlich ein Rückführungsabkommen schließen, würde das nicht gleich Abschiebung im großen Stil bedeuten – Asylanträge müssten abgelehnt, der Schutzstatus von Flüchtlingen aufgehoben werden; Behörden und Gerichte müssten Gefahreneinschätzungen abgeben.
Wie viele Syrer sind freiwillig zurückgekehrt?
Deutschland unterstützt seit Dezember 2024 die freiwillige Rückkehr nach Syrien. Die Förderangebote – eine Familie kann bis zu 4.000 Euro Starthilfe bekommen – werden aber nur verhalten angenommen: Bis Ende August 2025 bezuschusste der Staat die freiwillige Ausreise von 2161 Personen, insgesamt mit 2,7 Millionen Euro. Aus den Nachbarländern Syriens, vor allem Jordanien und Libanon, sind inzwischen eine Million Flüchtlinge zurückgekehrt. Doch das Flüchtlingshilfswerk UNHCR warnt, die Aufnahmekapazitäten seien erschöpft: „Syrien ist am Limit.“
Gibt es nun Krach in der Regierung um Abschiebungen nach Syrien?
Zumindest gibt es Diskussionen und den Bedarf nach Klarstellung. Auslöser waren Äußerungen Wadephuls während seines Syrien-Besuchs. Bei einer Besichtigung im schwer verwüsteten Harasta, einem Vorort der Hauptstadt Damaskus, zweifelte Wadephul, dass angesichts der massiven Zerstörung kurzfristig eine große Zahl syrischer Flüchtlinge freiwillig dorthin zurückkehrt. „Hier können wirklich kaum Menschen richtig würdig leben“, sagte der Minister. Die syrische Regierung schätze die in Deutschland ausgebildeten jungen Syrer, so Wadephul. Sie könnten aber frei entscheiden, welchen Weg sie wählten. „Jeder, der bei uns bleibt und sich bei uns in unsere Gesellschaft einbringt, integriert arbeitet“, sei weiterhin willkommen.
Auch Dobrindt hatte kürzlich ganz ähnlich erklärt: „Wer sich integriert hat, wer arbeitet, der hat eine Chance, in Deutschland zu bleiben.“ Doch Wadephuls Äußerungen zu freiwilligen Rückkehrern lösten eine Diskussion in der Union aus: Offenbar begünstigt von einer später korrigierten Agenturmeldung entstand der Eindruck, Wadephul sei gegen Abschiebungen und widerspreche Dobrindt. „Die Bundesregierung hat sich im Koalitionsvertrag darauf verständigt, dass Abschiebungen nach Syrien durchgeführt werden, beginnend mit Straftätern“, ließ Dobrindt einen Sprecher klarstellen.
Andere CDU-Politiker sprachen sich dafür aus, dass Syrer in ihre Heimat zurückgingen, um das Land aufzubauen. Nach Ende des Bürgerkriegs „muss es auch darum gehen, dass Menschen vor Ort dann ihre Heimat wieder aufbauen“, sagte der thüringische Ministerpräsident Mario Voigt dieser Redaktion. „Das, was jetzt der Außenminister geäußert hat, ist ein Debattenbeitrag, aber die Richtung der Politik stimmt und das bedeutet auch zurückführen, da wo es geht.“ Der stellvertretende Unionsfraktionsvorsitzende Günter Krings sagte der „Bild“, der Zerstörungsgrad eines Landes sei als Argument gegen eine „freiwillige oder pflichtgemäße Rückkehr“ ungeeignet: „Denn wer soll ein zerstörtes Land wieder aufbauen, wenn das nicht seine eigenen Staatsbürger und Staatsbürgerinnen tun?“