Der türkische Staatschef Recep Tayyip Erdogan ist mit gutem Beispiel vorangegangen. Vier Kinder zeugte er mit seiner Frau Emine. Aber das reicht nicht. Seit Erdogan die Türkei regiert, ist die Geburtenrate stark zurückgegangen. 2002 bekam jede Türkin im Durchschnitt 2,27 Kinder. Im vergangenen Jahr waren es nur 1,48. Sie müssten mindestens drei Kinder kriegen, predigte Erdogan den türkischen Frauen schon 2008. Türkische Familien im Ausland sollten mindestens fünf Kinder zeugen, „um sich zu behaupten“, sagte Erdogan. Aber er findet kein Gehör. Die Geburtenrate fällt und fällt.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
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Ökonomen und Sozialwissenschaftler sehen den Hauptgrund dafür in der schwierigen Wirtschaftslage, die von hoher Inflation, sinkenden Realeinkommen und hoher Jugendarbeitslosigkeit geprägt ist. Nach offiziellen Angaben finden 15 Prozent der 15- bis 24-Jährigen keinen Job. Der Gewerkschaftsbund DISK beziffert die tatsächliche Jugendarbeitslosenquote auf 37,5 Prozent.
Türkei: Erdogans Politik wird mitverantwortlich gemacht für die niedrige Geburtenrate
Eine Studie der Stiftung für ökonomische Forschung (TEPAV) vom vergangenen Jahr bestätigt, dass die wirtschaftlichen Schwierigkeiten, die hohen Wohnkosten und die Sorge vor Jobverlust viele Paare zum Verzicht auf Kinder bewegen. In einer Befragung des staatlichen Statistikamts TÜIK sagten 46 Prozent, dass sich ihre persönliche Lebenssituation in den vergangenen fünf Jahren verschlechtert habe. Regierungskritische Soziologen sehen auch in der zunehmenden politischen und gesellschaftlichen Polarisierung des Landes und den Demokratie-Defiziten unter Erdogan einen Grund, der viele Paare zögern lässt, eine Familie zu gründen.
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Noch 1960 bekam jede Türkin im Durchschnitt 6,4 Kinder. In den 1980er-Jahren wurden immerhin noch zwischen drei und vier Geburten pro Frau gezählt. Aber inzwischen ist der Baby-Boom am Bosporus vorbei. Mit 1,48 liegt die Geburtenrate inzwischen unter dem sogenannten „Bestanderhaltungsniveau“: Um den Bevölkerungsstand zu halten, müsste jede Frau statistisch mindestens 2,1 Kinder zur Welt bringen.
Zum Vergleich: In Deutschland lag die Geburtenrate 2024 bei 1,35. Das entsprach dem europäischen Durchschnitt. Am höchsten in der EU war die Geburtenrate in Frankreich mit 1,62 und Bulgarien mit 1,81, am niedrigsten mit 1,0 in Polen, 1,12 in Spanien, 1,18 in Italien und 1,29 in Griechenland.
Erdogan nennt den Geburtenrückgang „eine Katastrophe“
Die Türkei nähert sich also dem europäischen Durschnitt an. Für Erdogan ist das „eine Katastrophe“. Der Geburtenrückgang sei „eine Bedrohung schlimmer als der Krieg“, sagte er im Frühjahr. Es gehe „um unser Überleben“. Die fallende Geburtenrate durchkreuzt Erdogans neo-osmanischen Großmachtträume. Der Staatschef arbeitet daran, die türkische Einflusssphäre in den Nahen Osten und nach Mittelasien, im Süden bis weit in den afrikanischen Kontinent hinein und im Westen in die Balkanregion zu erweitern. Es sei „eine historische Wahrheit, dass eine starke Familie den Weg für einen starken Staat bereitet“, sagte Erdogan im Januar.

Ministerin warnt: Schon bald werde die Türkei nicht mehr genug Soldaten haben
Familienministerin Mahinur Göktas warnte im April in einer TV-Diskussion, wegen des Geburtenrückgangs werde die Türkei schon bald nicht mehr genug Soldaten haben. Mit 85,52 Millionen Menschen hat die Türkei zwei Millionen Einwohner mehr als Deutschland. Aber wenn sich die Geburtenentwicklung wie bisher fortsetzt, könnte die Bevölkerung des Landes bis zum Ende dieses Jahrhunderts um zehn Millionen Menschen schrumpfen, rechnet Erdogan vor.
Ein Ärgernis, das Erdogan häufig anprangert, sind die in der Türkei seit einigen Jahren in Mode gekommenen Kaiserschnitt-Geburten. Ihr Anteil liegt bei 61 Prozent und ist damit doppelt so hoch wie in Deutschland. In Privatkliniken bringen sogar drei von vier Müttern ihr Kind mit einem Kaiserschnitt zur Welt. Das ist problematisch für die Geburtenrate. Studien zeigen, dass Frauen nach einem Kaiserschnitt seltener eine weitere Schwangerschaft haben. Zudem steigt mit jedem Kaiserschnitt das Risiko für gesundheitliche Probleme bei Mutter und Kind. Im April ließ Erdogan per Dekret Kaiserschnitt-Geburten auch in privaten Kliniken ohne medizinische Indikation verbieten.
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Um den rückläufigen Geburtentrend umzukehren, rief Erdogan 2025 zum „Jahr der Familie“ aus. Zum Auftakt der Kampagne im Januar ritt Erdogan scharfe Attacken gegen jene, die er für die demografische Misere verantwortlich macht: die LGBT-Community. Der Präsident bezeichnet sie als „Rammbock“ gegen die Familie. Noch nie sei die Institution der Familie so in Gefahr gewesen wie jetzt, sagte Erdogan. „Es ist unsere gemeinsame Aufgabe, unsere Kinder und Jugendlichen vor schädlichen Trends und perversen Ideologien zu schützen“, so der Staatschef. „Neoliberale Bestrebungen überqueren Grenzen und durchdringen alle Winkel der Welt, die LGBT-Bewegung gewinnt an Boden“, klagte Erdogan.
Türkei: Ab dem dritten Kind gibt es umgerechnet 105 Euro
Um dagegenzuhalten, müsse die Türkei „ihre kulturellen und spirituellen Wurzeln wiederentdecken“, so der Präsident im April dieses Jahres. „Wir werden unseren Weg finden im Licht unseres Glaubens, des Reichtums unserer Kultur und der Führung unserer Weisheit.“ Aber Erdogan weiß auch: Ohne Geld geht nichts. Jungverheiratete bekommen seit Januar vom Staat einen zinslosen Kredit über umgerechnet 3171 Euro. Für das erste und zweite Kind gibt es je 31 Euro im Monat, für das dritte und jedes weitere 105 Euro monatlich. Ob das Programm wirkt, werden die Geburtenzahlen 2025 zeigen. Erdogan will nicht nachlassen. Für 2026 hat er den Beginn des „Jahrzehnts der Familie“ ausgerufen.






