Als Chinas Premier Li Qiang im tibetischen Nyingtri den symbolischen Spatenstich setzte, sprach er von einem „Jahrhundertprojekt“. Und tatsächlich trifft das Superlativ sehr gut auf den geplanten Staudamm am unteren Flussverlauf des Yarlung Tsangpo. Denn bereits seit 1951, also wenige Monate nachdem die Truppen der Volksbefreiungsarmee in Tibet einmarschierten, kursierten in Peking bereits vage Gedankenspiele über ein mögliches Wasserkraftwerk in der abgelegenen Region. Nun wird es umgesetzt.

Montag, Mittwoch, Freitag
Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
Hinter den Kulissen der Politik - meinungsstark, exklusiv, relevant.
Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.
Die Dimensionen des Staudamms sind gigantisch: 1,2 Billionen Renminbi wird es voraussichtlich kosten, umgerechnet sind das 140 Milliarden Euro. Allein mit dem Stahl, der in den nächsten Jahren verbaut wird, könnte man laut einer Schätzung von Bloomberg knapp 120 Empire State Buildings errichten. Wenn das Mutuo-Wasserkraftwerk in den frühen 2030ern fertiggestellt ist, wird es mit 60 Gigawatt pro Stunde genügend Energie liefern, um die gesamte deutsche Volkswirtschaft versorgen zu sorgen. Es wäre um das Dreifache größer als das derzeit größte Wasserkraftwerk der Welt.

- Richtig in Gold investieren: ETF, ETC oder Münzen und Barren?
- Unter Trump: So sicher ist das deutsche Gold in den USA noch
- Faule Deutsche? Experten sagen, ob wir wirklich zu wenig arbeiten
- Gold kaufen: Profis geben wichtige Tipps für Anfänger
- Job & Gehalt: Experte verrät, was bei Gehaltsverhandlungen wirklich zieht
- Wohnen und Mieten: Reich werden mit Airbnb – Zwei Brüder verraten, wie es geht
Chinas Riesendamm in Tibet: Klimaschutz oder Umweltzerstörung?
Die kommunistische Staatsführung verkauft das Projekt vor allem als Durchbruch im Kampf gegen den Klimawandel. Tatsächlich dürfte es dabei helfen, dass die Volksrepublik ihre nach wie vor große Abhängigkeit von Kohleenergie überwinden kann. Denn trotz massiver Investitionen in erneuerbare Energien während der letzten Dekade ist China nach wie vor für ein Drittel des globalen Kohleverbrauchs verantwortlich.
Doch wie nachhaltig der Staudamm schlussendlich ist, gilt dennoch als umstritten – zumal er in einer der abgelegensten Regionen der Welt errichtet wird. Noch vor wenigen Jahren gab es überhaupt keine Autobahnverbindung in den tibetischen Landkreis. Wer die Gegend erreichen wollte, musste also einen zusätzlichen Tagesmarsch einplanen – zu Fuß oder auf dem Esel. Die Natur ist so unberührt, dass hier mitunter die ältesten Bäume des Kontinents stehen und seltene Großkatzen durch das Tal streifen.

Warnung vor Vertreibung und Umweltschäden – Lektionen aus Sichuan
Die NGO „International Campaign for Tibet“ (ICT) schlägt Alarm: „Die internationale Öffentlichkeit darf nicht auf die Klimarhetorik der Kommunistischen Partei hereinfallen, während gleichzeitig 1,2 Millionen Tibeter direkt von Vertreibung, Umsiedlung und massiven Umweltschäden betroffen sein werden“, sagt ICT-Geschäftsführer Kai Müller: „Was in Tibet geschieht ist, weder nachhaltig, noch klimafreundlich. Im Gegenteil, ein Land wird rücksichtslos ausgebeutet und Menschen werden zu Verschiebemasse degradiert. Das ist absolut inakzeptabel“.
Solche Warnmeldungen sind keineswegs unbegründet. Man muss nur einmal auf den Drei-Schluchten-Damm in der Provinz Sichuan schauen – dem bisher größten seiner Art –, dessen Bau bereits in den 1990ern begann. Die negativen Auswirkungen für Umwelt und Mensch waren beachtlich: Über eine Million Anwohner mussten unter Zwang ihre Heimat aufgeben und jahrhundertealte Tempelanlagen gingen durch Überflutungen für immer verloren.

Kontrolle über Wasserressourcen: Kritik an „Wasserbombe“ Tibet aus Indien und Bangladesch
Das geplante Motuo-Wasserkraftwerk in Tibet wäre allein von seiner Dimension deutlich größer. Doch zu den Umweltschäden halten sich die Behörden bislang bedeckt. Die Weltöffentlichkeit dürfte, im Gegensatz zum Staudamm in Sichuan, wohl ohnehin nur von einem Bruchteil der negativen Auswirkungen erfahren: Denn zum einen sind die Volksrepublik China und ihre staatlichen Institutionen während der letzten Jahre deutlich intransparenter geworden, und auch die Medien stehen längst unter umfassender Kontrolle der Zensurbehörden. Zudem haben ausländische Journalisten in die Region Tibet keinen Zutritt. Sie dürfen nur einreisen, wenn die kommunistische Partei zu Propaganda-Touren lädt.
Kritische Stimmen melden sich allerdings umso stärker im Ausland zu Wort. Insbesondere im benachbarten Indien und in Bangladesch wird der geplante Staudamm als „Wasserbombe“ bezeichnet. Denn das tibetische Hochland ist nicht nur das „Dach der Welt“, sondern dient mit seinen reichhaltigen Gletschervorkommen als Lebensader für die Wasserversorgung etlicher Staaten. „Als Land, das stromaufwärts liegt, hat China bereits eine unverhältnismäßige Kontrolle über das Wasser des Flusses. Mit einem so massiven Staudamm wird es in der Lage sein, den Wasserhahn nach Belieben auf- und zuzudrehen“, kommentiert Raji Pillai, Gastwissenschaftlerin bei der Denkfabrik „Australian Strategic Policy Institute“.

Riesiges Infrastrukturprojekt soll Chinas Wirtschaft ankurbeln
Doch nicht wenige Experten betrachten den Staudamm unter einem ganz anderen Aspekt: Sie sehen das riesige Infrastrukturprojekt als überdimensionales Investment, um die angeschlagene Wirtschaft des Landes anzukurbeln. Es wäre ein altbekanntes Rezept: Vor allem während der Nullerjahre hat die kommunistische Partei durch den flächendeckenden Bau von Brücken, Hochgeschwindigkeitszugnetzen und Autobahnen immer auch schnelles Wachstum für das Bruttoinlandsprodukt erzeugen können. Die Rentabilität solcher Projekte hat zwar während der letzten Jahre deutlich abgenommen, aber der Staudamm in Tibet würde zumindest dafür sorgen, dass hunderttausende Arbeiter beschäftigt blieben und Zuliefer-Firmen staatliche Aufträge erhielten.
Und im Grunde handelt es sich um zwei separate Jahrhundertprojekte: Neben der Errichtung des Staudamms muss gleichzeitig die Infrastruktur errichtet werden, um die generierte Energie an die Ballungszentren am Perlflussdelta zu transportieren – dort nämlich, wo zwischen Guangzhou, Shenzhen und Hongkong unzählige Fabrikanlagen stehen und sich dutzende Millionen-Metropolen aneinander reihen. Laut einer Schätzung von Analysten der US-amerikanischen Citibank kostet allein der Bau solcher Überlandleitungen umgerechnet rund 900 Milliarden Euro.




