Schüsse peitschen. Ein Körper fällt auf die Erde. Ein Auto, in dem eine Leiche liegt, übersät mit hunderten Einstichen. Tote Kinder. Häuserruinen. Viele Bilder und Geräusche haben sich ins Gedächtnis von Githiri B. eingebrannt. Mehr als sein Geist aushalten konnte. B. leidet seit seiner Zeit als Kommandosoldat unter einer posttraumatischen Belastungsstörung. Wenn am Sonntag landesweit der erste Veteranentag gefeiert wird, ist er in Schweden. Es ist eine Flucht: „Ich will mit diesem Tag nichts zu tun haben.“  

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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Die Politik hat den 15. Juni zu einem Tag erklärt, an dem die elf Millionen Männer und Frauen geehrt werden sollen, die in den vergangenen sechzig Jahren ihren Dienst an der Waffe geleistet haben. Vielerorts finden größere und kleinere Veranstaltungen statt, Ausstellungen, Feiern, Märsche. In Nordrhein-Westfalen sind es mehr als zwanzig. Für die Politik ist es ein Zeichen der Wertschätzung. Es ist die Rede von „Menschlichkeit und Zusammenhalt“. 

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Was Githiri B. lange nicht wahrhaben wollte

Githiri B. sagt: „Das ist zwar schön, irritiert mich aber total.“ Er hat die Bundeswehr vor mehr zwanzig Jahren verlassen. Sein Kampf ist aber noch nicht vorbei. B. ist ein kräftiger Mann, die Arme tätowiert. Auf einem sind Narben zu sehen, sie stammen von Schnittwunden, die er sich selbst zugefügt hat. Er sitzt in seiner kleinen Wohnung in einer Stadt in NRW. Wo genau er lebt, will er nicht öffentlich lesen. Er wibbelt nervös mit den Beinen, schwitzt, als er seine Geschichte erzählt. Die Wohnung ist kärglich eingerichtet. Kein richtiges Zuhause.  

An einer Wand hängt ein Bilderrahmen, darin das Einzelkämpfer- und das Freifallabzeichen, die Einsatzmedaillen aus Bosnien und dem Kosovo. Auf dem Fenstersims liegen Bilder aus der Zeit. Jahrelang hat B. seine Zeit als Soldat verdrängt. Der Anblick von Menschen in Uniformen hat ihm Angst gemacht. „Jetzt habe ich das wieder in mein Leben reingelassen.“ Es war ein langer Weg bis dahin. Bis zu dem Eingeständnis, dass ihn das, was er im Einsatz erlebt hat, krank gemacht hat, bis er bereit war, sich Hilfe zu holen. Jetzt liegen elf Klinikaufenthalte hinter ihm.  

Nationaler Veteranentag
Der Anblick von Menschen in Uniformen hat Githiri B. lange Angst gemacht.© Bernd von Jutrczenka/dpa | Bernd von Jutrczenka

Die Bundeswehr schätzt, dass rund drei Prozent der Soldaten, die im Auslandseinsatz waren, mit einem posttraumatischen Belastungssyndrom, kurz PTBS, nach Hause kommen. Das wären grob gerechnet etwa 13.000 Soldatinnen und Soldaten. Andere Experten gehen von deutlich mehr aus. Die Betroffenen leiden unter Schlaf- und Konzentrationsstörungen, vermehrter Reizbarkeit, erhöhter Schreckhaftigkeit. Oft treten diese Symptome erst Monate oder Jahre nach den erlittenen Traumata auf. Bei B. fingen die Probleme schon im früheren Jugoslawien an. 

„Ich hatte ziemlich einen an der Klatsche“ – das Leben nach dem Einsatz

B. war bei einer Kommandoeinheit der Fallschirmjäger. Hochspezialisierte, gut trainierte, harte Elitekämpfer. „Ich wollte zu den Fallschirmjägern. Bei der Bundeswehr habe ich Anerkennung bekommen, ich konnte mich beweisen und habe gemerkt, dass ich da funktioniere.“ In Bosnien ist seine Einheit an der früheren Hauptkampflinie eingesetzt, im Kosovo nehmen sie Waffenlager hoch, führen eine Geiselbefreiungs-Operation durch. „Wir sind nicht ausgebildet worden, mit Samthandschuhen vorzugehen. Man geht mit einer gewissen Dynamik rein.“ Später sagt er: „Wir haben brachiale Gewalt eingesetzt.“  

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Es gibt kein konkretes Ereignis, sagt B., das er nicht mehr aus den Knochen gekriegt hat. Es ist die Summe des Grauens. Er sagt, er fühle sich schuldig. 2002 scheidet er als Oberstabsgefreiter aus der Bundeswehr aus, studiert soziale Arbeit, arbeitet mit schwer erziehbaren Jugendlichen zusammen, gibt Deeskalationstrainings. Er zieht immer wieder um, manchmal viermal im Jahr, trinkt viel, schläft mit Waffen am Bett. „Ich hatte ziemlich einen an der Klatsche.“ Am Anfang redet er sich ein: „Stell dich nicht so an.“ Bloß nicht weich erscheinen.     

Aber die Wunden an Geist und Seele lassen sich nicht wegtrinken oder wegbefehlen. Besonders nicht, als er eine Beziehung eingeht, zwei Kinder bekommt, sesshaft werden muss. B. stellt fest, dass er in der Heimat nicht funktioniert. „Meine Reise war total scheiße. Ich habe gemerkt, dass ich anders bin, keine Beziehung führen und meine Kinder nicht an mich ranlassen kann.“ Er rennt von einem Therapeuten zum nächsten, erhält immer wieder neue Diagnosen.  

„Wieder einigermaßen auf Kurs“ – Der lange Weg der Heilung und Bürokratie

Zwei Tage vor einem 15-wöchigen Klinikaufenthalts trennt sich seine Lebensgefährtin von ihm, er verliert die Wohnung, fällt aus dem Krankengeld heraus. Das Ende. „Ich wusste nicht mehr, wohin.“ Vor einem Jahr nimmt ihn schließlich ein alter Kamerad mit ins Bundeswehrkrankenhaus in Berlin. Jetzt steht seine Diagnose: Komplexe PTBS mit Depressionen. Er tauscht sich wieder mit Soldaten aus, mit denen er gedient hat. „Das hat mir geholfen als tausend Therapien.“ 

Porträt Githiri Brand
Jahrelang hat Githiri B. seine Zeit als Soldat verdrängt.© FUNKE Foto Services | Socrates Tassos

Jetzt ist das Leben des 48-Jährigen wieder einigermaßen auf Kurs. Die „Deutsche Härtefallstiftung“ hat ihm finanziell geholfen. Bei der Bundeswehr hat einen WDB-Antrag gestellt, der jetzt positiv beschieden wurde. WDB steht für „Wehrdienstbeschädigung“. Es war nicht einfach, diesen Antrag durchzubekommen. Die Bürokraten wollen genau wissen, welches Ereignis der Auslöser für die PTBS war, was genau geschehen ist. Ein Symptom von PTBS ist, dass die Betroffenen, ob Zivilisten oder Soldaten, sich nicht genau an das Trauma erinnern können. 

Posttraumatische Belastungsstörung – Andreas Eggert fordert Beweislastumkehr

„Soldaten sollen bis ins kleinste Detail beweisen, dass sie im Einsatz waren und dass sie all das erlebt haben, was sie traumatisiert hat. Wir fordern seit Jahren eine Beweislastumkehr“, sagt Andreas Eggert, Generalsekretär beim Bund Deutscher Einsatzveteranen (BDV). Er ist Afghanistan-Veteran und selbst von PTBS betroffen.  

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„Die Bundeswehr schickt ihre Soldaten in die Einsätze. Sie dokumentiert sie. Warum sollten die Soldaten dann Unterlagen vorlegen, um zu beweisen, dass sie irgendwo waren?“, fragt Eggert. Zudem dauere die Bearbeitung der Anträge oft viele Jahre. Er selbst musste fünf Jahre auf die Bewilligung seines WDB-Antrags warten. Ein Drittel wird abgelehnt. Und viele Betroffene scheuen den Gang durch die Bürokratie.  

Bei Githiri B. ging es schneller, es dauerte nur 14 Monate. „Diese 14 Monate waren die Hölle. Ich habe immer geglaubt, dass die mir nicht glauben.“ 837 Euro bekommt er jetzt im Monat. Die Geister der Vergangenheit wird er damit nicht los. Aber er kann sich seinen Kühlschrank füllen.