Vor knapp achteinhalb Jahren verabschiedete sie sich aus Washington und wird in die Annalen der Geschichte der USA als eine der beliebtesten First Ladys aller Zeiten eingehen: Michelle Obama lag die Welt zu Füßen. Sie hätte sogar die erste US-Präsidentin werden können. Die heute 61-Jährige entschied sich aber, einen anderen Weg zu beschreiten. Beginnend damit, dass sie in Therapie ging, „um mich selbst zu finden“, wie die Gattin des 44. US-Präsidenten nun sagt.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
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Mittlerweile ist ihr Kalender aber wieder rappelvoll. Mit Fernsehauftritten, politischen Reden, um demokratische Kandidaten zu fördern, sozialem Engagement und einem erfolgreichen Podcast. Anders als früher hingegen: Immer seltener ist Michelle an der Seite ihres Mannes Barack zu sehen. Das wiederum schürte Gerüchte, wonach bei den Obamas der Haussegen schief hängt und eine Scheidung bevorsteht. Diese Mythen auszuräumen, war ihr während der letzten Wochen ein besonderes Anliegen.
First Lady kaschierte ihren Stress
Während der acht Jahre im Weißen Haus trug Michelle ihre Rolle mit Würde und Eleganz. Niemand hätte der First Lady damals angemerkt, unter welchem ungeheuren Stress sie stand. Wie ein Befreiungsschlag ist es für sie daher, nun richtig auszupacken und über ihre Probleme zu reden.
„Die Therapie hat mir bewiesen, dass ich vielleicht doch gut genug bin“, verriet sie durchaus überraschend in einem Fernsehinterview, während der Amtszeit ihres Mannes unter einem Mangel an Selbstbewusstsein gelitten zu haben.
Auch machten ihr das ständige Scheinwerferlicht der Massenmedien und der politische Druck, dem der US-Präsident ausgesetzt war, zu schaffen. Dazu gesellten sich psychische und körperliche Erschöpfung sowie die schwierige Aufgabe, vor den Augen der Weltöffentlichkeit die zwei jungen Töchter Malia und Sasha großziehen zu müssen.

Eigene Interessen nun im Mittelpunkt
Folglich habe sie nach der Therapie den festen Entschluss gefasst, „an mich zu denken und meinen Kalender mit den Aktivitäten auszufüllen, an denen ich Interesse habe. Ich mache jetzt, was ich will“. So schrieb Michelle ihre Autobiografie „Becoming“, die zu einem preisgekrönten Bestseller wurde.

Sie setzt sich an öffentlichen Schulen für die Förderung von Jugendsport und gesunde Ernährung ein. Vor zwei Monaten strahlte sie dann mit ihrem älteren Bruder Craig Robinson die erste Folge in eines Podcasts mit dem Titel „IMO“ aus. Das ist die Abkürzung für „in my opinion“, also „meiner Ansicht nach“.
Darin redet Obama über ihr Leben, die Politik und Herausforderungen, vor denen vor allem junge, schwarze Frauen, die LGBTQIA-Gemeinde und andere Minderheiten in Donald Trumps Amerika stehen.

Gerüchte über Scheidung „unsinnig“
Die seltenen gemeinsamen Auftritte mit Barack ließen unterdessen Gerüchte aufkommen, wonach das prominente Ehepaar vor der Scheidung stünde. Damit aber hat die ehemalige First Lady nun endgültig aufgeräumt. „Wenn wir uns trennen würden, dann wüsste das die ganze Welt. Das ist nicht etwas, das wir unbemerkt hinter den Kulissen machen können“, geißelte sie die „unsinnigen Artikel darüber“.
Dass sie und Barack nicht so oft wie früher zusammen gesehen werden, liege allein daran, dass sie jetzt ausschließlich ihre eigenen Interessen verfolgt. Sonst sei alles völlig intakt.

Chancen auf die Präsidentschaft
Eine große Chance, in die Fußstapfen ihres Mannes zu treten, hatte Michelle vor weniger als einem Jahr. Nachdem der ehemalige Präsident Joe Biden seine Kandidatur zurückgezogen hat, drängten führende Demokraten die ehemalige First Lady, anzutreten.
Umfragen zufolge wäre sie die einzige Demokratin gewesen, die Chancen gehabt hätte, Trump klar zu besiegen. In einer Befragung von Reuters und Ipsos lag sie mit 50 zu 39 Prozent vor dem Mann, der ein Vierteljahr später zum 47. Präsidenten gewählt wurde.
Zwar hat sie nie Interesse an einer Kandidatur bekundet. Gleichwohl wurde der Druck so groß, dass ihre Pressestelle sich veranlasst sah, die Spekulationen zu den Akten zu legen. Gegen Ende Juli hieß es dann schließlich „Frau Obama wird sich nicht um die amerikanische Präsidentschaft bewerben“.
Gleichwohl will sie den Verzicht nicht als fehlendes, politisches Engagement missverstanden wissen. Dass sie die Strapazen eines Lebens im Weißen Haus nicht ein zweites Mal durchmachen wollte, ändere nichts daran, dass sie die aktuellen Abläufe sehr genau verfolgt.
News aus den USA
Warnung vor Trump
Während des Wahlkampfs warb sie kräftig für die demokratische Kandidatin Kamala Harris. Auch zog sie gegen den republikanischen Kandidaten schonungslos vom Leder und warte vor einer „Trump 2“ Administration. Dann blieb sie bewusst dessen Vereidigung im Januar fern. Dass der klare Verstoß gegen das Protokoll Michelle Obama nicht im Geringsten scherte, illustriert zugleich ihr neues Selbstbewusstsein.
„Ich habe mir überlegt, wie ich das am besten inszeniere“, erklärt sie nun drei Monate später, mit einem schelmischen Lächeln. „Ich habe bewusst dafür gesorgt, dass ich keine passenden Kleider für die Inauguration griffbereit haben würde.“ Nur so habe sie sicherstellen können, „dass wenn meine Leute Druck gemacht hätten, doch dabei zu sein, ich eine gute Ausrede hätte!“









