Der Evolutionsbiologe Matthias Glaubrecht baut derzeit das neue Naturkundemuseum „Evolutioneum“ in Hamburg auf. Seit vielen Jahren ist der 62-jährige Professor zudem erfolgreicher Wissenschaftsautor – er stand mit Büchern wie „Das Ende der Evolution. Der Mensch und die Vernichtung der Arten“ wochenlang auf der Spiegel-Bestsellerliste. Sein neues Buch „Das stille Sterben der Natur. Wie wir die Artenvielfalt und uns selbst erhalten“ ist ein alarmierender wie streitlustiger Weckruf.
Sie machen sich mit Ihrem neuen Buch nicht viele Freunde. Sie kritisieren die Fixierung auf das Thema Klimawandel und die Ignoranz, zugleich die Dimension des Artensterbens zu begreifen…
Matthias Glaubrecht: Klima ist nicht alles. Zwar erlebe ich gerade, dass Politiker die Artenvielfalt in ihre Sonntagsreden aufnehmen, aber das Thema mit dem Klimawandel verwechseln. Dabei hat beides wenig miteinander zu tun: Mir geht es nicht darum, den Klimawandel zu leugnen oder ihn schön zu reden, aber er verstellt den Blick auf ein Problem, das noch größer ist: Mit der Artenvielfalt schwindet unsere Lebensgrundlage. Es ist ein bisschen wie in der Medizin: Wenn ich mit einem Nierenleiden ins Krankenhaus komme, will ich, dass dort nicht etwa auch ein Herzfehler übersehen wird. Vor einer erfolgreichen Therapie steht immer die Diagnose.
Trotzdem wirkt es zugespitzt, wenn sie den „bedingungslosen Klimaaktivismus“ kritisieren…
Es geht nicht darum, die beiden Themen gegeneinander auszuspielen. Aber das Artensterben hat wenig mit dem Klimawandel zu tun. Natürlich beeinflusst der Treibhauseffekt Flora und Fauna. Aber Klimaveränderungen haben nie zu einem Massensterben der Arten geführt. Schon in der Eiszeit war der Mensch ein viel größerer Faktor durch die Bejagung etwa der Mammuts und anderer; später dann durch die Erfindung der Landwirtschaft. Dadurch haben wir die Lebensräume massiv verändert. Diese Wirkung gibt es nicht erst seit Beginn der Industrialisierung, sondern seit vielen tausend Jahren.

Sie räumen in Ihrem Buch auch mit dem Wappentier des Klimawandels, dem Eisbären, auf …
Das Aussterben des Eisbären ist ein Mythos, er ist von der Klimabewegung vereinnahmt worden. Seit Jahrzehnten weist der Großjäger relativ stabile Populationen auf, die sich nach der Einschränkung der Bejagung stabilisiert haben. Der Klimawandel verschiebt jetzt seine Lebensräume, aber er gehört zu den wenigen Großarten, bei denen bislang kaum Einbußen im natürlichen Verbreitungsgebiet zu beklagen sind. Der Eisbär ist die falsche Ikone. Es muss darum gehen, wie Ökosysteme funktionieren. Ohne Tiger und Eisbären kann der Mensch überleben, aber nicht ohne funktionierende Lebensräume.
Wo stehen wir jetzt? Wie viele Arten sind vom Aussterben bedroht?
Schätzungen zufolge sind zwei Millionen Arten bedroht, doch laut offizieller Statistik haben wir in den vergangenen 500 Jahren „nur“ etwa 860 Arten verloren. Aber diese Roten Listen ausgestorbener oder vom Aussterben bedrohter Arten machen uns blind: Zum einen gibt es viele Arten wie etwa tropische Süßwasserschnecken, die wir nicht einmal erfasst haben. Zum anderen fokussieren unsere Schutzbemühungen auf einige wenige Großarten, meist auf Säugetiere und Vögel, mit etwa 5600 beziehungsweise 11000 Arten, zahllose unscheinbare Tiere aber übersehen wir. Wir konzentrieren uns auf die Neuzüchtung des ausgestorbenen Schattenwolfes, weil der in „Games Of Thrones“ vorkommt. Auch Tiger und andere Flaggschiffarten werden wir nicht verlieren, weil sie bei Hagenbeck nachgezüchtet werden. Aber was ist mit einer Million Insektenarten? Was ist mit der Vielfalt der Faden- und Regenwürmer, die wir nicht einmal mehr erforschen? Dabei sind die für die Bodenqualität von entscheidender Bedeutung.
Nun werden viele sagen, die Insekten werden uns weniger fehlen als der Tiger.
Arten sind komplex miteinander verbunden. Wir sollten uns beispielsweise um den Stint in der Elbe sorgen. Durch die Baggerarbeiten werden dessen Eier zugedeckt, er selbst findet im Trüben keine Beute mehr und fällt in der Nahrungskette aus. Der Stint aber ist ein wichtiger Beutefisch für Vögel oder Finte. Wenn er verschwindet, sind die unteren und die oberen Glieder der Nahrungskette in der Elbe nicht mehr miteinander verbunden. Ökosysteme muss man sich wie die Stahltrosse einer Hängebrücke vorstellen, die durch viele kleine Drähte gehalten wird. Jede Art ist ein solcher Draht. Je mehr von ihnen ausfallen, umso leichter reißt am Ende die gesamte Trosse. Bei vielen Arten kennen wir ihre Bedeutung nicht. Wir wissen nur: Wir müssen die Lebensräume und Lebensgemeinschaften erhalten. Da aber passiert zu wenig.
Geht es da auch um den wachsenden Wettbewerb um Flächen mit Solar- und Windanlagen?
Leider ja. Wir schütten das Kind mit dem Bade aus. Deshalb dürfen wir Photovoltaik- und Windanlagen nicht in intakte Lebensräume bauen, sondern auf zersiedelte und überbaute Flächen. Also Solaranlagen auf Parkplätzen und Dächern, gern auch auf alten Maisäckern. Unsere Landschaft mit Windanlagen zuzustellen, halte ich für gefährlich. Das mag in einer Monokultur in Brandenburg noch funktionieren, aber nicht in einem der letzten zusammenhängenden Mittelgebirgswälder wie dem Reinhardswald. Es geht ja nicht nur um das Windrad, sondern auch die gewaltige Infrastruktur für Schwertransporte, die damit verbunden ist.
Die Umweltbewegung hat mit dem Roman „Der stumme Frühling“ begonnen, aber in den vergangenen Jahren das Thema etwas aus dem Auge verloren?
Ja, auch die Rodungen der Regenwälder besorgen uns heute weniger als vor 25 Jahren. Der Naturschutz hat sich zu lange auf Flaggschiff-Arten wie Pandas oder Seeadler fokussiert. Dabei geht es darum, Natursysteme und Lebensräume zu schützen. In Deutschland beispielsweise sind schon 70 bis 80 Prozent der Biomasse von Fluginsekten durch das Insektensterben verloren – deshalb sind unsere Windschutzscheiben auch viel sauberer als vor einem halben Jahrhundert.

80 Prozent der Lebensräume in Europa sind in einem schlechten Zustand, heißt es in ihrem Buch.
Genau da liegt das Problem. Haupttreiber für das Artensterben ist unsere Landnutzung. Wir haben unsere Kulturlandschaften ausgeräumt. Zwei Drittel aller Populationen weisen dramatische Verluste auf. Die Arten gibt es noch, sie tauchen auch nicht auf der Roten Liste auf, aber ihre Bestände schrumpfen dramatisch. Deshalb müssen wir ihre Lebensräume besser schützen.
Wo bekommen wir „das stille Sterben der Natur“ zuerst zu spüren?
Das ist schwer zu sagen. Wir wissen, dass die Befruchtung beim Kakao oder Kaffee von wenigen Insekten abhängig ist. Aber ganz genau kennen wir diese Bestäuber bei vielen Tropenpflanzen nicht einmal. Unser täglich Brot hängt aber von der Natur ab. Wir brauchen gesunde Böden, gesundes Wasser und Arten, die unser Obst und Gemüse bestäuben. Wenn alle Arten in den Streik träten, wäre die Menschheit binnen weniger Tage am Ende. Natur ist wie unsere Gesundheit, wir setzen ihr Funktionieren voraus. Erst wenn wir sie nicht mehr haben, merken wir, was fehlt. Diese Abhängigkeiten haben wir noch immer nicht begriffen.
Was muss sich ändern?
Wir benötigen einen Naturschutz, der in die Fläche geht. Wir weisen zwar immer mehr Naturschutzgebiete aus. Aber das sind oft Restflächen, die für funktionierende Lebensgemeinschaften zu klein sind. Auch große Nationalparks sind nicht ausreichend geschützt. Dort erlauben wir beispielsweise noch immer die Grundschleppnetz-Fischerei, der den Meeresboden umpflügt. Wir brauchen also mehr Flächen, die konsequenter geschützt werden, und den Mut zur Renaturierung. Übrigens können wir da in Deutschland eine Menge bewegen: Auf das Weltklima haben wir mit weniger als zwei Prozent CO2-Ausstoß nur einen geringen Einfluss, bei der Bewahrung von einheimischen Lebensräumen und ihrer Artenvielfalt können wir hingegen viel erreichen.




