In der Nacht zum 2. Mai 1945 nähert sich ein Wasserflugzeug der deutschen Luftwaffe vorsichtig der Pfaueninsel im Berliner Wannsee. Der Pilot hat den Befehl, dort im Schutze der Dunkelheit zu wassern und drei Kuriere an Bord zu nehmen, die in höchstem Auftrag, dem des Führers Adolf Hitler, unterwegs sind. Sie sollen das politische Testament Hitlers, der zu diesem Zeitpunkt seit seinem Selbstmord im Führerbunker schon zwei Tage tot ist, zu dem von ihm ernannten Nachfolger, Großadmiral Karl Dönitz, bringen. Es ist eine letzte bizarre Episode in der Endphase des Naziregimes, eine Abenteuergeschichte mit ungewissem Ausgang.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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Ende April 1945 hatte die Schlacht um Berlin ihren Höhepunkt erreicht. Die Rote Armee war von allen Seiten in die Stadt eingerückt und hatte einen immer enger gezogenen Belagerungsring um sie gelegt. Nach heftigen Straßen- und Häuserkämpfen drangen die sowjetischen Soldaten ins Zentrum des NS-Staates vor: das Regierungsviertel. Am 30. April starteten sie ihren Angriff auf das symbolträchtige Reichstagsgebäude. Adolf Hitler befand sich zu diesem Zeitpunkt nur wenige hundert Meter von der Frontlinie entfernt, im „Führerbunker“ unter dem Garten der Neuen Reichskanzlei.

Hitler zeichnet Jugendliche des Volkssturms aus
Eine der letzten Aufnahmen von Adolf Hitler vom 20. März 1945: Er zeichnet Mitgliedern der Berliner Hitler-Jugend aus, die zum Ende des Zweiten Weltkrieges in Volkssturmeinheiten zusammengefasst wurden.© picture-alliance/ dpa | Heinrich Hoffmann

Adolf Hitler: Sein politisches Testament ist von Hassparolen durchsetzt

Nun erkennt auch Hitler, dass die Niederlage unabwendbar ist. Er bestellt in der Nacht auf den 29. April seine Sekretärin zu sich und diktiert sein politisches und ein privates Testament. Das politische Testament ist ein von antisemitischen Hassparolen durchsetztes Dokument, in dem er dem „Weltjudentum“ die Verantwortung für den Zweiten Weltkrieg zuweist und seinen Nachfolgern sowie der Wehrmacht befiehlt, in diesem Sinne bis zum letzten Mann zu kämpfen.

Er ernennt Dönitz zu seinem Nachfolger als Reichspräsidenten und Joseph Goebbels zum Reichskanzler. Der Oberbefehlshaber der Marine und weitere führende Männer des Naziregimes hatten sich nach Schleswig-Holstein zurückgezogen, das mit dem besetzten Dänemark zu den letzten von der Wehrmacht gehaltenen Gebieten unter deutscher Kontrolle gehörte.

HItlers politisches Testament, 1945
In Hitlers politischem Testament schloss er unter anderem SS-Chef Heinrich Himmler und seinen Stellvertreter Hermann Göring aus der NSDAP aus. Anstelle Görings wurde Großadmiral Karl Dönitz zum Reichspräsidenten und Nachfolger Hitler im Falle dessen Todes bestimmt. Ein Posten, welcher dieser schließlich auch bekleiden sollte. Es unterzeichneten Adolf Hitler, Joseph Goebbels, Wilhelm Burgdorf, Martin Bormann und Hans Krebs das Dokument.© picture alliance / SZ Photo | SZ Photo

Vier Offiziere sollen Dokumente an Dönitz übergeben

Vier Offiziere aus Hitlers Stab erhalten am folgenden Vormittag den Befehl, die Dokumente an Dönitz zu überbringen. Sie sollen sich aus dem Bunker schleichen, den sowjetischen Belagerungsring um Berlin überwinden und sich zur idyllischen Pfaueninsel im Südwesten der Stadt durchschlagen. Sie steht noch unter Kontrolle deutscher Truppen, die sich letzte Gefechte mit Einheiten der Roten Armee liefern.

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Der nahegelegene Hochbunker Heckeshorn wird noch von der Luftwaffe gehalten. Jene Villa, in der die Antisemiten gut drei Jahre zuvor die Vertreibung und Vernichtung der europäischen Juden organisiert haben, liegt in Sichtweite. An den Ufern des Wannsees ist schon immer deutsche Geschichte geschrieben worden. 

Im Paddelboot trieben die Offiziere in Richtung Insel

Den vier Männern gelingt es, sich im Laufe des Tages durch das Kampfgetümmel in den Straßen der deutschen Hauptstadt bis an die Havel weit im Westen durchzuschlagen. Die Havelbrücke wird noch von SS-Männern und Hitlerjungen verteidigt, um einen möglichen Ausbruchsversuch der eingeschlossenen deutschen Truppen zu erlauben. Die Kuriere organisieren sich zwei Paddelboote und lassen sich Havelabwärts in Richtung Wannsee treiben, wo sie irgendwann im Schutze der Dunkelheit die Pfaueninsel erreichen.

Sie wissen nicht, dass inzwischen noch eine weitere Kuriergruppe aus dem Führerbunker mit dem gleichen Ziel unterwegs ist. Die Männer treffen später am Wannsee überraschend aufeinander. Die genauen Abläufe in der Nacht auf der Pfaueninsel sind nicht mehr zu rekonstruieren. Offenbar gelingt es den Kurieren im Laufe des 1. Mai, Funkkontakt mit der Luftwaffe im besetzten Kopenhagen aufzunehmen. Dort erhält der Pilot Oberleutnant Wolfgang Klemusch den Befehl, mit seinem dreimotorigen Wasserflugzeug Richtung Wannsee zu fliegen. Er soll sie um Punkt ein Uhr nachts aufnehmen und mit Hitlers letztem Willen und Anweisungen zu Dönitz im schleswig-holsteinischen Plön bringen.

Die Kuriere schaffen es nicht mehr an Bord

Tatsächlich gelingt es Klemusch, in der Nähe der Pfaueninsel auf dem Wannsee zu wassern. Doch er gerät unter Beschuss sowjetischer Geschütze am anderen Seeufer und wird auch von deutschen Soldaten auf der Insel entdeckt, die dort eingeschlossen sind. Sie hoffen auf eine Fluchtmöglichkeit, waten durch den Schilfgürtel zu dem Flieger und gelangen an Bord. Die Kuriere aber schaffen das nicht mehr. Die Maschine ist voll und der Pilot muss schnellstens starten, um dem Beschuss zu entgehen. Das Flugzeug kehrt wohlbehalten nach Kopenhagen zurück.

GERMANY WORLD WAR II ADOLF HITLER
Adolf Hitler betrachtet die zerstörte Reichkanzlei in Berlin im April 1945, kurz vor seinem Selbstmord. Die Person links ist nicht identifiziert.© picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Str

Die Kuriere trennen sich und versuchen, sich in Richtung Westen durchzuschlagen. Sie werden in den folgenden Wochen von britischen und amerikanischen Soldaten gefasst und interniert. Bei ihnen finden sich, zum Teil in die Kleidung eingenäht, drei Exemplare von Hitlers Testament, das seinen Adressaten Dönitz nie erreicht hat. So erfährt er nur durch letzte Funksprüche des Hitler-Vertrauten Martin Bormann aus dem Führerbunker vom Selbstmord Hitlers und seinem neuen Amt.

Am 1. Mai verkündet Dönitz über den Reichssender Hamburg den Tod Hitlers und erklärt sich zu dessen Nachfolger. Der letzte deutsche Reichspräsident amtiert drei Wochen, bis zu seiner Verhaftung durch britische Soldaten in Flensburg am 23. Mai 1945. Die Originale von Hitlers Testament befinden sich heute in Archiven in London und Washington, eine Abschrift auch im Bundesarchiv.