Männer führen Diktaturen, Frauen machen dagegen mobil: Dieser Trend hat in den vergangenen Jahren Regime zu Fall gebracht oder zumindest heftig erschüttert, zum Beispiel den Iran, Belarus, Polen und Sudan. Die treibende Kraft hinter den Bewegungen waren in allen vier Fällen Frauen, die ein Ende der Diktatur forderten bzw. die Demokratie verteidigen wollten. Die Autorin Shila Behjat sieht darin den Aufbruch in eine neue Form des Protests. In ihrem Buch „Frauen und Revolution“, das am 15. April herauskommt, beschreibt sie die Bedeutung der Proteste für die globale Demokratie. Ein Gespräch über die Kraft der Frauen, die weltweit politische Systeme ins Wanken bringt.   

Frau Behjat, Sie widmen Ihr Buch Ihrer Mutter. Warum?

Shila Behjat: Meine Mutter ist die erste Revolutionärin in meinem Leben. Sie hat mir beigebracht, dass demokratisches Denken und die Verteidigung von Frauenrechten zusammen gehören – und zwar auch in den Familien und in den Nachbarschaften. Die Politikerinnen und Politiker, die Spitze der Demokratie, beschränken sich auf das Repräsentieren. Ihnen geht es vor allem um den Akt des Wählens. Genau an dieser Stelle wird die Demokratie angegriffen, wenn sie eine undemokratische Partei wählen.

Shila Behjat
Wenn Frauen Regime zu Fall bringen: Shila Behjat hat vier Protestbewegungen untersucht. © FUNKE Foto Services | Reto Klar

Sie nennen diese Entwicklung „Diktatur der Mehrheit“.

Behjat: Demokratie ist nicht nur das, was die Mehrheit will. Demokratie schützt auch die Minderheiten. Es geht um Menschenrechte, um Frauenrechte, den Rechtsstaat. Denn die Mehrheit könnte auch entscheiden, wir schaffen die Gerichte ab. Der Mehrwert von Demokratie ist doch, die Rechte der Minderheit gegen die Mehrheit zu schützen.  

Die vier Länder, die Sie für Ihr Buch ausgewählt haben, könnten unterschiedlicher nicht sein. Wo ist der Zusammenhang?

Behjat: Vier von Frauen geführte Revolutionen und das innerhalb von fünf Jahren: Für mich ist das eine historische Zäsur.

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Blicken wir nach Amerika, wo Donald Trump wie nach einem Drehbuch vorgeht, um die Demokratie mithilfe der Mehrheit abzuschaffen. Dagegen regt sich zwar inzwischen Protest, aber es könnte mehr sein. Womöglich steckt hinter der Zurückhaltung eine Rückbesinnung auf alte Normen, sozusagen eine Rolle rückwärts in alte Zeiten.

Behjat: Während der ersten Trump-Administration haben noch viel mehr Frauen, viel mehr Mütter die Demokratie verteidigt. Sie haben sich gekümmert, um die Institutionen zu schützen. Jetzt hat sich die Haltung von früher in die USA eingeschlichen: Wenn man Dinge nicht ändern kann, findet man sich damit ab, vielmehr: lässt sie über sich ergehen. Ein Reflex von Frauen, denen man versprochen hat, ihr könnt alles machen, ihr könnt alles werden. Und dann ist es eben nicht so.

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Die Welt, wie wir sie seit Jahrzehnten kennen, gerät aus den Fugen. Frieden, Demokratie, Frauen- und Minderheitenrechte: alles steht auf dem Spiel, auch in Deutschland. Bei jungen Männern hat die in weiten Teilen rechtsextreme AfD Zulauf, jungen Frauen wählen nun öfter links. Überrascht Sie das?

Behjat: Eine junge Frau in Europa ist mit Freiheiten ausgestattet, sie weiß aber auch, wogegen sie sich auflehnen muss. Junge Männer haben diese Orientierung nicht so. Sondern sie orientieren sich an eher reaktionären Vorbildern, die sie auffordern, „ein echter Mann“ zu sein.

Aber es gibt doch immer mehr Männer, die sich nicht länger auf Muskeln, Job, Karriere und Leistung reduzieren lassen wollen.

Behjat: Ja, es gibt Männer, die sich anders orientieren, als es das traditionelle Männerbild hergibt. Doch sind sie auch bereit, auf ihr Privilegieren zu verzichten und echte Unterstützung zu leisten? Es reicht nicht aus, sich aus Solidarität mit den Frauen die Nägel zu lackieren.

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Wie steht es um die Demokratie in Deutschland?

Behjat: In Deutschland haben wir noch nicht verstanden, wie stark Frauenrechte und Demokratie miteinander verknüpft sind. Demokratie wird schließlich nicht nur am Wahltag verteidigt, sondern viel früher. Und da werden reaktionäre Parteien eben auch viel früher aktiv, das machen sie sehr gut: Sie kümmern sich um den Alltag der Menschen und erreichen sie mit Themen wie Inflation oder Wohnen. Dort, wo es um den Geldbeutel geht. Die etablierte Politik ist stattdessen mit den nationalen Fragen beschäftigt. Selbst bei Landtagswahlen war das Thema Ukraine-Krieg präsent.

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auch in der Türkei solidarisierten sich Frauen mit der Bewegung Frauen, Leben, Freiheit im Iran. © AFP/Getty Images | Getty Images

Immer wieder geht es bei Protestbewegungen auch um Abtreibung, in Polen war es ein tragendes Thema. Warum ist das so wichtig für die Demokratie?

Behjat: Polen ist ein gutes Beispiel. Die Verschärfung des Abtreibungsgesetzes und die damit einhergehende Kontrolle über die Reproduktionsmedizin war in eine Kette von Gesetzen eingebettet, die die PiS-Partei auf den Weg gebracht hatte, um Polen zu einem undemokratischen Land umzubauen. In dieser Kette lag auch der Gedanke zugrunde, den Körper von Frauen zu verstaatlichen. Das ist ein klassisches diktatorisches Motiv, um Frauen zu regulieren. Sie werden reduziert auf das Gebären und damit auf den Kontext von Familie. Ziel ist die Glorifizierung der zurückgezogenen, in die Familie eingebetteten Mutter. Alleinstehende Frauen, vor allem Mütter, werden im gleichen Atemzug diskreditiert. 

News aus den USA

Auch die USA sind gerade dabei, die Abtreibung zu erschweren.

Behjat: Ja, vorangetrieben von zwei Männern, Donald Trump und Elon Musk, die beide diverse Kinder von diversen Frauen haben. Natürlich muss es bei allen rechtlichen Fragen rund um die Reproduktionsmedizin auch das ungeborene Leben geschützt werden. Die Frage ist aber, wie weit ein Staat die Reproduktionsmedizin regeln darf.

Warum ist der jungen frauenbewegten Generation Diversität so wichtig?

Behjat: Wie wichtig Diversität ist, zeigt der Iran: Dort gehören diejenigen, die nicht diskriminiert werden, zur kleinsten Gruppe: der männlichen, heterosexuellen, streng gläubigen Schiiten. Sobald eine Facette hinzukommt – etwa: Frau, schwul, Kurde, nicht-religiös, Jude –, wird man diskriminiert. Tatsächlich sind die diskriminierten Minderheiten die Mehrheit. Die vier Bewegungen im Iran, in Belarus, in Polen und im Sudan haben deshalb die ganze Gesellschaft ergriffen, weil sie von den Minderheiten aus gedacht wurden – und nicht nur die diskriminierten Gruppen mitdachten.

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In Ihrem Buch heißt es, da wo Frauen mehr Rechte haben und mehr Bildung, sei der Angriff auf sie größer. Warum reagieren Männer so oft mit Frauenhass auf erfolgreiche Frauen?

Behjat: In allen vier Ländern sind die Frauen besonders gut ausgebildet. Auch im Sudan, auch und vor allem im Iran, wo die Anzahl er Studentinnen größer ist als der Studenten. Und das gilt ja auch für Deutschland, wo diese Entwicklung nur zwei Generationen gedauert hat. Die Wirkungsmacht von Frauen, ihre Bildung, ihre Karrieren, ihr Einfluss, sind enorm. Dass es Gegenwind geben würde, konnte man absehen. Schade, dass sich das nicht in Machtstrukturen niedergeschlagen hat, mit denen wir den Hass abfedern könnten. Viele Dinge, die wir erreicht haben, wurden uns gegeben. Und die Gebenden sind immer noch da.