Am Dienstag trat im Staatsschutzsaal des Oberlandesgerichts Celle ein Phantom nach 30 Jahren im Untergrund erstmals wieder ins Licht der Öffentlichkeit. „Meine Festnahme ist eine Abrechnung mit dem bewaffneten Widerstand der RAF“, sagte die ehemalige Linksterroristin Daniela Klette nach einem Jahr des Schweigens in leicht badischem Dialekt. „Und sie soll eine Abschreckung in die Zukunft sein gegen jeden, der das kapitalistische Herrschaftssystem herausfordern will.“ Ihre Festnahme vor einem Jahr in ihrer Wohnung in Berlin-Kreuzberg habe sie aus ihrem Leben gerissen. Das Hochsicherheitsverfahren gegen sie diene indes nur dazu, eine hohe Verurteilung sicherzustellen und den Hass und die Hetze gegen ihre nach wie vor flüchtigen Komplizen Burkhard Garweg und Ernst-Volker Staub aufrecht zu erhalten, so Klette weiter.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
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.Gleich am ersten Tag des lang erwarteten Prozesses wegen Raubüberfällen gegen die Ex-RAF-Terroristin fuhr ihr Verteidigungsteam eine volle Breitseite gegen die Staatsanwaltschaft Verden. Verteidiger Ulrich von Klinggräff forderte von der Kammer um den Vorsitzenden Richter Friedrich Engelke nicht weniger als eine Einstellung des Verfahrens und eine Aufhebung des Haftbefehls gegen seine Mandantin.
Als Grund nannte er eklatante Mängel und Willkür in der Arbeit der Ermittlungsbehörden, die Zeichen einer „politischen Justiz“ seien. Die Staatsanwaltschaft sei voreingenommen, so von Klinggräff, Klette durch ihre „unterstellte“ Mitgliedschaft in der aufgelösten linksterroristischen Roten Armee-Fraktion „vorverurteilt“, obwohl es sich explizit nicht um ein Terrorverfahren handele. „Ein faires Verfahren gegen meine Mandantin ist daher aus strukturellen Problemen grundsätzlich nicht mehr möglich“, argumentierte der Anwalt der 66-Jährigen.
Verlesung der Anklage dauert ganze 90 Minuten
Zum Prozessauftakt waren alle Augen auf die kleingewachsene Frau gerichtet, die mit ruhiger Stimme auf die Fragen der Kammer zu ihren Personalien antwortete. Mit schwarzem Pullover und dunkelblauer Jeans bekleidet betrat die weißhaarige Angeklagte zuvor den Gerichtssaal und umarmte ihre Anwälte. Während der Anklageverlesung wirkte sie entspannt und schaute mehrfach neugierig in den Zuschauerraum.
Und das, obwohl es einiges zu hören gab. Überfälle verkleidet als Polizisten und Supermarktkunden mit falschen Bärten, mit Sturmhauben und Perücken, Fahrzeuge mit Fake-Blaulicht als Rammen für Geldtransporter, elektronische Sperren gegen das Absetzen von Notrufen, Schüsse und Drohungen mit Maschinengewehren, Elektroschockern und Panzerfaust-Attrappen: Die Anklageschrift gegen die ehemalige RAF-Terroristin und ihre noch immer flüchtigen Komplizen Burkhard Garweg und Ernst-Volker Staub hörte sich streckenweise an wie das Drehbuch eines Gangsterfilms. Und hatte auch die entsprechende Länge von 90 Minuten.
Verteidigung: Kein Fluchtversuch zu erwarten
Verteidigerin Undine Weyers stellte vieles davon in Frage. Die angebliche RAF-Mitgliedschaft von Klette (die von dieser übrigens nicht bestritten wird) führe dazu, dass ihre Mandantin „dämonisiert“ werde. Ihr Kollege von Klinggräff blies ins gleiche Horn. Es gebe keine Belege dafür, dass Klette an allen 13 Tatorten gewesen sei, dass es eine bandenmäßige Planung und eine „Dauerbewaffnung“ bei den Aktionen gegeben habe. Aus vermeintlichen Informationen über die RAF leite man fälschlicherweise ab, dass Klette und ihre Komplizen immer „tötungsbereit“ gewesen seien, obwohl nur zweimal in 16 Jahren tatsächlich auch geschossen wurde.
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In der Tat steht Klette wegen versuchten Mordes, unerlaubten Waffenbesitzes und 13 Raubüberfällen vor dem Landgericht Verden, nicht etwa wegen ihrer RAF-Vergangenheit. Doch auch bei ihren Überfällen sollen sie, Garweg und Staub laut Staatsanwaltschaft nicht gerade zimperlich vorgegangen sein, Bank- und Supermarktmitarbeiter bedroht und somit Dutzende traumatisierte Opfer hinterlassen haben. Das Gericht in Verden ist zuständig, da sich das schwerwiegendste Delikt, ein versuchter Mord bei einem Raubüberfall mit Gewehren und einer Panzerfaust, am 6. Juni 2015 im nahegelegenen Stuhr ereignete. Die Verhandlung findet aus Sicherheitsgründen zunächst in Celle statt.
Das Trio Klette-Garweg-Staub soll zwischen 1999 und 2016 Geldtransporter und Supermärkte in Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein überfallen haben, um ihr Leben im Untergrund in Berlin zu finanzieren. Dabei soll die Bande mehr als 2,7 Millionen Euro erbeutet haben. Experten rechnen damit, dass das Verfahren aufgrund der Fülle der in Klettes Wohnung in Berlin gefundenen Beweismittel - darunter mehrere verbotene Schusswaffen samt Munition - bis zu zwei Jahre andauern könnte. Es gebe keinen objektiven Beweis, dass Klette jemals in Richtung eines Menschen geschossen habe, betonte jedoch Verteidigerin Weyers.
Für den Mandanten von Steffen Hörning muss sich das wie Hohn anhören. Der Opferanwalt vertritt einen der beiden Transportfahrer, auf die während des Überfalls in Stuhr dreimal geschossen wurde. „Mein Mandant musste danach in Reha und war monatelang in Behandlung“, erklärte Hörning vor Prozessbeginn. Klettes Festnahme habe ihn retraumatisiert. Er sei sehr aufgeregt und werde am dritten Verhandlungstag aussagen, so der Rechtsbeistand.
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Das Medieninteresse war am Dienstag in dem niedersächsischen Städtchen am Rande der Lüneburger Heide riesig. Schon Stunden vor Prozessbeginn bildeten sich unter dem wachsamen Blick von vermummten Polizisten mit Maschinenpistolen lange Schlangen vor dem Einlass zu den Sicherheitskontrollen. Auch ein Spürhund war im Einsatz, Polizeiwagen hatten das historische Gerichtsgebäude abgeriegelt. „Für uns ist es bei weitem der Prozess mit dem größten Medieninteresse bisher“, sagte Pressesprecherin Sara Teufel.
Auch eine Kundgebung mit RAF-Sympathisanten aus der linken Szene zog die Blicke der Bewohnerinnen und Bewohner der 67.000 Einwohner zählenden Stadt auf sich. Knapp drei Dutzend Demonstranten hatten sich vor dem Gerichtsgebäude versammelt, um ihre Unterstützung für die „politische Gefangene“ Klette kundzutun. „Revolutionäre Geschichte verteidigen“ und „Solidarität für Klette“ war auf ihren Plakaten zu lesen. Das dürfte ihrem Verteidigerteam gefallen haben, das gar eine „Neubetrachtung der Geschichtsschreibung der Herrschenden“ über die RAF forderte.






