„Es war im Frühjahr 1958, als unser Schiff zur Weihnachtsinsel geschickt wurde“, erzählt Terry Hughes. „Ich wusste anfangs noch nicht, warum.“ Hughes war damals 19 Jahre alt, Matrose bei der Royal Fleet Auxiliary, der Hilfsflotte für die Royal Navy, und gerade im Indischen Ozean unterwegs. „Als man uns sagte, dass auf der Weihnachtsinsel eine Wasserstoffbombe getestet werden sollte, waren wir nicht besonders glücklich“, sagt Hughes. „Aber der verantwortliche Marineoffizier versicherte uns, es gebe nichts zu befürchten.“ 

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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Hughes wurde unter Deck geschickt, in den Maschinenraum, dann gab es einen Countdown: 5, 4, 3, 2, 1 … „Durch die Dachluke sah ich einen Blitz, alles wurde hell. Danach kam ein fürchterlicher Knall, kurz darauf fegte ein kleiner Hurrikan durchs Boot“, erzählt Hughes. Wenig später durfte die Crew auf Deck gehen, sie sahen den riesigen Atompilz. „Für einen 19-Jährigen war das beeindruckend, aber auch beängstigend“, sagt Hughes. „Und das war‘s.“ 

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Hughes, heute 86 Jahre alt, war Teil der sogenannten Operation Grapple, einer Serie von Atombombentests in den späten 1950er-Jahren. Großbritannien hatte Sorgen, beim atomaren Wettrüsten ins Hintertreffen zu geraten, und so wurde die Entwicklung der Wasserstoffbombe forciert. Aus Sicht der britischen Regierung war es ein Erfolg, der Status als Großmacht konnte so gesichert werden.

Großbritannien: Nuklear-Veteranen und ihre Nachkommen leiden unter Folgen

Aber für die Nuklearveteranen verlief die Geschichte anders. Tausende entwickelten schwere Gesundheitsprobleme, die sie auf die Folgen der Strahlenbelastung zurückführen. Hughes hat schon mehrere Hautkrebsoperationen hinter sich, sein Sohn kann keine Kinder bekommen, und eine seiner Enkelinnen leidet an Epilepsie. Er zählt sich zu den glücklicheren – andere Veteranen leiden an Bluterkrankungen, manche hatten Kinder, die noch im Babyalter plötzlich starben, andere erlitten Fehlgeburten. Die meisten Länder, die in der Nachkriegszeit Nukleartests durchführten, haben den Veteranen schon längst Kompensation gezahlt und Verantwortung übernommen. Aber nicht Großbritannien.

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Das will eine Gruppe von Veteranen und ihrer Nachkommen jetzt ändern. Sie sind dabei, das Verteidigungsministerium vor Gericht zu ziehen und zu zwingen, Dokumente über die Nukleartests freizugeben. Ihr Verdacht: Das britische Militär wusste, dass es seine Soldaten einer Strahlung aussetzte, die sie und ihre Nachkommen lebenslang schädigen würde. Die Anwaltsfirma, die die Veteranen vertritt, sagt, sie habe Beweise in der Hand, dass das Militär den Veteranen über Jahre regelmäßig Blutproben entnommen hatte. „Aber wenn die Veteranen diese Proben einfordern, sind sie verdächtig unauffindbar“, schreiben die Anwälte. Die Veteranen sprechen von einem der größten Skandale der britischen Geschichte.

Um einen langwierigen und kostspieligen Rechtsstreit zu vermeiden, schlagen die Veteranen die Errichtung eines Sondergerichts vor. Dieses könnte die Fälle unabhängig untersuchen und Kompensationen abwickeln. Laut der Kampagne hat das Verteidigungsministerium bereits mehrere Fristen, bis zu der es eine Antwort versprochen hat, verstreichen lassen. Derzeit bereiten die Anwälte die Klage vor, gleichzeitig läuft eine Spendenaktion, um die Gerichtskosten zu bezahlen.

Tochter eines Nuklear-Veteranen: „Brauche manchmal einen Tag, um das Geschirr zu spülen“

Für Susan Musselwhite geht es nicht zuletzt darum, Gewissheit zu haben, und um eine Anerkennung ihres Traumas. Ihr Vater war ebenfalls als junger Mann Zeuge der Grapple-Tests im Pazifik. Lange Zeit wusste Musselwhite kaum etwas davon. Erst als sie bei seiner Beerdigung vor rund zwanzig Jahren zahlreiche Nuklearveteranen traf, beschäftigte sie sich intensiver mit der Vergangenheit ihres Vaters.

Das war auch die Zeit, als sich ihr eigener Gesundheitszustand verschlechterte. Musselwhite, heute Mitte 40, wurde mit Duane-Syndrom geboren, einer Augenerkrankung, auch kann sie keine Kinder bekommen. In den letzten Jahren sind viele weitere Leiden hinzugekommen, in der Schilddrüse, im Magen, in der Wirbelsäule. Heute sind ihre Gesundheitsprobleme so komplex, dass die Ärzte oft ratlos sind, erzählt sie. „Manchmal brauche ich einen Tag lang, um das Geschirr zu spülen, weil mein Körper nicht immer funktioniert“, sagt sie.

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Sie ist sich sicher, dass die Verstrahlung ihres Vaters verantwortlich dafür ist. Sie fühlt sich wie ein Humanexperiment – vor einigen Jahren war sie die Mitgründerin der Organisation Labrats („Laborratten“) International, das die Opfer der Nukleartests vertritt, sowohl Veteranen als auch ihre Nachkommen. „Die Veteranen brauchen eine Entschuldigung, wir brauchen eine unabhängige Untersuchung, und wir brauchen eine Kompensation“, sagte Musselwhite.

Das britische Verteidigungsministerium hat verlauten lassen, dass keine medizinischen Dokumente unter Verschluss gehalten werden.