Liebe Leserin,

lieber Leser,

es gibt nicht viele Menschen in Deutschland, die glauben, dass Olaf Scholz es nochmal schaffen kann, als Regierungschef im Kanzleramt einzuziehen. Die CDU von Friedrich Merz ist in Umfragen exakt doppelt so stark. Dass Scholz an ihr noch vorbeizieht und eine Große Koalition anführen kann, ist extrem unwahrscheinlich. Aber es gibt rechnerisch eine zweite Variante: Ein Bündnis mit den Grünen, dem BSW plus dem Rest der Linkspartei wäre die einzige Alternative, um zumindest in die Nähe einer Regierungsmehrheit zu kommen. Dazu müsste die Linkspartei es mit der „Operation Silberlocke“ erst einmal schaffen, in den Bundestag zu kommen.

Vorausgesetzt, das gelingt, käme dieses Bündnis laut jüngstem Deutschlandtrend auf 38 Prozent – das reicht nicht. Aber fünf Prozentpunkte Wachstum sind für erfahrene Wahlkämpfer wie Olaf Scholz und Robert Habeck drin. Für SPD und Grüne gibt es bereits einen leichten Trend nach oben. Offensichtlich setzt der Kanzler darauf, dass er die entscheidenden Prozente noch holen kann. Seine Zuversicht ist nicht gespielt, er strahlt sie mit jeder Faser seines Körpers aus. Davon konnten wir uns bei einem Treffen mit Olaf Scholz in seinem Amtszimmer überzeugen.

Olaf Scholz / SPD
Bundeskanzler Olaf Scholz (re.) im Interview mit FUNKE. © FUNKE Foto Services | Reto Klar

 Scholz wirkt in der direkten Begegnung, als wäre der Nervenkrieg mit der FDP spurlos an ihm vorübergegangen. Wie ein sozialdemokratischer Buddha saß er mit uns an seinem Besprechungstisch und wiederholte konzentriert sein Mantra vom möglichen Wahlsieg. Noch nie habe ich Olaf Scholz so entspannt und fokussiert erlebt, wie an diesem Mittwochabend, 28 Tage nach dem Bruch seiner Regierung. Wie der Kanzler dieses politische Wunder für die Sozialdemokraten vollbringen will, lesen Sie hier in unserem großen Exklusivinterview, das ich gemeinsam mit Jan Dörner und Jochen Gaugele geführt habe. Unser Social-Media-Team Carlotta Richter und Marvin Mügge ist mit dem Kanzler auf Instagram und Tiktok unterwegs.

Neuer Trend: Das Belehrungsvideo

Während wir mit dem Kanzler ganz altmodisch gesprochen haben, setzt sich in der Politik eine neue Form der Kommunikation durch. Spitzenpolitiker senden sich gegenseitig Belehrungsvideos – und die Öffentlichkeit sitzt dabei im Publikum, fehlt nur noch das Popcorn.

Christian Lindner auf X
Christian Lindner auf dem Kurznachrichtendienst X, ehemals Twitter.© Christian Lindner/X | Christian Lindner/X

Christian Lindner fing die jüngste Video-Battle mit dem CDU-Chef an – „Lieber Friedrich Merz, hier ist der Christian…“ – und kritisierte Merz dafür, dass er bei „Maischberger“ einen Wirtschaftsminister Habeck nicht mehr ausschloss, („Das muss Habeck entscheiden, wenn er noch dabei ist“).

Markus Söder bei Instagram
Markus Söder in seinem Antwortvideo bei Instagram.© markus.soeder/Instagram | markus.soeder/Instagram

Auch CSU-Chef Markus Söder griff zum Handy und stellte aus dem Fonds seines gepanzerten Audis klar: „Mit der CSU gibt es keinen Robert Habeck mehr als Wirtschaftsminister“. Schade, dass es noch kein Antwort-Video von Friedrich Merz gibt. Mein Vorschlag für das Skript: „Hallo Markus, hallo Christian, ich bin hier, der Friedrich, und Euer öffentliches Gemecker geht mir gewaltig auf die Nerven“. Aber Merz hat eigentlich gar keine Zeit für Videos. Er muss Wahlkampf planen und sich die Frage stellen, mit wem er seine ehrgeizigen Ziele in einer Regierung erreichen will. Meine Kolleginnen Julia Emmrich und Theresa Martus haben das mit großer Expertise durchdekliniert.

Deutsch-französische Achse kaputt

Große Sorge bereitet mir im Augenblick der Zustand von Europa. Seit gestern haben nicht nur wir eine kaputte Regierung, sondern auch unser großer Nachbar Frankreich. Mit dem Rücktritt von Premier Michel Barnier ist die deutsch-französische Achse nicht nur angeknackst, sondern hat links und rechts auch noch einen platten Reifen. Das ist gefährlich für Europa. Unser Paris-Korrespondent Stefan Brändle erklärt, wie Frankreichs Präsident Emmanuel Macron seine Haut retten will und was die Krise für Frankreich bedeutet.

Merkel und das „Mutti“-Geheimnis

Merkel Testifies At Bundestag Afghanistan Investigative Commission
Die ehemalige Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat verraten, wie sie zu dem Spitznahmen „Mutti“ gekommen ist.© Getty Images | Michele Tantussi

Angela Merkel hat im Rahmen ihrer Buch-Tour im Londoner Southbank Center jetzt verraten, wie sie zu dem Spitznamen „Mutti“ kam: „Es war nicht liebevoll ausgedacht. Der Begriff kam von einem männlichen Wesen in meiner Partei“.  Da ich diese Wesen kenne und den Begriff immer doof fand, kann ich verraten: Es war der damalige CSU-Wirtschaftsminister Michael Glos, der unter Merkel keinen leichten Stand hatte.

Die Bayern haben aufgepasst

Augsburg, Bavaria, Germany - December 5, 2024: Impressions of the Christmas market or Christkindlmarkt in Augsburg on th
Blick auf den Christkindlmarkt in Augsburg. Ein Islamist soll ihn für einen Anschlag ausgespäht haben. © IMAGO/Bihlmayerfotografie | IMAGO stock

Die bayerische Polizei hat einen 37-jährigen Iraker festgenommen, der möglicherweise einen Anschlag auf den Augsburger Christkindlmarkt verüben wollte. Es gibt nur wenige Details zum Stand der Planungen, und man darf froh sein, dass die Überwachung des mutmaßlichen IS-Sympathisanten so gut war, dass er nichts anrichten konnte. Wir sollten uns von dieser Nachricht nicht verunsichern lassen, sondern den Feinden unserer wunderbaren Art zu leben die kalte Schulter zeigen.

In diesem Sinne: Wir sehen uns am Glühweinstand!

Herzlich,

Ihr Jörg Quoos