Liebe Leserin, lieber Leser,
nach einem beispiellosen Gezerre bekommt die SPD am nächsten Montag offiziell einen Kanzlerkandidaten für die vorgezogene Bundestagswahl. Es ist der Kanzler. Dass diese Personalie gestern Abend viele Menschen in Deutschland überraschte, spricht Bände über den Zustand der Sozialdemokratie. Mehr Dilettantismus, Missgunst und Illoyalität war bei einer Kandidatenkür selten, und ich frage mich ernsthaft, welche Pille Olaf Scholz nimmt, um nicht regelmäßig vor Wut aus dem Anzug zu schlüpfen.

Nachdem sich sieben Ex-SPD-Vorsitzende und unzählige Mandatsträger öffentlich eingemischt hatten, beendete der Kanzlerkandidat der Herzen, Boris Pistorius, mit einem Video die quälend lang andauernde SPD-Krise. Im Anzug ohne Schlips vor einem SPD-Schild, das die Regie auf Omas Nachttisch gestellt hatte, sprach Boris Pistorius, ohne zu kichern, den Satz: „Olaf Scholz ist ein starker Kanzler“ und las vom Teleprompter ab, dass er selbst nicht für eine Kanzlerkandidatur zur Verfügung stehe. Das Video ist die mediale De-luxe-Variante der Ausrede „Ich war’s nicht“, wie der Nachwuchs sagt, wenn beim Zündeln fast das Haus in die Luft geflogen ist. Aber immerhin herrscht jetzt Klarheit in der SPD und wir werden statt über Personalgeschacher hoffentlich bald wieder über Inhalte schreiben. Wie Olaf Scholz das achte Weltwunder – den Wiedereinzug ins Kanzleramt – schaffen will, beschreibt unser Kanzleramtsreporter Jan Dörner.

Während sich die Regierungspartei SPD um sich selbst drehte, schuf Russlands Präsident erneut Fakten. Als Reaktion auf die Lieferung von US-Mittelstreckenraketen ließ Wladimir Putin eine gewaltige Hyperschallrakete vom Typ „Oreschnik“ auf die viertgrößte Stadt der Ukraine abfeuern. Das 36-Tonnen-Monstrum basiert auf der gefürchteten Interkontinentalrakete RS 26, und ihr Einsatz – es gibt nur ganze wenige Systeme – machte militärisch überhaupt keinen Sinn. Aber: Die Rakete kann nukleare Sprengköpfe tragen und daher war der Abschuss nicht nur physischer Terror gegen die Menschen von Dnipro sondern Psycho-Terror gegen uns alle. Putin droht erneut mit dem Atomschlag und hofft, dass alle ängstlich einknicken, die die Ukraine in ihrem Freiheitskampf unterstützen. Wir sollten ihm diesen Gefallen nicht tun und dazu die kluge Analyse unseres langjährigen Auslandschefs Michael Backfisch lesen.
Wladimir Putin beschäftigt auch Angela Merkel in ihren Memoiren „Freiheit“, die am 26. November offiziell in die Buchhandlungen kommen. Der 726-Seiten Wälzer soll unter manchem Weihnachtsbaum liegen, so der Plan der Altkanzlerin und des Verlages Kiepenheuer und Witsch. Es sind bereits Auszüge veröffentlicht, und meine Kollegin Julia Emmrich berichtet, wie Angela Merkel über den Vorwurf denkt, dass sie 2008 mit ihrem Nein zu einer NATO-Mitgliedschaft der Ukraine einen schweren Fehler begangen habe.

Einen großen Schritt ging heute der Bundesrat, der die Klinikreform der Ampelregierung noch durchwinkte. Zwei Jahre lang hatte Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach an diesem Gesetzesmonstrum gearbeitet, dass unser Gesundheitswesen disruptiv verändern wird. Der Arzt Lauterbach will die Quadratur des Kreises schaffen: weniger Kosten, bessere Qualität. Der Preis sind längere Wege und eine Verringerung der Zahl der Kliniken. Es ist ein gewagtes Projekt, und der Ausgang ist laut Experten und Lobbyisten durchaus ungewiss – wie bei einer Totaloperation an mehreren lebenswichtigen Organen. Meine Kollegen Thorsten Knuf und Christian Unger beantworten dazu die wichtigsten Fragen.

Jens Spahn ist ein Politiker, der polarisiert und der seit seiner Amtszeit als Bundesgesundheitsminister in der Corona-Krise viel Hass auf sich gezogen hat. Ich kenne ihn schon lange, auch seinen ausgeprägten Ehrgeiz und den Drang, politisch Karriere zu machen. Ich kenne aber auch seine Fähigkeit, Dinge umzusetzen, statt nur darüber zu reden. In unserer neuen Podcast-Serie „Meine schwerste Entscheidung“ spricht Spahn mit meinen Kollegen Jochen Gaugele und Laura Himmelreich selten offen über das Dilemma eines Politikers, über Tod und Leben zu entscheiden..
Jens Spahn stand auf dem Höhepunkt der Pandemie unter gewaltigem Druck – auch von uns Medien – blitzschnell Masken und Beatmungsgeräte zu beschaffen. Er griff selbst zum Hörer und handelte angesichts der Bilder von mobilen Leichenkühlhäusern manches Mal nach dem Motto „koste es, was es wolle“. Jetzt hat er dafür Gerichte und den Rechnungshof am Hals. Es urteilt sich im Nachhinein sehr leicht über solche Entscheidungen, und daher ist der Podcast mit Jens Spahn sowohl ein hochinteressantes Stück Zeitgeschichte als auch ein intimer Blick in die Seele eines Politikers, der in der nächsten Regierung ziemlich sicher eine gewichtige Rolle spielen wird.

Wer in der Politik mächtig wird und Verantwortung trägt, zahlt dafür oft einen hohen Preis: die Liebe. In einer dürren Erklärung haben heute Außenminister Annalena Baerbock (43) und ihr Ehemann Daniel Holefleisch (51) via „Bild“ ihre Ehe öffentlich beendet: „Wir haben in einem längeren Prozess gemeinsam vor einiger Zeit entschieden, dass wir kein Paar mehr sind.“ Weiter schreiben die beiden: „Um möglichen Spekulationen zuvorzukommen: Es gibt keine neuen Partner.“ Damit stehen die beiden in einer traurigen Reihe mit vielen Spitzenpolitikern und deren Partnern, die das Private und das Dienstliche einfach nicht mehr zusammenbringen konnten. Trennungs-Spitzenreiter bei den Grünen war bislang Joschka Fischer, der viermal heiratete. Baerbock und der Lobbyist Holefleisch lernten sich bei den Grünen kennen und lieben. Die beiden haben zwei Töchter (9 und 13) und wollen gemeinsam dafür sorgen, dass sie „in Ruhe und einem liebevollen Umfeld aufwachsen können“. Dazu wollen die Eltern „auch weiter in unserem gemeinsamen Zuhause in Potsdam“ wohnen.

Zum Abschluss verneige ich mich vor den starken Frauen, die mit der „Goldenen Bild der Frau“ für herausragende Leistungen in unserer Gesellschaft feierlich ausgezeichnet wurden. Die Aufzeichnung können Sie hier sehen. Stellvertretend möchte ich Anna-Lena von Hodenberg nennen, die mit ihrem Verein „HateAid“ den vielen Opfern von Hass im Netz hilft. Die Berlinerin kämpft mit vielen Helferinnen und Helfern mutig gegen digitale Gewalt, die Mandatsträger zum Aufgeben zwingt oder freie Meinungsäußerung unterdrückt. Mit tränenerstickter Stimme, die goldene Trophäe in den Händen, beschwor sie das Publikum im Hamburger Stage-Theater mit den Worten: „Das ist keine Übung mehr. Es ist für uns alle an der Zeit, dass wir rausgehen und Haltung zeigen“.
Ich finde, man kann mit keinem besseren Vorsatz ins Wochenende starten,
herzlich, Ihr
Jörg Quoos


