Erst die Arbeit, dann das ritualhafte Vergnügen. Bevor Donald Trump mit seiner Gattin Melania den traditionellen Tanz am Tag der Amtseinführung absolvierte, schuf er erste Fakten. Mit einem Federstrich leitete der Präsident per Exekutivanordnung das schrittweise Ende der von seinem Vorgänger eingeführten Krankenversicherung „Obamacare“ ein.

Montag, Mittwoch, Freitag

Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

Hinter den Kulissen der Politik - meinungsstark, exklusiv, relevant.

Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.

Anders als bis zuletzt beteuert brachte Trump das für viele Bürger wegen hoher Beiträge aus dem Ruder gelaufene Modell aber nicht zu Fall. Er gab nur das politische Signal, dass sämtliche staatlichen Stellen dazu beitragen sollen, die „finanziellen Bürden“, die mit der Gesundheitsreform verbunden sind, „abzumildern“. Was das heißt, blieb offen.

Weitere Dekrete sollen am Montag folgen

Trumps Stabschef Reince Priebus sprach von einem „Zwischenschritt“, bis der Kongress ein Alternativ-Modell beschlossen hat. Zuvor hatte Trump eine Proklamation unterzeichnet, die den 20. Januar zum „nationalen Tag des Patriotismus“ erklärte. Weitere Dekrete, die Auflagen in der Umwelt- und Energiepolitik neutralisieren sollen, sollen am Montag folgen.

Nach der traditionellen Präsidenten-Parade an der Pennsylvania Avenue, bei der am Freitagabend unter großem Polizeischutz Tanzgruppen und Orchester auftraten, sorgte Trump dafür, dass er zu Wochenbeginn wenigstens teilweise regierungsfähig ist. Nachdem der Senat für James Mattis (Verteidigung) und John Kelly (Heimatschutz) grünes Licht gegeben hatte, nahm Vizepräsident Mike Pence den beiden 66-jährigen Ex-Generälen als ersten Ministern offiziell den Amtseid ab.

Wann das Kabinett steht, ist ungewiss

Mattis, ein hoch anerkannter Kriegsveteran, wird voraussichtlich Mitte Februar auf der Sicherheitskonferenz in München auftreten. Aus erster Hand können die verunsicherten Europäer dann erfahren, was es mit der von Trump angekündigten „America first!“-Strategie in sicherheitspolitischer Hinsicht auf sich hat. Anders als sein Chef hatte sich Mattis zuletzt mehrfach als glühender Anhänger der Nato, internationaler Bündnisse und Kritiker des russischen Präsidenten Wladimir Putin hervorgetan.

Wann das aus rund 20 Personen bestehende Kabinett Trumps komplett sein wird, ist ungewiss. In mehreren Fällen hat die Opposition in den Anhörungen Bedenken angemeldet. „Im Lichte der Antrittsrede Trumps werden wir noch genauer hinschauen“, zitierten US-Medien Vertreter der Demokraten.

Internetauftritt des Weißen Hauses wird Obama-frei

Letztere sind auch deshalb schwer verstimmt, weil wenige Stunden nach der Amtseinführung im Stile einer Säuberungsaktion der Internetauftritt des Weißen Hauses komplett Obama-frei gemacht wurde. Wo bislang umfangreiche Informationen zum Klimawandel zu finden waren, steht jetzt ein Papier, das der Energie-Industrie die Befreiung von regulatorischen Fesseln verspricht.

Bürgerrechtler zeigten sich entsetzt, dass Informationen zu ihrer Arbeit durch eine Lobrede auf die Polizei ersetzt wurden. Über Schwule und Lesben gibt es auf der Seite des Präsidenten gar keine Informationen mehr – Obama hatte sich stark für die Homo-Ehe eingesetzt. „Wir sollen ausradiert werden aus der öffentlichen Wahrnehmung“, sagte der bekannte Filmemacher Michael Moore bei einer Anti-Trump-Demo nahe dem Weißen Haus.

Obamas Rede wird Faktencheck unterzogen

Trumps von nationalistischen und protektionistischen Tönen durchzogene Rede nach der Vereidigung löste in Amerika abseits seiner Fangemeinde Schockwellen aus. Das Medienecho rangiert zwischen „verstörend“ und „würdelos“. Nur Breitbart.com, das Info-Portal des Trump-Beraters Stephen Bannon, und der TV-Sender „Fox News“ fanden Worte der Anerkennung: „Ein neues Zeitalter hat begonnen.“

Die „New York Times“ warf Trump dagegen vor, mit seinen im „Vorschlaghammer“-Stil vorgetragenen Worten völlig unzutreffend ein apokalyptisches Bild von Amerika entworfen zu haben. Vor allem die pauschale Formulierung, dass in den Innenstädten ein „Gemetzel aus Drogen, Gewalt und Bandenkriminalität“ herrsche, löste Empörung aus. Etliche Zeitungen hatten die 16 Minuten lange Rede einem Faktencheck unterzogen. Ergebnis: weitgehend wahrheitswidrig und verzerrend.

Trump lobt sich mal wieder selbst

Dass Trump an keiner Stelle Zeichen der Versöhnung aussandte, um die durch den Wahlkampf noch tiefer gewordenen Gräben in der Bevölkerung zu überwinden, sei Indiz dafür, dass der neue Präsident in den kommenden vier Jahren „vor allem auf Konfrontation setzt“, hieß es in der „Chicago Tribune“. Selbst erzkonservative Kommentatoren wie George Will sprachen von der „schrecklichsten Ansprache in der Geschichte Amerikas“.

Trump selbst wartete das Urteil in den Medien nicht ab und lobte sich, wie so oft, selbst: „Leute, die im Wahlkampf nicht so nett zu mir waren, sagten, dass wir heute echt gute Arbeit geleistet haben.“ Selbst der liebe Gott habe gnädig auf seine Amtseinführung geschaut – und den Regen in erträglichen Dosen gehalten. Der für öffentlich praktizierten Glauben wenig bekannte Trump empfing am Sonnabend in der National Cathedral, Washingtons größter Kirche, bei einem traditionellen interkonfessionellen Gottesdienst die Wünsche von Vertretern vieler Glaubensrichtungen.

Massenprotest beim „Marsch der Frauen“

In muslimischen Kreisen herrschte jedoch Verstimmung. Trump hatte in seiner Rede martialisch davon gesprochen, den radikalen Islam, der sich in Terrornetzwerken wie IS oder al-Qaida manifestiert, „auszurotten“. Weil Trump immer wieder betonte, dass mit ihm die „Stunde des Handelns“ angebrochen und die „Zeit des leeren Geredes“ in Washington vorbei sei, befürchten Beobachter kurzfristig eine „Demonstration der neu gewonnenen Macht“.

Weltweite proteste gegen Trump

Im Beisein von Stars wie den Sängerinnen Cher und Katy Perry und dem Hollywood-Star Scarlett Johansson wollten sie gegen Gewalt, Rassismus, Homophobie und religiöse Intoleranz protestieren. Weil Trump sich in der Vergangenheit regelmäßig geringschätzig und sexistisch über Frauen geäußert hatte, wird der neue Präsident „massiv mit dem Thema Frauenfeindlichkeit konfrontiert“, sagte eine Sprecherin des Veranstalters.

Nicht nur in den USA, auch in anderen Städten weltweit kamen Demonstranten zu sogenannten „Schwesternmärschen“ zusammen, um gegen Frauenfeindlichkeit, Gewalt, Rassismus, Homophobie und religiöse Intoleranz zu protestieren.