"Can you understand?", will der Mathelehrer von ihm wissen. Unschlüssig schaut Danya mit den blauen Augen und dem sanften Gesicht hoch, dann nickt er. Trotzdem schreibt er nichts in sein Heft vor ihm auf dem Tisch. Der Versuch des Lehrers, die Aufgabe auf Englisch zu erklären, wirkt unbeholfen. Der Zwölfjährige kann seine Fragen nicht auf Deutsch stellen, er spricht die Sprache kaum. Vor vier Monaten hat er noch in Kiew gelebt. Dann flogen Putins Raketen.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
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Erste Stunde an einem heißen Mittwoch im Samuel-von-Pufendorf-Gymnasium in Flöha, Sachsen. Die Kleinstadt im Erzgebirge liegt 20 Autominuten von Chemnitz entfernt. Danya geht hier in die 5a. Im Klassenraum riecht es nach Linoleum, ständig zieht irgendwer die Nase hoch.
Heute lernen sie im Matheunterricht, wie man Brüche kürzt, erweitert, solche Sachen. Danya sitzt fast teilnahmslos auf seinem Stuhl, den Kopf legt er in seine Hände, reibt sich die Augen. Vielleicht macht er das, weil er müde ist. Vielleicht macht er das aber auch aus Unsicherheit, weil er nicht versteht, was der Lehrer an der Tafel erklärt.
Zwei Reihen vor ihm sitzt Olya, auch sie ist aus der Ukraine geflohen. Ihr Lernbuch hat sie aufgeschlagen, doch auch die Seiten ihres Collegeblocks bleiben so gut wie leer. Als der Mathelehrer fragt, wer mit der Aufgabe fertig ist, bleiben Danyas und Olyas Hände unten.
Integration ukrainischer Schüler: Jedes Bundesland geht seinen eigenen Weg
Danya und Olya sind zwei von 146.321 ukrainischen Kindern und Jugendlichen, die in deutschen Klassenzimmern sitzen. Nach Daten der Kultusministerkonferenz (KMK) sind das 2.263 mehr als in der Vorwoche.
Und da in diesen Tagen in den meisten Bundesländern die Sommerferien beginnen, drängen sich wichtige Fragen auf: Wie können die Schülerinnen und Schüler im neuen Schuljahr erfolgreich in den Unterricht eingebunden werden? Sollen sie vor allem Deutsch lernen – oder den Anschluss an den ukrainischen Lehrstoff bewahren? Und wer bleibt überhaupt da, angesichts der ersten ukrainischen Familien, die in ihre Heimat zurückkehren? Lesen Sie auch: Ukraine-Krieg: Die traumatisierten Bürger von Kramatorsk
Ende Juni erklärte Karin Prien (CDU), Kultusministerin in Schleswig-Holstein und derzeit KMK-Präsidentin, die baldige Teilnahme der geflüchteten Schüler am Regelunterricht zur „unerlässlichen Grundvoraussetzung“. Durch „systematische Angebote“ soll laut KMK-Beschluss sichergestellt werden, dass die Schüler aus der Ukraine möglichst schnell Deutsch lernen.
Wie solche Förderangebote aussehen, entscheiden Länder und Schulen. Deutschland, ein Flickenteppich. Man kennt das schon von den Corona-Maßnahmen. Jedes Land – und in diesem Fall: jede Schule – macht ihr eigenes Ding.
Kultusminister wollen Regelunterricht für Schutzsuchende
Dass die Schüler Angebote zur Verbesserung ihrer Deutschkenntnisse erhalten, sei prinzipiell richtig, sagt Udo Beckmann, Vorsitzende des Verbands Bildung und Erziehung (VBE). „Allerdings sehen wir nach wie vor, dass viele Ukrainerinnen und Ukrainer möglichst schnell in ihre Heimat zurückkehren wollen. Diesen Menschen ist mit Deutschkursen wenig geholfen.“ Aus Sicht der Gewerkschaft müsste es für sie vielmehr ukrainische Bildungsmöglichkeiten geben.
Offen ist auch, wer die Schüler nach den großen Ferien unterrichten soll. Neben Ganztagsbetreuung, Inklusion und Pandemie bedeutet die Integration von mehr als 140.000 Ukrainern für das strapazierte Schulsystem und die häufig ausgezehrten Pädagogen eine enorme Kraftanstrengung. Gleichzeitig nimmt die Leerstelle in den Lehrerzimmern prekäre Züge an. Die KMK rechnet mit einer Lücke von 20.000 Fachkräften im Jahr 2025. Bildungsexperten warnen, dass es noch viel schlimmer wird.
„Solange die KMK hierzu keine Antworten liefert, kommt der Beschluss nicht über einen gut gemeinten Ratschlag hinaus“, kritisiert VBE-Chef Beckmann und wird grundsätzlich: Weil Kinder und Jugendliche, die aus dem Ausland nach Deutschland kommen, nach spätestens sechs Monaten schulpflichtig sind, sei mit einem weiteren Zuwachs an Schülern aus der Ukraine zu rechnen. „Dieser erwartbare Anstieg trifft auf ein Bildungssystem, das durch jahrelange finanzielle Unterversorgung in dramatischer Weise personell geschwächt ist.“ Um die Schulen zu entlasten, schlägt Beckmann ein bundesweit einheitliches Unterrichtsangebot vor.
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Schüler besuchen parallel zum Regelunterricht Deutschkurse
Zwar setzen auch im nächsten Schuljahr die Länder auf gesonderte Lernklassen für die Schüler aus der Ukraine – gehen dabei aber unterschiedlich vor. So sieht das Konzept des bayrischen Kultusministeriums eine direkte Einbindung in den normalen Unterricht für Grundschüler vor. An weiterführenden Schulen sollen sogenannte Brückenklassen eingeführt werden. Dort lernen die Schüler zehn Stunden Deutsch pro Woche. Damit sie den Kontakt zu den Mitschülern nicht verlieren, nehmen sie wöchentlich für mehrere Stunden am Regelunterricht teil.
In Nordrhein-Westfalen sieht das Angebot ähnlich aus. Auch hier sollen Kinder und Jugendliche neben dem regulären Unterricht in gesonderten Lerngruppen ihre Deutschkenntnisse verbessern.
Hamburg hält an seiner Vorgehensweise fest. In den Schulen der Hansestadt lernen Ukrainer Deutsch, entweder direkt in einer Regelklasse oder für ein Jahr in einer internationalen Vorbereitungsklasse. Auch in Berlin wird es weiterhin sogenannte Willkommensklassen geben, in denen die Schüler für den regulären Unterricht fit gemacht werden. Sachsen, wo Danya und Olya zur Schule gehen, will Deutsch verstärkt und einheitlich unterrichten.
„Schulleistung und gute Noten sind vorerst zweitrangig“
Sylke Wolf sitzt in ihrem Büro. Sie ist die stellvertretende Schulleiterin des Samuel-von-Pufendorf-Gymnasiums in Flöha. Sie weiß um die Sprachbarrieren bei Danya und Olya. Darin sieht sie keinen Nachteil. „Ganz ehrlich“, sagt sie, „es geht doch erst mal darum, die Kinder und Jugendlichen aufzufangen. Sie sollen sich ablenken und den Kopf freikriegen können.“ Wolf ist überzeugt, dass die Integration der Geflüchteten so funktionieren kann. „Schulleistung und gute Noten sind da vorerst zweitrangig.“
Nun warten sie, ob das Schulamt eine DaZ-Klasse vorsieht, für nach den Sommerferien. Das Ziel solcher Deutsch-als-Zweitsprache-Klassen: Die Schülerinnen und Schüler optimal auf den Regelunterricht vorzubereiten. Wolf sagt: „Wir wissen nicht, wie es da weitergeht.“ In Flöha haben sie eine ausgebildete Lehrkraft für den DaZ-Unterricht. Das Amt prüft noch, wie viele Kinder wirklich das neue Schuljahr in Sachsen beginnen werden, da die ersten in die Ukraine zurückkehren.
„Die Sprache ist der Schlüssel, um die ukrainischen Kinder und Jugendlichen erfolgreich ins deutsche Schulsystem zu integrieren“, sagt Maike Finnern, Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), und bestätigt: „Grundsätzlich gehen die Beschlüsse der KMK in die richtige Richtung.“
Am Ende komme es aber auf die Umsetzung an den Schulen an, was unter anderem von der Anzahl der Geflüchteten und den verfügbaren Lehrkräften abhänge. „Wir halten es für absolut richtig, dass die Schülerinnen und Schüler im neuen Schuljahr schnellstmöglich in Regelklassen untergebracht werden. Parallel laufende Deutschkurse sind da eine sinnvolle Maßnahme“, so Finnern. Auch interessant: Wie der Krieg in der Ukraine enden könnte – vier Szenarien
Die ukrainischen Kinder werden in der Schule nicht alleingelassen
In der 5a hat die letzte Unterrichtsstunde begonnen. An den Tischen haben sich die meisten Schüler in Kleingruppen zusammengefunden. Sie können lernen, Hausaufgaben machen, Fragen mit der Lehrerin klären. Kichern erfüllt den Raum.

Danya und Olya sitzen allein an ihren Tischen. Beide zeichnen schweigend vor sich hin. Er versucht sich an einem Symbol aus der Comicserie „Iron Man“, sie skizziert eine Frau in einem Kleid. Seit sie in Deutschland ist, sagt Olya, gehöre Kunst zu ihren Lieblingsfächern. Da auch ihr Englisch sehr rudimentär ist, tippt sie ihre Antworten in einer Übersetzer-App auf dem Smartphone.
Zwei Mitschüler bleiben stehen und zeigen sich beeindruckt von Danyas Zeichnung. „Krass!“, sagen sie. Und „Boah!“. Danyas schüchternem Gesicht entweicht ein Grinsen. Die Mitschüler erzählen, dass sie ihm und Olya schon etwas Deutsch beigebracht haben. Wörter und Sätze wie „Ich heiße …“, „Ich bin zwölf Jahre alt“, „Tisch“, „Buch“.
Danya und Olya mögen allein an ihren Tischen sitzen, man hat aber nicht das Gefühl, dass sie alleingelassen werden. Ihre Lehrerinnen- und Lehrer, die Mitschülerinnen und Mitschüler - alle geben sich viel Mühe, die beiden in ihre Gemeinschaft aufzunehmen.
Dann ertönt der Gong und scheucht die Kinder ins Freie. Danya und Olya sagen, dass sie sich wohlfühlen in ihrer neuen Umgebung. Erst mal wollen sie bleiben, denn hier sind sie sicher. Ihre Klassenkameraden seien alle sehr hilfsbereit, und sie hätten leicht Anschluss gefunden, sagen die beiden. Auch wenn es mit der Sprache noch hapert – am Ende schaffen sie es immer, sich zu verständigen.
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Dieser Artikel erschien zuerst bei www.waz.de



























































































































































































































