Wenn man Joe Bidens Rechtfertigungsrede zu dem von ihm zu verantwortenden jämmerlichen Schlusspunkt der 20-jährigen Afghanistan-Tragödie knapp bilanzieren wollte, reichten zwei Worte. Thema verfehlt. 

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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Amerikas Präsident leitete erst lang und umständlich her, was lange bekannt und gewiss immer noch mehrheitsfähig ist in einem chronisch kriegsmüden Land: Dass Amerika unter seiner Führung - anders als bei den drei Vorgängern Bush, Obama und Trump - nicht länger den bewaffneten Schiedsrichter in Afghanistan spielen will. Dass die Terror-Bedrohungen für die USA längst anderswo herkommen. Dass (nach rund 2400 toten GI`s) seit 2001 kein einziger US-Soldat mehr in einem Krieg sterben sollte, den afghanische Streitkräfte "nicht bereit sind, für sich selbst zu führen".

Afghanistan: Joe Biden lässt keinerlei Selbstkritik anklingen

Aber muss man, darf man darum ein ohnehin zerbrechliches Land durch einen kopflosen Turbo-Abzug derart aus dem Gleichgewicht bringen und schutzlos den Taliban überlassen?

Unser US-Korrespondent Dirk Hautkapp vor dem Weißen Haus in Washington.
Unser US-Korrespondent Dirk Hautkapp vor dem Weißen Haus in Washington.© Privat | Privat

Dass Joe Biden seine gegen den Rat der eigenen Militärspitze getroffene Entscheidung, die das herzzerreißende Flucht-Chaos am Flughafen von Kabul ausgelöst hat, nachträglich als "felsenfest" richtig bekräftigt und keinerlei Selbstkritik anklingen ließ, wirkte angesichts der Phalanx von Kritik im In- und Ausland beinahe altersstarrsinnig. 

Sein Motto: Es gibt nie einen guten Zeitpunkt, um sich zu verabschieden. Mag sein. Aber auf das Wie kommt es umso mehr an, wenn man nach 20 Jahren De-facto-Besatzung plötzlich schreit: Wir sind dann mal weg. Und ab morgen seid ihr auf euch allein gestellt.

Trump: Abzug auf "inkompetente Art und Weise"

Donald Trump sagte nach Bidens Rede: "Es geht nicht darum, dass wir Afghanistan verlassen haben. Es geht um die völlig inkompetente Art und Weise, wie wir gegangen sind." Ausnahmsweise, ganz ausnahmsweise, liegt Bidens Vorgänger hier nicht falsch.

Es reicht nicht aus, lapidar anzumerken, die Lage in Afghanistan habe sich in den vergangenen Tagen "schneller entwickelt, als wir erwartet hatten". Dass die eigenen Geheimdienste, die Kommandeure am Boden und in den Zentralen so himmelweit daneben lagen und den von langer Hand vorbereiteten Sprint der Taliban bis in den Kabuler Präsidentenpalast nicht wenigstens in ihre Planspiele aufgenommen haben, dürfte zu den größten militärischen Fehlurteilen der vergangenen Jahrzehnte gehören. Man möchte sich nach dieser Pleite nicht ausmalen, wie exakt und realistisch die USA Bedrohungs-Szenarien einschätzen können, wenn die Gegenspieler einmal China oder Russland heißen sollten.

USA tragen Mitverantwortung an Zustand der afghanischen Truppen

Es reicht auch nicht aus, der afghanischen Armee im Unterton Undankbarkeit und fast pauschal Fahnenflucht zu unterstellen - wenn Fakt ist, das seit 2015 knapp 60.000 Soldaten im Kampf gegen die Taliban gestorben sind, weitere Zehntausend monatelang nicht bezahlt wurden und die USA durch das Kappen zentral wichtiger Zulieferungen (Luftunterstützung, Wartungspersonal etc.) die afghanischen Truppen zuletzt partiell de facto entwaffnet haben. Von der psychischen Demoralisierung, die mit Bidens Abzugsankündigung einherging, ganz zu schweigen. 

Was dabei am schwersten wiegt: Wenn Biden die mit 80 Milliarden US-Dollar aus dem Boden gestampfte und trainierte Armee plötzlich für unfähig oder unwillens erklärt, die nationale Sicherheit zu gewährleisten, macht er sich dümmer als er ist. Es war seit Jahren intern bekannt, dass die Fortschrittsberichte, die US-Verteidigungsminister und -Generäle im Kongress vorlegten, um die angeblich immer besser werdende Performance der ethnischen Viel-Völker-Streitkraft zu charakterisieren, oft wider besseres Wissen geschönt wenn nicht fahrlässig manipuliert waren. Mit anderen Worten: Man musste um das Risiko wissen, dass sich den Taliban niemand wirkungsvoll in den Weg stellt, wenn zum Angriff geblasen wird.

Mitglieder der Taliban gehen durch Kabul.
Mitglieder der Taliban gehen durch Kabul. © dpa | -/XinHua/dpa

Bidens Kritik an Ashraf Ghani hat faden Beigeschmack

Auch die Breitseite gegen Ashraf Ghani, gewiss kein Ausbund an Vorbildlichkeit und weithin im Land verhasst, hat einen faden Beigeschmack. Biden monierte, der in den USA akademisch ausgebildete Präsident habe mitten in der Krise feige das Land verlassen. Was, wenn Ghani geblieben wäre und die Taliban, die seine Regierung nie anerkannten, ihn in Kabul wie 1996 Mohammad Najibullah kastriert und zur Abschreckung an einem Betonpfeiler aufgehängt hätten?

Beinahe zynisch mutet es an, wenn Biden beteuert, Amerika werde sich weiter für Frauen- und Menschenrechte "aussprechen". Als würde das die Taliban jucken, die bereits damit begonnen haben, zivilisatorische Fortschritte wie den Schulbesuch für Mädchen und die Bewegungsfreiheiten von Frauen wieder einzukassieren.

Taliban katapultieren Afghanistan ins gesellschaftliche Mittelalter

Zivilisatorische Fortschritte, die mit Milliarden-Summen aus den Entwicklungshilfe-Budgets des Westen erzielt worden sind. Hunderttausende junge Afghaninnen müsse nun befürchten, von einer menschenverachtenden, männer-dominierten Sektierer-Ideologie wieder ins gesellschaftliche Mittelalter katapultiert zu werden. Was Amerika zu tun gedenkt, um den absehbaren Abriss des auch mit US-Steuergeld finanzierten Aufbaus in Afghanistan zu verhindern, darüber hätte man gerne mehr gehört. 

Stattdessen gab es Muskelspiele in Trump-Tonlage. Bidens Androhung, die Taliban "vernichtend anzugreifen", falls sie den laufenden Abzug der Amerikaner torpedieren sollten, ist vor allem eine Nebelkerze fürs heimische Polit-Publikum. Warum sollten die Radikal-Islamisten das jetzt noch tun? Es würde ihren Plänen, die neu errungene Macht im Land zu konsolidieren, schaden. Die Amerikaner sind für sie vom Hof gejagte Besatzer.

Bidens größtes Versäumnis: Wie Zehntausende Afghanen, die über die Jahre mit Amerika kollaboriert haben und darum jetzt um ihr Leben fürchten müssen, wie Menschenrechtsaktivisten und Oppositionelle durch den Flaschenhals des Kabuler Flughafen in Sicherheit gebracht werden sollen, darüber hat der Präsident nur kursorisch geredet. Daran aber wird man ihn nach dem verkorksten Truppenabzug messen. Die grauenvollen Auftaktbilder von verzweifelten Afghanen, die sich an ein US-Transportflugzeug geklammert hatten und aus großer Höhe über Kabul in die Tiefe stürzten, gibt Anlass zu größter Sorge.