Weimar. Die Partei BSW tritt im Höcke-Land Thüringen an. Im Interview spricht die Parteichefin über eine Zusammenarbeit mit AfD und Werteunion.

Ein Besprechungsraum in einem Weimarer Nobelhotel. Sahra Wagenknecht trägt ein rotes Kostüm, die schwarzen Haare sind wie immer streng frisiert, das Lächeln ist verbindlich, aber auch nicht mehr. Seit knapp zwei Wochen amtiert sie als Vorsitzende einer Partei, die so heißt wie sie selbst: „Bündnis Sahra Wagenknecht“. Und diese Partei will in Thüringen antreten – in dem Land, in dem sie 1969 geboren wurde und das regiert wird von der Linken, mit der sie jetzt konkurriert. Wir sprachen mit ihr darüber.

Frau Wagenknecht, Ihre Partei tritt in Thüringen an. Wie viele Mitglieder hat das BSW in Thüringen denn?

Wir haben bisher 20 Mitglieder aufgenommen, 60 weitere werden in Kürze folgen. Aber es gibt bereits Hunderte Anträge, Mitglied oder Unterstützer in Thüringen zu werden. Es ist wirklich motivierend, wie viel Zuspruch wir bekommen: Da ist der sozial verantwortungsbewusste Unternehmer, der nicht zuschauen will, wie hohe Energiepreise und schlechte Bildung unsere Wirtschaft kaputt machen, die alleinerziehende Mutter oder die Rentnerin, die sich wünschen, dass sie von der Politik nicht ständig vergessen werden, der Landwirt, der es satthat, dass man ihm mit unsinnigen Vorschriften das Leben schwer macht. Es gibt ehemalige Linke aber auch frühere CDU-Mitglieder, Liberale, Sozialdemokraten …

… und AfD-Mitglieder?

Nein. Gerade in Ostdeutschland ist der rechtsextreme Flügel stark – und selbstverständlich nehmen wir keine Rechtsextremisten auf. Zum anderen gibt es programmatisch gravierende Differenzen. Die AfD steht nicht für eine gerechte Leistungsgesellschaft, sondern für blinde Marktgläubigkeit. Sie will keinen höheren Mindestlohn, keine bessere gesetzliche Rente, keinen gemeinnützigen Wohnungsbau, und sie setzt sich auch nicht dafür ein, Krankenhäuser vom Renditedruck zu befreien.

Sahra Wagenknecht im Interview.
Sahra Wagenknecht im Interview. © Funke Foto Services | Sascha Fromm

Sie sagen also: Aus der AfD wird es keine Wechsel zum BSW geben?

Ein Mitglied des BSW muss natürlich unsere vier programmatischen Kernpunkte unterstützen: wirtschaftliche Vernunft, soziale Gerechtigkeit, Frieden und Meinungsfreiheit.

Sie schließen damit Wechsel aus der AfD ins BSW nicht aus.

Ich schließe aus, dass wir Extremisten aufnehmen. Sie sind nicht willkommen, egal woher sie kommen. Aber ich frage mich, weshalb Debatten in unserem Land ständig um die AfD kreisen. Merken Sie nicht, welchen Gefallen Sie Höcke und Co. damit tun? Viele Menschen setzen jetzt ihre Hoffnung darauf, dass das BSW das abgehobene, bürgerferne, ideologiegetriebene Politikmodell aufbrechen kann. Damit wollen wir in Thüringen anfangen.

NameSahra Wagenknecht
Geburtsdatum16. Juli 1969
SternzeichenKrebs
Parteiehemals Die Linke (vormals SED und PDS), Bündnis Sahra Wagenknecht
Parteimitglied seit1989 (SED) bis 2023 (Die Linke)
Familienstandverheiratet, keine Kinder
EhemannOskar Lafontaine
WohnortMerzig (Saarland)

Etliche hoffen auch, dass das BSW eine AfD-Mehrheit in Thüringen oder Sachsen verhindert. Sie auch?

Noch einmal: Wir sollten die AfD nicht größer reden, als sie ist. Das beste Mittel gegen AfD-Erfolge wäre eine Politik, von der die Menschen sich nicht im Stich gelassen und vor den Kopf gestoßen fühlen. Natürlich wünsche ich mir, dass wir viele Wähler, auch solche der AfD, überzeugen können. Das könnte dazu beitragen, dass Thüringen wieder regierbar wird, mit einer Koalition, die eine parlamentarische aber auch gesellschaftliche Mehrheit hinter sich hat.

Welche Koalition könnte das sein?

Erst einmal kämpfen wir darum, mit einer starken Fraktion in den Thüringer Landtag einzuziehen. Danach werden wir schauen, mit wem wir Übereinstimmungen haben. Selbstverständlich nicht mit Rechtsextremisten wie Herrn Höcke.

Auch mit einem möglichen Werteunion-Fraktionschef Hans-Georg Maaßen?

Wir wissen noch gar nicht, ob er im Thüringer Landtag vertreten sein wird.

Das wissen wir beim BSW auch nicht. Immerhin wird Ihre Partei in Thüringer Umfragen bereits mit bis zu 17 Prozent gehandelt. Ist das wirklich ein realistischer Wert?

Das ist ein guter Wert, über den wir uns freuen. Je mehr wir in Thüringen mit profilierten Köpfen verbunden werden, desto mehr Wähler können wir erreichen.

Im vorläufigen BSW-Programm – es sind vier Seiten – finden sich lauter allgemeine Versprechungen, die sich ähnlich auch bei anderen Parteien finden. Lösungsansätze fehlen.

Das stimmt nicht. Dass andere Parteien manches von dem versprechen, was wir fordern, mag sein. Aber sie halten es nicht. Thüringen hat große ländliche Gebiete, und ich verstehe, dass viele Menschen dort wütend sind. Seit Jahren werden sie von Politikern, die nur noch in ihrer großstädtischen Blase leben, vergessen: erst ist die Arztpraxis weg, dann kam kein Bus mehr, dann wurde auch noch der Briefkasten abmontiert … Und dann werden die Leute herablassend belehrt, dass ihr Auto böse ist und sie gefälligst eine Wärmepumpe einbauen sollen. So kann das nicht weitergehen. Oder Zuwanderung: Dänemark beweist, dass man die unkontrollierte Migration beenden kann, wenn man die Anreize reduziert. Nur ein Prozent hat tatsächlich Anspruch auf Asyl, aber nahezu alle bleiben. Das überfordert unsere Kommunen. Und wenn Schulklassen starten, in denen über die Hälfte kein Deutsch spricht, leiden alle Kinder.

In Thüringen regiert seit mehr als neun Jahren Ihre frühere Partei. Sie hat also versagt?

Ich führe keinen Wahlkampf gegen Bodo Ramelow, auch wenn wir einzelne Fragen unterschiedlich sehen und ich seine Befürwortung von Waffenlieferungen an die Ukraine nicht teile. Wir führen einen Wahlkampf für die Menschen und für eine neue Politik in Thüringen.

Dennoch könnten Sie als die Politikerin, die ihre einstige Partei final implodieren ließ, in die Geschichte eingehen. Stört Sie dieser Gedanke gar nicht? Oder ist dies gar Ihr Ziel?

Nein. Ich habe mir den Parteiaustritt nicht leicht gemacht. Aber die Linke hat sich auf Bundesebene für eine Richtung entschieden, die nichts mehr zu tun hat mit dem, wofür ich stehe. Ich will nicht grüner sein als die Grünen, sondern streite für eine Politik, die sich um eine gute Zukunft für unser Land, für unseren Mittelstand, für die Menschen bei uns kümmert.

Und das ginge dann im Zweifel auch zusammen mit der AfD?

Fangen Sie schon wieder mit der AfD an? Björn Höcke ist ein Rechtsextremist, er paraphrasiert Parolen der SA. Mit solchen Leuten habe ich nichts zu tun. Ich mache mir aber die Mühe, zwischen AfD-Funktionären und ihren Wählern zu differenzieren. Es ist absurd und arrogant, sie alle als Nazis abzustempeln, statt sich damit zu beschäftigen, warum viele so wütend sind.

Das vollständige Interview mit Sahra Wegennecht lesen Sie hier.