Die Debatte um Schuluniformen nimmt neue Fahrt auf: In Frankreich hat sich jetzt Präsident Emmanuel Macron für Einheitskleidung ausgesprochen. Aber sollte es Kleidervorschriften für Kinder geben? Welche Argumente sprechen dafür und welche dagegen?
Schuluniform verhindert freie Entfaltung
Von Charlotte Bauer
Es mag vielleicht einige Gründe geben, die für Schuluniformen sprechen. In der heutigen Zeit sind sie jedoch völlig obsolet. Neuere Studien belegen, dass Kinder an Schulen, in denen einheitliche Uniformen vorgeschrieben sind, weder bessere sozialen Fähigkeiten aufweisen, noch sich ihrer Schule zugehöriger fühlen oder bessere Leistungen abliefern als jene an Schulen ohne Kleidervorschriften.

Das wichtigste Argument gegen eine Schuluniform ist aber das Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit. In Deutschland garantiert dies das Grundgesetz. Und eben diese freie Entfaltung äußert sich auch darin, welche Kleidung wir tragen. Kleidung ist schlichtweg eine Ausdrucksmöglichkeit für Kinder und Jugendliche. Gerade im jungen Alter ist es wichtig zu experimentieren. Sie probieren sich aus und finden sich darüber auch selbst. Besonders im Jugendalter gewinnt Kleidung immer mehr an Bedeutung und wird bewusst gewählt. Oftmals geht es dabei nicht um Marken, sondern um einen bestimmten Look. Denn nicht zuletzt über die Kleidung grenzen Kinder und Jugendliche sich bewusst von anderen ab. Sie wollen die Gemeinschaft einer Gruppe erleben, welche dieselben Interessen verfolgt. Ein Beispiel: Wer FC Bayern-Fan ist in Berlin, Essen oder Hamburg, ist sicher nicht in der Mehrheit, findet über ein Trikot aber schnell Gleichgesinnte an der Schule. Wenn die Schulkinder hingegen für einen Großteil des Tages eine Schuluniform tragen müssen, wird ihnen zu einem gewissen Grad ihre Ausdrucksfreiheit verwehrt.
Den Schülerinnen und Schülern wird damit jedoch nicht nur die Möglichkeit verwehrt, ihre Individualität über Kleidung auszudrücken, sondern es kommen dadurch auch veraltete Rollenmuster zum Ausdruck. Jungs müssen häufig Hemd und Hose tragen, Mädchen Röcke – ob sie wollen oder nicht. Mädchen zum Beispiel, die lieber Hosen tragen, können sich dadurch unwohler fühlen. Doch selbst wenn sie auch Hosen tragen dürfen: Eine Uniformpflicht kann die Geschlechterunterschiede verstärken. Sie verhindert auch, dass junge Leute sich jenseits von Geschlechterklischees selbst finden können. Schuluniformen – das passt nicht ins Jahr 2023.
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Dresscode statt Markenwahnsinn
Von Thorsten Knuf
Eines ist mal klar: Schülerinnen und Schüler sind keine kleinen Bankkaufleute. Man sollte sie unbedingt verschonen mit klassischen Schuluniformen, wie wir sie aus Großbritannien oder anderen Ländern kennen. Krawatte, Weste, Sakko, Rock: Das ist etwas fürs Büro – und wird selbst dort von vielen Beschäftigten als mittelgroße Zumutung empfunden. Heranwachsende sollen sich wohl fühlen beim Lernen. Auch in ihrer Kleidung.

Aber was spräche gegen Regeln in Schulen, die vorgeben, was in Sachen Kleidung geht und was nicht? Auch Lerneinrichtungen können einen Dresscode entwickeln. Gepflegte Jeans und Sweatshirts sollten kein Problem sein. Jogginghosen oder bauchfreie Tops hingegen werden vielfach als unangemessen empfunden und sind auch nicht unbedingt die Kleidungsstücke, die zu einem Arbeitsumfeld passen.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
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Vielleicht trägt das Sweatshirt ja auch noch das Logo der Schule. Das würde das Gemeinschaftsgefühl stärken und überdies den Markenwahnsinn in höheren Klassen begrenzen. Ganz beenden lässt der sich ohnehin nicht.
Kleidung und Mode sind seit jeher ein Mittel zur Betonung sozialer Unterschiede. Die Schule aber ist ein Ort, an dem es auf Herkunft und Einkommen der Eltern eigentlich nicht ankommen sollte. Folgende Vermutung sei erlaubt: Viele Eltern wären ganz froh, wenn es in der Schule ihrer Kinder Kleidungsvorschriften gäbe. Das würde ihnen so manche Diskussion beim Klamottenkauf ersparen. Oder am Morgen vor Schulbeginn, der in vielen Familien der stressigste Teil des gesamten Tages ist.
Im Nachbarland Frankreich, in dem die Freiheit des Einzelnen mindestens einen so großen Stellenwert hat wie hierzulande, wird jetzt nach dem Ende der Sommerferien wieder verstärkt über Einheitskleidung an Schulen diskutiert. Präsident Emmanuel Macron hat das Thema zur Chefsache gemacht. Es geht auch darum, religiöse Gewänder aus der laizistischen Schule zu verbannen. Die Debatte ist politisch viel stärker aufgeladen als hierzulande, die Bildungssysteme sind nicht miteinander vergleichbar. Gleichwohl sollten deutsche Schulen und Politiker ganz genau schauen, welche Erfahrungen französische Einrichtungen in nächster Zeit bei den angekündigten Modellversuchen machen werden. Vermutlich wird man davon eine Menge lernen können.




