Rechtsextreme Durchsage

Empörung nach Hitler-Skandal bei der Bahn in Österreich

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Stefan Schocher
Österreichs Sicherheitsdienste gehen davon aus, dass die größte Gefahr für den Rechtsstaat von rechtsextremen Gruppen ausgeht.

Österreichs Sicherheitsdienste gehen davon aus, dass die größte Gefahr für den Rechtsstaat von rechtsextremen Gruppen ausgeht.

Foto: Christof STACHE / AFP

In Österreich wird ein Zug während der Fahrt mit einer Hitler-Rede beschallt. Die Empörung ist groß, doch ein Einzelfall ist es nicht.

Wien.  In einem Zug nach Wien scheint die Lautsprecheranlage am Sonntag plötzlich verrückt zu spielen: Kurz vor St. Pölten sind zunächst die Hoppalas der österreichweit bekannten TV- und Bahnhofsstimme Chris Lohner zu hören, nach dem Halt dröhnen dann eine Hitler-Rede und schließlich einige „Sieg-Heil“ und „Heil-Hitler“-Rufe durch die Waggons.

Die Empörung ist groß, der Vorfall wird untersucht. Nach ersten Erkenntnissen hatten sich die Täter nicht etwa digital in den Zug „gehackt“, sondern manuell eine Mikroanlage geöffnet, ein Handy neben das Mikrofon gelegt, auf laut gestellt und ihre gespeicherten Botschaften verbreitet. Trotzdem gärt es, denn der Vorfall in der Bahn fügt sich in ein Gesamtbild. Anscheinend war es nicht der erste derartige Vorfall in einem Zug. Seitens der Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB) hieß es, es seien zwei Männer angezeigt worden. Näheres zu Tätern und Motivlage ist nicht bekannt.

Österreich: Rechtsextreme sind größte Gefahr im Land

Mittlerweile gehen Österreichs Sicherheitsdienste davon aus, dass die größte Gefahr für den Rechtsstaat von rechtsextremen Gruppen ausgeht. Über lange Jahre war dem Phänomen eher wenig Beachtung geschenkt worden. Tatsächlich galt die rechtsextreme Szene in Österreich als eher bescheidener Haufen alternder Kellernazis, die einige Hooligans um sich scharten. Den ideologischen Mainstream der Szene deckte die rechte FPÖ ab.

Österreich galt in diesen außerparlamentarischen Kreisen eher als Rückzugsgebiet oder auch Raum für die Beschaffung von Waffen. Wobei die Waffenfunde in den vergangenen Jahren beachtlich waren: Ganze Arsenale an Kriegsgerät und Tonnen an Munition wurden ausgehoben. Bestimmt waren sie auch für deutsche Neonazis und Reichsbürger. Im jüngst vorgestellten Verfassungsschutzbericht heißt es aber auch, rechtsextremistische Propagandisten hätten „durch systematische Vereinnahmungsversuche des Protests“ – etwa gegen Corona-Maßnahmen – bislang kaum erreichbare Gesellschaftsschichten an ihr verfassungsgefährdendes Gedankengut heranführen können.

Radikales Gedankengut ist in die gesellschaftliche Breite gesickert. Dass dem so ist, liegt an grassierender Politikverdrossenheit aufgrund endloser Korruptionsaffären sowie an dem Umstand, dass sich eine Parlamentspartei ganz massiv auf die Zorn-Welle der Corona-Leugner gesetzt hat: die FPÖ. Die liegt laut Umfragen derzeit bei 30 Prozent und ist damit die mit Abstand stärkste Partei im Land – trotz oder gerade wegen solcher Aussagen, wie sie Parteichef Herbert Kickl zuletzt zum Thema Migration tätigte: „Machen wir’s dem Orban nach.“ Oder wegen solcher Aktionen wie zur Antrittsrede von Bundespräsident Alexander Van der Bellen, als es demonstrativ keinen Applaus gab für die Worte: „Nie wieder Nationalsozialismus.“

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