Kommentar

Corona: Wie sich das Dilemma mit der Impfpflicht lösen lässt

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Diana Zinkler
Eine Corona-Schutzimpfung wird durchgeführt.

Eine Corona-Schutzimpfung wird durchgeführt.

Foto: dpa

Eine Impfpflicht für bestimmte Berufsgruppen wäre verkraftbar, schreibt unsere Autorin. Daszeigen auch Beispiele aus anderen Ländern.

Berlin. Es ist ein klassisches Dilemma, scheinbar. Auf der einen Seite laviert die Welt seit eineinhalb Jahren im Kampf gegen die Corona-Pandemie. Jedes Land probierte und probiert dabei unterschiedliche Methoden, um die Lage im Griff zu behalten.

Lockdown, Schulschließungen, der Ausbau von digitalen Lernplattformen, Kontaktverbote, Abstandsgebote, Maskenpflicht, Testpflicht, Zugangskriterien wie 2G oder 3G, Besuchsverbot in Altenheimen, Homeoffice, Versammlungsbeschränkungen – auch an den höchsten Feiertagen wie Weihnachten oder Ostern. Es gab und gibt noch viele Regeln. Und Arbeitgeber treiben die Digitalisierung ihrer Unternehmen voran, um büroloses Arbeiten im Homeoffice zu ermöglichen.

Pandemie: Alle schränken sich ein, niemand redet über Impfpflicht

Auch die Gesellschaft hat verstanden, Feiern wie Hochzeiten werden verschoben, Trauerfeiern werden auf eine kleine Gruppe begrenzt, Reisen werden nicht angetreten, Urlaube im eigenen Land verbracht oder es wird gleich ganz zu Hause geblieben. Alles, was nicht sein muss, wird gelassen. Manch einer hat die Verwandtschaft im anderen Bundesland schon mehr als ein Jahr nicht gesehen.

Wir schränken uns alle ein. Nur damit wir über eine Sache nicht sprechen müssen: die Impfpflicht. Stattdessen nehmen wir ein Leben unter Einschränkungen und mit unterschiedlichsten Regeln in Kauf. Doch jetzt zieht die vierte Welle an, und es trifft die Ungeimpften und wieder einmal die Älteren, die sich durch Besucher, aber auch durch das Pflegepersonal in Altenheimen anstecken. Auch wenn ältere Menschen schon geimpft sind, tragen sie ein größeres Risiko für einen schweren Verlauf, weil sie dem Virus nicht mehr so viel entgegensetzen können wie junge Menschen.

Auf der anderen Seite des Dilemmas steht der Fachkräftemangel im Pflegebereich. Dieser Mangel ist ein ziemliches Ass im Ärmel der Angestellten in der Pflege; kommt die Karte nur zum Vorschein, zucken Spitzenpolitiker vorsichtig zurück. Die Angst, dass zu viele Pflegekräfte sich bei einer Impfpflicht aus ihrem Beruf verabschieden würden, ist groß und weit verbreitet. Doch in jedem Selbsthilfebuch lässt sich nachlesen, dass Angst ein schlechter Ratgeber ist.

Corona-Impfpflicht für bestimme Berufsgruppen wäre verkraftbar

Nach Italien haben im Spätsommer auch Griechenland und Frankreich eine Impfpflicht für Gesundheits- und Pflegekräfte eingeführt. Die Argumentation von Frankreichs Präsident Emmanuel Macron war dabei, dass man die sich schnell ausbreitende Delta-Variante in den Griff bekommen, die Einlieferungen in Kliniken begrenzen und somit das ganze Gesundheitssystem entlasten wollte.

Am 15. September war der Stichtag für die Pflegekräfte in Frankreich, am 16. September meldete das Gesundheitsministerium, dass 3000 nicht geimpfte Pflegekräfte vom Dienst freigestellt worden sind – allerdings von insgesamt 2,7 Millionen Franzosen und Französinnen, für die die Impfpflicht gilt. Sie betrifft das Personal von Krankenhäusern und Pflegeheimen sowie Feuerwehrleute.

Am Beispiel Frankreich lässt sich vielleicht ablesen, dass auch eine gesetzliche Corona-Impfpflicht für bestimmte Berufsgruppen, die sich pflegend um Menschen kümmern, zumindest was den Fachkräftemangel betrifft, zahlenmäßig zu verkraften wäre.

Dass immer noch viele Pflegende ungeimpft sind, ist ein Paradox. Gerade die Menschen, die sich aufopfernd um Alte und Kranke kümmern, schrecken teilweise vor einer Impfung gegen das Coronavirus zurück. Es gibt kaum eine Arbeit, die mutiger, wertvoller und anstrengender ist als die Pflege. Pflegenden gebührt jeden Tag der größte Dank! Trotzdem ist die Impfpflicht in der Pflege überfällig – und ändert nichts an der großen Wertschätzung, die dem Pflegepersonal gebührt.