Gil Ofarim

Antisemitismus in Deutschland: Das sind die jüngsten Tatorte

| Lesedauer: 5 Minuten
Christian Unger
Leipzig: Nach Antisemitismus-Vorwürfen haben sich am Abend Hunderte Menschen vor dem "Westin Hotel" Leipzig versammelt, um Solidarität mit dem Musiker Gil Ofarim und Jüdinnen und Juden in Deutschland zu zeigen.

Leipzig: Nach Antisemitismus-Vorwürfen haben sich am Abend Hunderte Menschen vor dem "Westin Hotel" Leipzig versammelt, um Solidarität mit dem Musiker Gil Ofarim und Jüdinnen und Juden in Deutschland zu zeigen.

Foto: Dirk Knofe / dpa

Nach judenfeindlichen Äußerungen in Leipzig ist die Kritik groß. In der jüngsten Zeit kam es immer wieder zu antisemitischen Angriffen.

Berlin. Noch am Abend versammeln sich einige Hundert Menschen vor dem Westin Hotel in Leipzig. Sie demonstrieren gegen Antisemitismus, zeigen sich solidarisch mit dem Musiker Gil Ofarim. Vor dem Hotel stehen auch ein Dutzend junge Menschen, sie halten ein Transparent hoch, mit Israel-Flagge, mit dem arabischen Halbmond. Es sind offenbar Mitarbeitende des Hotels.

Manche loben die Aktion der Hotel-Angestellten. Andere kritisieren, dass sie den Staat Israel plakatieren, wenn es doch um Judenhass geht. Das Hotel selbst hat nun laut Medienberichten die beiden Mitarbeiter beurlaubt, die Gil Ofarim antisemitisch beleidigt haben sollen.

Lesen Sie auch:Kommentar: Kein Platz für Judenhass in Deutschland

Ofarim ist nach eigenen Angaben von einem Mitarbeiter aufgefordert worden, seine Halskette mit einem Davidstern einzupacken. In einem Video auf Instagram schildert Ofarim die Situation, sichtlich verletzt. Erst wenn er den Davidstern ablege, dürfe er einchecken.

Berlin, Hamburg, Leipzig – Tatorte des Antisemitismus in Deutschland

Es ist ein erneuter Fall von Antisemitismus, der Schlagzeilen macht in diesen Wochen.

Tatort Berlin: Erst kürzlich berichtete die Berliner Polizei, dass Fans des israelischen Fußballmeisters Maccabi Haifa beim Spiel gegen Union Berlin im Olympiastadion antisemitisch beleidigt wurden. Nun untersucht die Uefa den Fall. Wie die Europäische Fußball-Union mitteilte, wurde ein Ethik- und Disziplinarinspektor ernannt, der die Geschehnisse im Berliner Olympiastadion untersuchen soll.

Lesen Sie auch:Antisemitische Vorfälle auf Demonstrationen gegen Israel

Der Präsident von Union Berlin nannte den judenfeindlichen Vorfall „beschämend und nicht tolerierbar“. Gegen einen Tatverdächtigen wird ermittelt, ihm wird Volksverhetzung vorgeworfen.

Tatort Hamburg: Am 18. September beleidigt ein junger Mann einen Menschen erst mit judenfeindlichen Parolen, dann schlägt er zu. Mit der Faust ins Gesicht. Ein Foto, das das Opfer im Netz teilt, zeigt den Mann schwer verletzt im Gesicht. Kurz darauf nimmt die Polizei einen 16 Jahre alten Jungen aus Berlin fest.

Tatort Auschwitz: Schmierereien am Ort, wo mehr als eine Million Menschen ermordet wurden. Mehrere historische Gebäude der NS-Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau sind mit antisemitischen Parolen beschmiert worden. Und das am Tag, als Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier auf dem Weg in die Ukraine ist. Dort, nahe der Hauptstadt Kiew, im Ort Babyn Jar wurden Ende September 1941 an zwei Tagen mehr als 33.000 ukrainische Juden von SS-Kommandos erschossen.

Bundeskriminalamt registriert Rekord bei antisemitischen Straftaten in Deutschland

Berlin, Hamburg, Leipzig – die Vorfälle zeigen, wie akut Antisemitismus in Deutschland ist. Und eine Ausnahme sind die Vorfälle nicht. Das Bundeskriminalamt registriert in seinem aktuellen Lagebericht zur politisch motivierten Kriminalität einen Anstieg des Antisemitismus in Deutschland. Zählte die Polizei 2019 noch 2032 judenfeindliche Straftaten, waren es 2020 schon 2351 – ein Anstieg um 15 Prozent. Und die höchste Zahl seit Beginn der Statistik im Jahr 2001.

Es ist ein besorgniserregender Trend. Viele Jahre blieben die antisemitischen Straftaten auf einem Level, jetzt aber steigen sie an. Das deckt sich mit Erfahrungen von jüdischen Menschen in Deutschland. Jüdische Gemeinden und auch der Zentralrat der Juden sehen sich seit Längerem Anfeindungen und auch Angriffen ausgesetzt.

In einer Studie der Universität Bielefeld hat der renommierte Forscher Andreas Zick Jüdinnen und Juden in Deutschland befragt. Sie erzählen von der Hetze gegen sie, Verwandte oder Freunde – auf der Straße, im Internet.

Antisemitische Hetze auch von muslimischen Männern

Der Hass begegnet Jüdinnen und Juden auf der Straße, im privaten Umfeld, im Berufsleben. Und vor allem auch im Internet. Antisemitische Hetze hat im Zuge der Corona-Pandemie noch einmal an Fahrt aufgenommen. Immer wieder verbreiten Corona-Leugner, Rechtsextremisten, Verschwörungsideologen krude Parolen von einer „jüdischen Weltregierung“, die hinter der Pandemie stecke.

Auch von Beleidigungen und Übergriffen durch mutmaßlich muslimische Täter berichten jüdische Gemeinden häufiger. Höhepunkt einer Hetze aus dem Lager: Im Mai war es auf Demonstrationen gegen im Zusammenhang mit dem Konflikt zwischen Israel und Palästinensern in Nahost zu antisemitischen Parolen in mehreren deutschen Städten gekommen.

Fast 60 Prozent der Befragten der Bielefelder Studie von Forscher Zick fühlen sich unsicherer seit der Zuwanderung vor allem aus Staaten, in denen der Islam Staatsreligion ist und der Hass auf Juden und Israel teilweise zur Doktrin einer Regierung gehört.

„Heute wäre der Geburtstag seines Vaters gewesen“

Antisemitische Einstellungen sind weit verbreitet in der deutschen Gesellschaft: Eine Bertelsmann-Studie zeigt, dass 81 Prozent der Deutschen die Geschichte der Judenverfolgung „hinter sich lassen“ möchten. 58 Prozent wollen einen „Schlussstrich“ ziehen. Fachleute sehen in dieser Schuldabwehr für die Verbrechen der Nationalsozialisten einen Faktor für die Zunahme von antisemitischen Haltungen unter den Befragten.

Der Musiker Gil Ofarim, der von antisemitischen Beleidigungen in dem Westin Hotel in Leipzig berichtet, erwägt laut seinem Management, Anzeige gegen die Mitarbeiter zu stellen. Bisher habe es keine offizielle Entschuldigung seitens des Hotels gegeben.

Ofarim müsse die Vorkommnisse in Leipzig erst einmal verdauen und sei sichtlich schockiert. „Heute wäre der Geburtstag seines Vaters gewesen, deshalb möchte er zu diesem Thema auch erst einmal keine weiteren persönlichen Interviews geben“, hieß es. Der Tag sei generell schon schwer genug für ihn. Man bitte um Nachsicht und Verständnis.